Gewinnkalkulation
#1
Was mir derzeit aufstösst ist die aktuelle Gewinnkalkulation der Unternehmen. Vor vielen Monden hatte ich mir mal den Spass einer Ausbildung im kaufm. Bereich gegönnt, damals war von rundweg 30% Gewinnaufschlag die Rede.

Selten machen Firmen beim Sommerschlussverkauf Miese, grosse Firmen wie Kaufhof oder Obi haben auf jedem noch so kleinen Teil locker 60 bis 80% Gewinnaufschlag. Wenn SAP mal nicht über 75% Nettogewinn abwirft, ärgern sich sofort die Aktionäre und der Kurs der Aktie fällt.

Ich habe den Eindruck, dass wir unnötigerweise in einem Hochpreisland leben. Es werden immer wieder die hohen Gehälter der Angestellten ins Feld geführt, schaut man sich im Obi nach Personal um, wird man nur selten fündig. Denke ich an den vor kurzen hier geschlossenen 'Schrauben-Willi', dann sah das ganz anders aus: dort konnte man eine Schraube kaufen ohne gleich eine ganze Packung mitnehmen zu müssen. Die Preise lagen mind. auf dem Obi-Niveau, eher darunter. Jeder Kunde wurde bedient, d.h. 3 bis 4 Mitarbeiter auf vielleicht 50 qm Verkaufsfläche.

Semih schüttelt jedesmal den Kopf, wenn er nach Deutschland kommt und unsere Preise sieht. Was man im Conrad-Katalog sieht, das kostet in der Türkei zwischen 50 und 80 % weniger...

Sehe ich das falsch oder haben sich bei uns die Preise tatsächlich aufgeschaukelt???
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#2
Da ist etwas dran. Andrerseits könnte man sich fragen, wozu man den ganzen Kram denn überhaupt braucht. Wenn man ihn nicht braucht, können einem die Preise auch egal sein. Und wenn man das Zeug so gut verwenden kann, daß ein hoher Mehrwert herausspringt, kann man auch hohe Preise bezahlen.

1 Euro = 1 DM. Das hat aber auch mit der Deutschen Vereinigung zu tun. Da wurde alles, was die DDR aufgebaut hatte, billigst verhökert und zerschlagen, und gleichzeitig wurde wie irre Schulden gemacht und wird immer noch. Man hat ausgerechnet, daß mindestens 80% des Bruttosozialprodukts Zinsen sind, also nur 20% der geleisteten Arbeit Veränderungen bewirken, und ich behaupte noch viel weniger als 20%.
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#3
Andreas wirft einige "Gewinne" etwas durcheinander.

Wenn ein Händler Waren umschlägt, so muss er sie zunächst kaufen. Was er dann draufschlägt, z. B. 50%, ist kein Gewinn, denn aus diesen Einnahmen finanziert sich nicht nur die Ware sondern auch der Aufwand für den Verkauf. Ob es zu einem Gewinn gereicht hat, zeigt am Jahresende die Bilanz. Gewinne von 75% sind ziemlich utopisch, ausserdem: 75% von was??

Daß die Handelspannen astronomisch hoch sind, hat seinen Grund: Dank ausgefeilter Fertigungsmethoden wird die Ware immer billiger. Einen Toaster gibts für 9,99.-- Euro, einen Winkelschleifer um 6,20 Euro und es lohnt sich eigentlich gar nicht mehr, eine Kaffeemaschine zu entkalken.

Wir leben nicht in einem Hochpreisland, sondern in einem Billigpreisland, denn wer auf Wegwerf-Convenience-Produkte steht und auf Qualität keinen Wert legt braucht nicht seine Euros zusammenkratzen, wenn es sich z. B. ein Kofferradio kaufen will. Sowas bekommt man heute nachgeworfen. Wenn es bei meinen Eltern Lachs zu Essen gab, so war das erstens Lachsersatz und dann immer noch teuer genug, um etwas besonderes zu sein. Heute ist das praktisch ein Brotaufstrich.

