Generationsunterschiede in der Magnetbandtechnik, A77 / A810
#1
Ein Programmpunkt des ReVox-Fan-Treffens 2005 in Colmar widmete sich der Frage, was sich in der analogen Magnetbandtechnik während eines Zeitraums von ca. 30 Jahren getan hat. Zu diesem Zweck hat P.Nieratschker eine Revox A77 und eine Studer A810 während der Aufnahme von CD zum Vergleich gestellt.

Verwendet wurde ein
# Mischpult Studer 961
# Eine Umschaltbox (Eigenbau)
# Abhörlautsprecher waren aktive Backes & Müller Omega. gestellt von MichaelB
# CD-Player war der Studer A725QC, ebenfalls von MichaelB gestellt. Dieser Player ist die Studiovariante des Revox B225.
# Die A77 war eine der ersten dieses Typs, noch mit starrem Umlenkbolzen. Sie befand sich im fast naturbelassenen Rohzustand ab Fundort Keller. Sie wurde im Rahmen der Chancengleichheit neu eingemessen (PEM 468) und erhielt, wegen der Pegelverhältnisse einen Ausgangsverstärker des A725QC, der statt der üblichen 0,775 Volt eben den Studiopegel von 1,55 Volt lieferte. Die Maschine war eine 2-Spur-Variante mit normalen Köpfen (2 mm Trennspur), eben eine typische Amateurmaschine.
# Die A810 zählt zu den am weitesten entwickelten Bandmaschinen der analogen Tonaufzeichnung. Eine klassische Studiomaschine, jedoch kein "Brummer" wie die A80 sondern fast wohnzimmertauglich. Es gibt sie in den verschiedensten Varianten, u. a. auch mit 4 Geschwindigkeiten von 9,5 bis 76. Die hier gezeigte Maschine hat VUs, das macht sie interessant für jeden "Normal-User" , der sich kein Pult ins Wohnzimmer stellen will. Die A810 wurde ebenfalls auf das PEM 468 eingemessen und extra für diese Vorführung ihrer Schmetterlingsköpfe beraubt, also auf auf die normalen Köpfe mit 2 mm Trennspur umgestellt.

Beim einfachen Musikhören am Vorabend konnte die Anlage (nur der Player an den Aktiv-Boxen) nicht so recht überzeugen, was im wesentlichen am Programmaterial lag und auch an den etwas ungünstigen akustischen Verhältnissen.

Für die Vorführung hatte PhonoMax Material gestiftet, Jürgen Heiliger steuerte einige CDs des Jazz-Labels "Quinton" bei. Mit diesen - perfekten - Aufnahmen war die Anlage nicht wieder zu erkennen. Eine Solo-Klarinette stand naturgetreu abgebildet im Raum. "Wie festgenagelt", würde der High-Ender sagen. Er würde auch gar nicht glauben wollen, daß dies mit einem als antiquiert geltenden 14-bit-Wandler möglich wäre.

Die Lautsprecher reagieren wohl, ähnlich guten Studiomonitoren, recht empfindlich auf Murks bei der Aufnahme. Sie waren also für diesen Zweck genau das richtige.

Vorneweg - dies war kein Test mit irgendeiner statistischen Beweiskraft, es ging mehr um eine Demonstration und um ein Hineinhören. Das war interessant genug.

Etwas gehandicapt war die A77. Wurde sie eingeschaltet, war ein Schaltknacks zu vernehmen, der aber nicht auf einen defekten Schalter zurückzuführen war, sondern darauf, daß diese Amateurmaschine nicht symmetrisch aufgebaut war. Auch lieferte diese bewusst nicht getunte Maschine den von der A77 gewohnten leichten Brumm, anhand dessen ihre Aufnahme während leiser Passagen zu identifizieren war. Man konnte mit diesen Hilfsmitteln bei leisen Passagen recht leicht heraushören, wann die A77 im Einsatz war.

Die A810 war nach Aussage des Vorführenden nicht in perfect condition, was ich aber nicht bemerkt habe, ebensowenig wie die meissten der anderen Anwesenden. Der Umbau von Schmetterlingsköpfen auf normale Köpfe sei etwas schnell erfolgt, und an kritischen Stellen sei das zu bemerken gewesen. Die selbstgesteckten Anforderungen (und Hörfähigkeiten) sind doch sehr verschieden. Wink

