HighCom und Bandmaschine - macht das Sinn ?
#5
Lieber Jochen,

für die Musikaufnahme hat eine Rauschunterdrückung tatsächlich immer einen Sinn, bei messtechnischen Anwendungen des analogen Magnetofons sah das natürlich anders aus. Bei der Musikproduktion konnte die analoge Aufnahme nur über Dolby A (notfalls), vor allem aber TelcomC4 und schließlich auch durch Dolby SR unter CD-Prämissen in Konkurrenz zur ordnungsgemäß erstellten digitalen Aufnahme treten.

Wir müssen aber im Auge behalten, dass die bewussten 60 dB Betriebsdynamik eines analogen Speichersystems in Gestalt der technisch realisierbaren 1000 Pegelstufen auch bei noch so ausgefuchsten Kompandersystemen zwangsläufig unvermehrt bleiben und lediglich auf einen größeren Dynamikbereich verteilt werden, der damit gröber gestuft wird. Das heißt. dass bei Dolby A jene 1000 Stufen auf 72 (1:4000), bei TelcomC4 auf 92 (1:40000) und bei Dolby SR auf 85 dB (1:18000) verteilt werden.

In der Musikproduktion spielt das angesichts des Vorteiles einer erheblich erhöhten Betriebsdynamik bei gleichzeitiger Reduktion des Klirranteiles weniger als keine Rolle, kann aber bei Spezialaufgaben sehr hinderlich werden, weil dies Problem zu den ohnehin bestehenden Problemen eines Kompandersystems (teilweise erhebliche Pegelempfindlichkeit, Verschärfung von Frequenzlinearitätsstörungen im Speicher um den Kompressionsgrad etc.) ja noch hinzutritt.
Für die Entscheidung "pro Kompander" spielte für die Musikproduktion in erster Linie der psychoakustische Qualitätsgewinn eine Rolle, zumal mit DolbySR und TelcomC4 der Speicher mit den Möglichkeiten der Mikrofonverstärker –zumindest für das menschliche Ohr- in der qualitativen Leistung gleichzog.
Dagegen setzten insbesondere der Rundfunk, aber auch Teile der sonstigen Ton- und Filmproduktionsindustrie auf Kompandertechniken, weil zu seinem bzw. ihrem alltäglichen Handwerk die schier endlose (also kaskadierte) Kopiererei gehörte, die prinzipbedingt störgeräusch- und klirrfaktorsensibel abgeht, weshalb man einerseits hoch aussteuern möchte, andererseits nicht darf,einerseits niedrig aussteuern möchte, aber ebenso wenig darf, solange keine Kompander auf dem Wege die Engigkeiten des Übertragungskanals etwas aufweiten.
Die in Dolby SR und dem voraufgehenden TelcomC4 nennenswert fortentwickelte Kompandertechnologie sicherte daher auch hier der analogen Speichertechnik noch einmal etwa 12 bis 15 Jahre weiteren Überlebens.
Vorbei war es dann aber auch damit, als digitale Schnittstellen für eine immer perfektere Vernetzung der digitalen Einzelkomponenten mit all den typischen Vorteilen innerhalb der Produktionslinien Standard geworden waren.

Eines der zentralen Probleme jeder Kompandertechnologie ist das der Ein- und Ausschwingzeiten eines Bearbeitungskanals. Die Einschwingzeiten müssen gegenüber der bearbeiteten Frequenz kurz, die Ausschwingzeiten lang, dürfen aber nicht zu lang sein. Aufgrund der Eigenschaften des menschlichen Gehöres ist so etwas nur mit vier Bearbeitungsbändern unhörbar zu erreichen, was wiederum die wirtschaftlichen Möglichkeiten des Amateurs überfordert.
Man half sich daher mit einkanaligen Systemen und allerlei Tricks, die letztlich aber ob allzu leicht zu überlistendes, ja sogar ungeeignetes Stückwerk bleiben mussten, zu dem ich gerade Dolbys pegelsensitives (Amateur-)Verfahren auf dem Cassettenrecorder (zumeist ohne Justageeinrichtung) rechne, weil es die erheblichen prinzipiellen Mängel des 4,75-cm/s-Systems (und seines Datenträgers) im kritischsten Bereich (Höhen) dramatisch potenziert.

Selbst pegelunkritische Kompandertechnologien (wie TelcomC4/Highcom: Gerade Systemkennlinien) setzen einwandfrei eingemessene Bandgeräte möglichst hoher Frequenzlinearität voraus, was seitens des Nutzers einige Disziplin beim Bandeinsatz und vor allem eine gewisse Leidenschaft für die höheren Bandgeschwindigkeiten voraussetzt, bei denen ein analoges Magnetofon entspannter arbeiten kann.

Unter diesen Umständen ist eine analoge Musikproduktion von der digitalen bei Wiedergabe über die üblichen Abhörkanäle nicht zu unterscheiden, solange man nicht bewusst die bekannten Grenzen der analogen Speichertechnik über die Produktionsusancen betont.

Übrigens können hochwertigere, vernünftig einzumessende Bandgeräte des Amateursegments problemlos bis auf 9,5 cm/s hinunter mit professioneller Kompandertechnologie betrieben werden, was übrigens gerade bei TelcomC4 auch die bei 9,5 schon erhebliche Kliirrfaktorproblematik zusätzlich bekämpft, weil sich die Kennlinien bei korrekter Kompandereinstellung im Vollaussteuerungspunkt kreuzen, sich dort also die Kompanderwirkungen umkehren. Bei Aufnahme wird oberhalb dieses Punktes dann um den Kompressionsgrad geringer ausgesteuert.

Schließlich: Du sprichst in der anderen Diskussion davon, dass du das Service-Handheft der CN750 besäßest, das ich gerade als Urnutzer von TelconC4 und Dolby A (und sicher auch genauer Kenner der Kompander-Prinzipien) gerne lesen würde. Könntest du mir davon ein PDF zukommen lassen? Meine Mailadresse sollte im Profil nicht unterdrückt sein. Einstweilen und prophylaktisch herzlichen Dank.

Hans-Joachim
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