Nun gehen wir mal wieder zurück zum Eisenwarenhändler "Schrauben-Willi" oder zu "Radio-Heinzelmann": Er verkauft die gleiche billige Ware wie der Großhandel, hat aber die Kosten des Verkaufs, die da sind: Beschaffung, Vorfinanzierung, Lagerung, Beratung, Miete für Laden und Lohn für die Mitarbeiter. Da die Mitarbeiter nicht am Sonntag abend zu einem Kunden fahren, dem vor einem Endspiel der Fernseher verreckt ist, muss er das selber machen. Er tut es gerne, denn sonst hätte er seine Buchhaltung machen müssen. Das darf jetzt seine Frau!

Da die Kosten des Verkaufs gleich sind, die Ware aber billiger gworden ist, muss er entsprechend hoch draufschlagen. Soviel zu den Handelsspannen.

Die Überlegung ist folgende: Was läuft wie oft, wie verteile ich die Kosten die ich habe und die ich erwirtschaften muss auf die einzelnen Artikel?

Möglichkeiten:

a) Alles gleichmäßig mit einem Aufschlag vesehen. Dann zeigen die Leute mit dem Finger auf Dich und sagen: Bah, der ist aber teuer.
b) Die lukrativen Artikel etwas billiger, die Exoten etwas teuerer machen. Dann zeigen die Kunden mit dem Finger auf Dich und sagen: Bah, der nützt Notsituationen aus und zockt ab, sobald man etwas besonderes will.
c) Du kalkulierst gar nicht, und orientierst Deine Preise am Wettbewerb. Dann lebst Du von der Substanz weg, spielst z. B. den Vorteil aus, daß Du im bezahlten eigenen Haus keine Miete zahlen musst, beginnst morgens um 5.00 mit der Arbeit und machst um 21.00 Feierabend. Von diesen 8 Stunden lebst Du dann. Solange, bis es zum Dach reinregnet und Du kein Geld hast es zu reparieren. Dann kommt der Gerichtsvollzieher, zeigt mit dem Finger auf Dich und sagt: Du bist Pleite.
d) Du schließt Deinen Laden. Glückwunsch, das war die richtige Entscheidung. Alle jene, die ihre Schrauben im Baumarkt gekauft haben und nur dann zu Dir kamen, wenn sie Dich am Sonntag morgen aus dem Bett klingeln konnten, weil sie am Samstag beim Obi was vergessen hatten, werden traurig sein und den Niedergang der Republik beklagen.

Es gibt kein Qualitätsbewusstsein mehr und wenn, so erstreckt es sich nur auf den Artikel, nicht auf das drumherum. Im Baumarkt gibt es alles, man hat das Gefühl billig gekauft zu haben, und dafür nimmt man klaglos alles hin: Daß man der Beratung hinterherlaufen muss, daß man falsch beraten wird und daß einem Murks verkauft wird. Es ist auch nicht wichtig, daß man wohldurchdacht das kauft, was lange hält, sondern man kauft lieber öfter etwas neues. Wäre das der Fall, wenn wir in einem Hochpreisland leben würden? Wenn ich jemandem erzähle, daß ein Paar guter Schuhe bei mir schon 100.-- Euro kosten dürfen, daß ich sie dann aber auch viele Jahre trage und immer wieder in Reparatur gebe, werde ich für verrückt erklärt. Wie altmodisch! Es gibt doch Deichmann, wo man blöd ist, wenn man nicht mindestens 3 Paar kauft. Ausserdem bin ich versnobt, weil ich meine Wurst und meine Käse gerne auf dem Markt kaufe, wo er so teuer ist. Es wäre ökonomischer, im Supermarkt große Mengen zu kaufen und wegzuwerfen, was nach 3 Tagen schlecht geworden ist.

Die großen Märkte sind fein raus: Die haben auch den Verkauf so rationalisiert, wie die Fabrikanten die Herstellung und verkaufen Wasser in der Wüste. Der Preis richtet sich nach der Leidensfähigeit der Kunden, nicht nach den Herstellkosten. Bei einem 6,20-Winkelschleifer verdienen noch ein paar Leute dran, unblaublich aber wahr. Schrauben-Willi legt selbst bei 60.-- Euro noch drauf. Würden ca. 1% der Obi-Einläufe bei ihm getätigt, würden die Kunden mit dem Finger auf ihn zeigen und sagen: Bah, hat der aber einen dicken Porsche!.

