NR bei Mikro-Aufnahmen
#13
Schön'n Sonntag,

wenn man halbwegs störgeräuschfreie Aufnahen erzielen will, gibt es nur einen Weg:

Mikrofone hoher, bzw. höchster Wandleremfindlichkeit verwenden.

Alles andere führt -seit 1928 allgemein bekannt- nicht zum Ziel, die Physica lässt sich nicht ins Handwerk pfuschen. Grundlegend empfiehlt es sich bei diesem Thema, zu dem unendlich viel Bockmist gequatscht und leider auch von solchen Seiten publiziert wird, die da eine sehr persönliche Suppe drauf zu kochen müssen meinen, sich mit den physikalischen Grundlagen zu befassen, die das IRT in einer schönen Diagrammgrafik ("Betriebskennlinie einer Tonregieanlage" oder "Kennlinie einer ideal rauschfreien Anlage") zusammengefasst hat, die die technischen Grenzen der Mikrofontechnik beschreibt.
Besitzt man die notwendigen Erfahrungen nicht ohnehin, so sieht man an dieser Grafik, wie rasend schnell es bei konsequent formulierten Anforderungen vom Geräuschspannungsabstand her richtig "eng" wird.

Erreicht man via Mikrofon einen Geräuschspannungsabstand von 70-85 dB, ist man bereits sehr fein heraus, ja praktisch an einer Grenze angelangt, denn dies gilt nur für ganz bestimmte Mikrofontypen und Aufnahmesituationen. In der Praxis ist es faktisch bereits ausgeschlossen, 16 Bit (96 dB) zu übertreffen. Wer es nicht glaubt, möge anhand der Datenblätter von Schoeps, Neumann, Sennheiser nachrechnen.

Mit dynamischen Mikrofonen lässt sich aufgrund der hohen erforderlichen Nachverstärkung auch mit besten Mikrofonverstärkern nur ein sehr überschaubarer Geräuschspannungsabstand erreichen, weil das thermische Widerstandsrauschen -ja nach Norm- zwischen -118 dB[qp] und ca -130 dB liegt. Verstärkt man um 70 dB (leider sehr oft nötig) zieht man dieses Rauschen, das verstärkerinterne Störquellen noch völlig außer Acht lässt, auf -48 bis -60 dB hoch. Dies bedeutet in der Praxis, dass man mit deutlich mehr 'Lärm' zu rechnen hat, weil der Verstärker zusätzlich zum Widerstandsrauschen der Schwingspule oder dem eines Ausgangswiderstandes der vorgeschalteten Quelle mit eigenen Zutaten aufwartet.

Mischpulte warten mit dem Kunstprodukt eines nach oftmals tollen (sprich: großzahlenfreundlichen) "auf den Eingang bezogenen Rauschens" von -128 dB auf. Diese Zahl ist natürlich Schall und Rauch, bezieht sie sich doch auf dasjenige Rauschen, das bei Verstärkung Null vom Eingangskreis des Pultes produziert wird. Man muss also von jenem Fantasiewert a priori gleich mal die eingestellte Verstärkung -wir nehmen jetzt 'mal 60 dB an- abziehen:
-68 dB.
Dazu kommen die obigen, physikalisch unbezwingbaren Störsignale und all jene, die den interenen Störquellen in einem Kondensatormikrofon und der Verstärkereinheit angelastet werden müssen (da gibt es mehrere...). Kurz: die 68 dB sind bei 60 dB Verstärkung schon nicht einmal mehr annähernd zu erreichen.

Demnach: (Klassische) Kondensatormikrofone mit Empfindlichkeiten kaufen, die lieber über 1,0 mV/µbar liegen, als darunter (10 mV/Pa; ein Pa[scal] entspricht 94 dB SPL, das ist bereits Spektakel! 1 µbar entspricht 74 dB SPL). Ordentliche Verstärker verwenden (den Klangkokolores können wir vergessen: Ze über den gesamten Übertragungsbereich muss stimmen, die Phantomspeisung muss ausreichend stabil sein, der DC-Wandler darf nicht piepen etc. pp).

Bei am Mikroeingang des 3440 betriebenen, phantomgespeisten Kondensatormikros stößt man aufgrund der unsymmetrischen Eingänge aber bereits auf gewisse prinzipielle Probleme, die die Zwischenschaltung eines halbwegs brauchbaren Pultes oder Mikroverstärkers erfordern. Das keineswegs berühmte SM57 (bitte um Vergebung) kommt auf eine Wandlerempfindlichkeit von 0,16 mV/µbar, womit es 2 dB unter dem 'Sennheiser-Dyn-Standard' liegt, der allerdings seinerseits eine -letztlich bereits physikalische- Grenze für dynamische 200-Ohm-Mikrofone darstellt. Kondensatormikrofone ordentlicher Bauart unabhängig von ihren unbetreibaren und erheblichen klanglichen Vorzügen sind oftmals rund 20 dB empfindlicher, was keineswegs das Ende der Fahnenstange markiert.

Ansonsten empfehle ich zur Mikrofonproblematik die Seiten meines Freundes Eberhard Sengpiel zu allem aufzusuchen, was bei ihm irgendwie und irgendwo 'Mikrofon' heißt. Außerdem sollte man sich auf jeden Fall die Mikrofonaufsätze von Jörg Wuttke von der Schoeps-Seite -zum Gotteslohn!- herunterladen und ggflls. beim Hirzel-Verlag das Bändchen "Mikrofonaufnahmetechnik" von Michael Dickreiter erwerben. Diese Empfehlung spreche ich nicht deshalb aus, weil ich die besagten Herren meinem Freudeskreis zurechnen kann, sondern weil sie in jene Postillen Material bereitstellen, von dem man sich etwas herunterschneiden kann. Es gibt natürlich 'einiges' mehr an Literatur zum Thema.


Das Hinausrechnen von Restgeräusch aus einem bestehenden Signal ist möglich, im Produktionsprozess aber unstatthaft, weil dabei neben dem naturgegeben breitbandigen Rauschen auch das Originalsignal breitbandig beeinflusst wird, was zwangsläufig zu solchen Beeinträchtigungen führen muss, die die Weiterverwendung des Signales zweifelhaft werden lassen. Derlei Maßnahmen setzt man,-wie oben schon betont- für Nachbearbeitungen am äußersten Ende einer Entstehungskette ein; beispielsweise für die 'Aufbesserung' von Schellacks oder für die Überarbeitung durch schlechte Übermittlung verdorbener Aufzeichnungen, so dass sich diese halbwegs verwenden lassen. Gleichmäßiges Halbleiterrauschen aus einer Aufnahme herauszurechnen, ist ohne signifikante Verschlechterung eines hochwertigen Originalsignales nicht möglich.

Das, was nie da war oder einmal weggegangen ist, lässt sich nur 'psychoakustisch' und dann oftmals mühselig wieder herholen; das bedeutet, dass eine solche Verbesserung psychoakustisch als 'besser' empfunden wird, während man physikalisch nur einen Kompromiss verlagert.


Eine -akustische- Aufnahme steht und fällt mit dem Mikrofon und dem Umgang mit dem Signal desselben. Wird vom Mikro (und seiner Peripherie) nichts Vernünftiges zur Verfügung gestellt, kann auch das Folgende nur noch schlechter werden.

Hans-Joachim
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[Kein Betreff] - von Manulski - 29.06.2007, 15:07
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