Zu bemerken war vor allem, wie gering der Unterschied zwischen der A77 und der A810 war, wenn man sich bei den Betrachtungen nur auf den Klang beschränkt. Ebenso gering war der Unterschied beider Maschinen zum "CD-Master". Natürlich war ein Unterschied da, der aber sehr klein und sehr schwer zu beschreiben war. Ich will es mal so versuchen: Wenn man sich ein Bild von der räumlichen Abbildung gemacht hatte, so schien beim Umschalten alles ein wenig zu verrutschen, speziell dann, wenn die A77 ins Spiel kam. Nicht so, daß man sagen könnte "richtig-falsch", eben geringfügig anders. Kann es auch sein, daß die A77 im Bass ein wenig dicker aufträgt als die A 810? Ich glaube mích zu erinnern. Beide Maschinen zuverlässig zu unterscheiden, ohne die Hilfsmittel "Brumm & Knacks" traue ich mir so ohne Weiteres nicht zu. Die Unterschiede von CD-Master zu A810 waren noch geringer, das Umschalten klappte hier wegen des symmetrischen Aufbaus der Geräte butterweich. Klugerweise behielten viele den Arm unter, als zu Abstimmung gebeten wurde, die angezeigten Entscheidungen der Mutigen waren größtenteils falsch! Mit etwas Übung vielleicht?


Eines wurde ebenfalls deutlich:
Eine sauber eingemessene Maschine (in diesem Fall auf 320 nWb/m), ein aktuelles Bandmaterial (in diesem Fall PEM 468), und das Thema "Bandrauschen" sollte für die allermeissten kein Thema mehr sein. Es war da, fein und dezent, störte aber nur die, die ausschließlich digital hören, dies auch nur in leisen Passagen.

Ach ja, es wurde auf die studiotypischen 38 cm/sec. verzichtet und alles in 19 cm/sec gemacht. Also zu Amateurbedingungen.

Man kann nun für sich entscheiden, ob man begeistert von der A77 ist, weil sie schon bei Markteinführung Ende der 60er einen Stand erreichte, der nicht mehr weit übertroffen wurde, oder enttäuscht darüber, daß während 30 Jahren keine nennenswerten Fortschritte gemacht wurden. Letzteres wäre aber falsch, die Fortschritte wurden schon gemacht, aber nicht unbedingt auf dem Gebiete der Klangverbesserung. Über die Finessen und Featurers der A810 zu schreiben, würde einen Extra-Artikel lohnen.

Nach der Vorführung ging es nochmal fast 30 Jahre zurück, in das Jahr 1943. Aus dieser Zeit stammte eine historische Stereo-Aufnahme eines Klavierkonzerters von Beethoven, wahrscheinlich eine der allerersten Stereoaufnahmen überhaupt. PhonoMax und auch MichaelB haben an anderer Stelle über diese Aufnahme berichtet, sie ist ein Thema für sich.

Auch wenn man diesen Sprung von 1943 bis zur A77 sehr deutlich hörte, so war diese Aufnahme auch nach heutigen Maßstäben keineswegs schlecht. Das Rauschen war der ohrenfälligste Mangel, und diesem zum Trotz klang die Aufnahmen mitreissender und stimmiger als manche neue Einspielung des gleichen Werkes.

Diese Vorführung machte Lust auf mehr. Ausbau wäre auf der Geräteseite möglich (DAT, MD, HiFi-Video, etc...) aber auch bei der Durchführung. Als regelgerechter Blindtest mit statistischer Aussagekraft würde sich mancher Quantensprung auf einen Hüpfer vom Teppichrand zurecht schrumpfen.

Ein weiterer interessanter Beitrag kam vom Gastgeber, Serge Thomann. Die Aufnahme eines Orchesters, gemacht mit nur mit 2 Mikorphonen, die direkt in eine PR 99 eingesteckt wurden, gelang verblüffend gut und sollte allen ein Ansporn sein, nicht nur vorkonfektioniertes Material auf Band zu kopieren.

Anmerkung: Evtl. Ergänzungen, bitte auch Korrekturen bei den Gerätetypen etc., bitte ich anzubringen.

Hier noch meine Fragen:

a) Warum bekam die A77 einen anderen Ausgangsverstärker, warum wurde nicht einfach mit dem Pult auf ein Niveau gepegelt? Hat das was mit dem bekannt mittelprächtigen Ausgangsverstärker der A77 zu tun?

b) Der Pegel war, wie man am RWT-Aussteuerungsmesser erkennen konnte, recht hoch. Also deutlich über 0 db. Was war der Hintergrund?

Vielleicht beantworten sich die Fragen auch durch eine nachgeschobene Erklärung der technischen Hintergründe seitens der Durchführenden Wink

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Edit 31.05.2005 / mf:
CD-Player war falscher Typ
korrigiert von A724 auf A725QC
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Photo stammt von Jean Niederberger aus dem Revox-Forum. Danke dafür.
[Bild: RFT_2005_Colmar_DSC00974.jpg]
Michael(F)
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[Kein Betreff] - von Michael Franz - 30.05.2005, 18:38
[Kein Betreff] - von Etienne - 30.05.2005, 19:13
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[Kein Betreff] - von PhonoMax - 31.05.2005, 16:09

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