01.04.2020, 14:42
dynamike,'index.php?page=Thread&postID=256474#post256474 schrieb:Hm, Frank, Du kannst ja froh sein, daß Dein Modell nicht der Rostfraßpest der Vorgängerin zu Teil wurde. Mein Schwager (KFZ - Mechaniker) konnte seinen selbst nicht mehr wirtschaftlich retten ;(
LG
Mike
Welche Vorgängerin meinst Du ?
Die Rostfraßpest fing in den frühen neunziger Jahren an, als die Hersteller auf wasserbasierte Grundierungen umgestellt haben, und betraf bei der Mercedes Mittelklasse den späten W124 und dann den W210 - anders als vielfach behauptet, waren alle Baujahre und alle Produktionsstandorte betroffen.
Das Problem - das übrigens fast alle Hersteller betroffen hat, nicht nur Mercedes - waren Bakterien, die sich in den Grundierungsbädern breitgemacht haben, und deren Ausscheidungsprodukte dazu geführt haben, dass zwischen Grundierung und Blech kein ausreichender Kontakt zustandegekommen ist. Hier muss man Mercedes zugute halten, dass man als einziger Hersteller Ursachenforschung betrieben hat, es wusste nämlich damals wirklich niemand, woher es kam.
Das Bakterienproblem hatte die Eigenart, dass die Autos, die in den ersten Tagen durch ein frisches Bad gewandert sind, quasi überhaupt keine Probleme gehabt haben, während die letzten Exemplare meist unrettbar verloren waren - dazwischen gab es die Rosterei in vielen unterschiedlichen Intensitäten. Viele Autos wurden aufwändig teils mehrmals rostsaniert, wobei die überforderten Werkstätten den Ruf der Autos dann endgültig ramponiert haben. Normale Autolackierereien mussten sich zu der Zeit fast nur noch mit Unfallschadenbeseitigung an neueren rostfreien Autos auseinandersetzen, ich musste selber vor einigen Jahren die erschütternde Tatsache erkennen, dass ein Profi-Lackierer nicht zwangsläufig die Korrosionsschutz-Technologien kennt, die ein Restaurator kennt. Das fehlende Verständnis für Korrosionsschutz hat dann dazu geführt, dass die instandgesetzten Fahrzeuge immer wieder nach kurzer Zeit zu rosten anfingen, und zwar an den gerade erst instandgesetzten Stellen.
Die Kisten, die heute noch in gepflegtem Zustand auf der Straße sind, sind zwischen 18 und 25 Jahren alt, man kann davon ausgehen, dass man heute kaum noch ein Exemplar findet, was damals dieses Problem hatte, und wenn, dann sieht man es ihm offen an - anders als bei älteren Modellen wie dem W123, die von innen nach aussen rosten, und noch eine neuwertige Anmutung haben können, wenn sie im Kern schon endfertig sind. Und die 210er, die heute noch auf der Straße sind, führen sämtliche "früher war alles besser" Philosophien ad absurdum. Ich würde sogar sagen, dass der W210 ( und seine kleineren Kollegen W202, W203 und W208 / W209 ) deshalb so große Schwierigkeiten hat, als Klassiker gesehen zu werden, weil er für seine Zeit so modern und gleichzeitig so solide war. Mein 430iger ist 21 Jahre alt, marschiert auf die 450tkm Laufleistung zu, und fährt sich wie ein mittelalter Gebrauchtwagen. Das hat ohne größere Instandhaltungsarbeiten weder der W124 noch der W123 geschafft, die fuhren dann zwar noch, aber wie ausgeleierte Kaleschen, und speziell vom W123 erreichten viele Exemplare rosttechnisch das zehnte Lebensjahr nicht. Und anders als die W210 waren die dann nicht nur wirtschaftlich fertig, sondern auch technisch nicht mehr zu retten.
Ich würde es halt einfach mal gerne verstehen, wieso die Autos der "guten alten Zeit" als so haltbar in Erinnerung geblieben sind, wenn doch die Realität genau das Gegenteil zeigt. Obsoleszenz ist ein integraler Bestandteil der Industrieproduktion, und nicht erst eine Erfindung der Neuzeit. Die Hersteller haben schon immer dafür gesorgt, dass die Masse der produzierten Autos nicht viel älter wurden, als es der geplante Lebenszyklus vorgegeben hat.
Gruß Frank
