Welche Bandgeschwindigkeit bei der Aufnahme
#17
Liebe Laetitia,

ohne dein Anliegen des bewussten im Blickfeldbewahrens dessen, was wichtig ist, hier madig machen zu wollen (es ist auch meines; Agfas Bandpapst F. Krones wurde seinerseits nicht müde, darauf hinzuweisen), sehe ich aber doch Notwendigkeiten, auf ein paar Kleinigkeiten in deinem Statement Bezug zu nehmen, weil sonst begrifflich vielleicht das eine oder andere Gefahr läuft, in den Graben zu fahren:

So wissen wir seit Sauveurs Beschreibungen 1700/1701 (er übrigens soll taubstumm gewesen sein) und seit Fouriers Théorie analytique de la chaleur (1822), dass Partialtöne, also die Elemente der Klangfarben etwas mit der oberen Grenzfrequenz eines 'Generators' oder 'Vermittlungssystems' zu tun haben. Beschränkungen dieser Grenzfrequenz führen damit zu Klangfarbenveränderungen. Dabei allerdings sollte man sich füglich Gedanken dazu machen, was wie unter welchen Umständen warum zuverlässig übertragbar ist, was nebenbei nicht mit einer elektrischen Wandlung oder Übertragung, sondern bereits mit der Anordnung des Rezeptors (gleichviel, ob das ein Ohr oder eine Mikrofon ist) in einem Raum oder in einem reflexarmen Schallfeld, also der Primärwandlung zu tun hat.
Der Gedanke, eine Übertragung auf 10 kHz Bandbreite zu beschränken, wie es die Reichsrundfunkgesellschaft seit den späten 20er Jahren zur Richtschnur ihrer Forderungen an die Geräteindustrie erhob, ist nicht so abseitig, wie das aus der heutigen, ihrerseits zur Abartigkeit tendierenden Warte erscheinen mag.

Betrachten wir nämlich das Verhalten der meisten Musikinstrumente des Abendlandes, so zeigen uns gerade sie in besonders anschaulicher Weise, was für das menschliche Gehör an erfassbaren Signalen immer (!) wesentlich war, und von wo an das Erfassbare warum langsam auszulaufen beginnt. Dazu sei angemerkt, dass Schlaginstrumente nur eine, zugegebenermaßen sehr, sehr alte, aber auch nicht sehr variabile Instrumentengruppe bilden.
Weiterhin sind die Leistungen, die heute der analogen Platte in grober, nur mit purer Unkenntnis erklärbarer Überschätzung ihrer technisch sehr begrenzten Möglichkeiten und umso dramatischeren Engpässe nachgerühmt werden, ohne eine Frequenzgangbeschränkung ebensowenig denkbar wie die analoge Magnetbandaufzeichnung.

Dass Rundfunk und Schallplatte (hier meine ich die LP nach Blumlein und Rhein) sich im wesentlichen und über Jahrzehnte auf den Frequenzbereich zwischen 40 Hz und 15 kHz beschränkten und beschränken konnten (übrigens Voraussetzung der Multiplexstereofonie!), hat mit dem Verhalten der Musik entlang den Prinzipien der abendländischen Mehrstimmigkeit, oder -physiologisch-technisch ausgedrückt- mit den von Eberhard Zwicker zusammenfassend beschriebenen Mithörschwellen unseres Gehörs zu tun, ohne die weder Johann Sebastian Bach noch Gustav Mahler, die Beatles oder John Cage der menschlichen Kultur mehr oder minder akzeptables hinterlassen hätten.

Mit dem bedeutenden Psychoakustiker Eberhard Zwicker (und seinen Vorläufern H. L. F. von Helmholtz, Ferdinand Trendelenburg, Walter Weber oder seinen Erben in Gestalt von Jens Blauert oder Günther Theile) sind wir allerdings beim zweiten Fingerzeig, den ich zu deinem Text oben geben möchte: Psychoakustik heißt zwar so, hat mit Psychologie (darauf rekurrierst du stillschweigend) allerdings vergleichsweise wenig zu tun. Psychoakustik -in Deutschland eine recht alte der neuzeitlichen Naturwissenschaften- ist die Wissenschaft von der Auswertung der auf den Rezeptor ausgeübten akustisch physikalischen Reize (in Pegel, Spektrum und interauralem Verhalten) durch den menschlichen Intellekt. Dieser Vorgang folgt den physiologischen und mentalen Möglichkeiten des Gehörssinnes, die bis heute sehr gut und nun auch tatsächlich sehr vollständig (also soweit man gehen kann) beschrieben sind. Man kann lediglich die Genauigkeit der Aussagen steigern, überraschende Einsichten sind einstweilen nicht mehr zu erwarten. Interessant dabei ist, dass die Identität jener Gehörswahrnehmung über alle Kulturen frappiert und beispielsweise auch bezüglich des alters- und berufsbedingten Gehörsverlsutes ebenfalls über alle Kulturen, menschlichen Rassen und Sprachen de facto und seit Jahrzehnten direkt vergleichbaren Gesetzmäßigkeiten folgt.

Das zeigt sich letztlich auch darin, dass abendländische Musikprinzipien zwar weltweit zur Instrumentenbautechnik und Sammlung von musikalischen Ideen 'gewildert haben', heute aber die Welt kulturell in die Zange nehmen, weil mit ihnen entlang der Möglichkeiten des menschlichen Gehöres (und damit der Psychoakustik) für den großflächigen Durchschnitt der Menschheit trotz begrenzbaren(!) Anspruches am meisten anzufangen ist.

Psychoakustik ist also eine physikalisch/physiologische, damit letztlich mathematische Wissenschaft, bei der für psychologisch/soziologisch/etnologische Individualinterpretation wenig Raum bleibt.

Eines fällt mir noch zur "Mittelwelle" und der mit ihren Möglichkeiten erreichbaren 'Wahrnehmungsqualität' ein, ist dann aber auch 'das Letzte', was ich zum Besten gebe:
Amerikanische Nachrichtenoffiziere mit entsprechendem Hintergrund stellten in den letzten anderthalb Kriegsjahren anhand der Mittelwellensendungen des "Großdeutschen Rundfunks" und ihrer 3,5 bis 4,5 kHz betragenden Bandbreite (bei 35 dB Geräuschspannungsabstand, hüstel) regelmäßig fest, dass man bei der RRG offenbar ein sehr hochwertiges Schallspeicherverfahren besitzen musste, das "wie live klang, aber nicht live war": Es war dies der praktische Kontakt mit dem Hf-Magnetofon, dessen älteres Geschwister allerdings bereits sieben Jahre zuvor in den USA gewesen war und nach Studium der Funkschau vom Juni 1941 auch international hätte bekannt sein müssen.

Wahrnehmungsschwellen liegen tatsächlich oft da, wo man sie nicht erwartet.

Hans-Joachim
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