Deswegen hat er auch aufgehört. Hoffentlich rechtzeitig!

Michael Wink
Michael(F)
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#4
Das ist wohl wahr. Ich gebe aber zu bedenken, dass es neben den Lockangeboten für 6,20 auch die vielen Dinge gibt, die der Schraubenwilli günstiger oder zumindest gleich teuer angeboten hat. Was mich stört ist einfach, dass das erwirtschaftete Geld immer weniger Personen zu gute kommt...
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#5
ich habe ja auch geschrieben: Der Kunde hat das Gefühl, billig eingekauft zu haben. Der Kunde hat auch genug Möglichkeiten, sich selber zu bescheissen, und er tut es ausgiebig. Nie würde er zugeben, er hätte zu teuer gekauft, wo er doch extra so weit zum Baumarkt gefahren ist.

Beispiel:

Neulich wollte ich Schnäppchen machen und habe 6 Steckregale gekauft. Diese waren nicht montierbar. Ich habe sie zurück gebracht. Dort interessierte man sich nicht für die Beanstandung, sondern räumte alles wieder ins Regal. Man ist großzügig und nimmt ohne Fragen zurück. Daß ich nicht zu blöd war, ein Regal aufzustellen sah ich anhand der Musterregale: Diese standen schief, wackelten und die Fachböden passten nicht in die Rahmen und lagen schräg daneben. Jetzt wird es interessant: Trotz des offensichtlichen Mangels, wurden mir die Regale fast aus den Händen gerissen. Der Durchschnittskäufer ist doch froh, wenn er Blechschere, Schweißgerät und Kreissäge einsetzen darf, um zwischen Frühstück und Sportschau ein Regal auzubauen, daß bei korrekter Fertigung in 30 Minuten steht. Stört es jemanden? Nee. Schrauben-Willi würden sie lynchen. Würde Schrauben-Willi den Azubi fragen, ob er am Samstag Mittag kurz ins Geschäft kommen würde, um etwas zu helfen, würde ihn der Azubi für verrückt erklären. Tut der Azubi das nicht, kommt ersatzweise die Gewerkschaft und Erklärt den Chef für kriminell Wink

Es ist einfach ein Bewustseinswandel der Menschen: Graue Hallen auf ehemals grünen Wiesen locken zum Einkaufen als Event. Und solange man das Gefühl hat, billig einzukaufen, nimmt man jeden Murks in Kauf. Den kann man in der Regel mit Zeit und Arbeit ausgleichen. Das befriedigt.

Preisvergleich:
Industrieregal bei einem renommierten Industrielieferanten: 80 Euro
Baumaraktregal ordentlicher Qualität: 50 Euro
erwähntes Murks-Regal: 33 Euro

Es handelt sich um ein Regal ca. 180 x 450 x 90 cm. Stahlprofile zum stecken, Einlegeböden aus Spanplatte.

Aufbauzeiten:
a) 15 Minuten alles passt perfekt
b) 30 Minuten, Holzböden sind zu groß, brechen aus, ziemliches Gewürge
c) unendlich, nicht aufbaubar.

c) ist ein immer wieder gern genommener Artikel, und man konnte meinen
Ärger so gar nicht verstehen. Zum Glück nimmt man ja eh alles zurück. Es ist die schiere Masse an Lemmingen, die den großen Märkten die Profite bringen.

Leider hat sich der Fachhandel in Sachen Qualtiät an die großen Märkte angepasst. Als ich ein paar 20-Euro-Aktivboxen für den PC und Discman in einem renommierten Fachgeschäft probehören wollte, hat man mir unverblümt erklärt, das liege bei dem Preis nicht mehr drin.

So gesehen rechtfertigt der Fachhandel im Nachhinein das Verhalten der Kunden.

Michael
Michael(F)
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