Hilfe Vordiplomarbeit Analog vs. Digital
#27
Zitat:soeren postete
Schönen guten Tag liebe Menschen!

...
Besonders im professionellen Studiobereich wird ja immer noch analog aufgezeichnet (wenn ich richtig informiert binWink
Hallo Sören,

ist Deine Anfrage von Ende Januar noch aktuell?

Vielleicht hilft Dir ein Geschichtchen aus der Praxis: Vergleich analoge und digitale Aufnahme beim Radio?

Also... Produktion eines 10-Minuten-Musikerportraits im Jahre 2000 in einer ostdeutschen Dreiländer-ARD-Anstalt; mit Musik (klar), O-Tönen (der Mann sollte ja was sagen), Text (auch klar) und Mischungen/Blenden (irgendwas bin ich meiner öffentlich-rechtlichen Sozialisation schließlich schuldig).

Start: morgens um zehn. Reinkommen, Gutentachsagen, Manuskript durchgehen. Dauert fünf Minuten, das Ding ist kompliziert. Der Techniker dafür einer der fähigsten im Haus. Kann also eigentlich nix schiefgehen.
Erster Haken allerdings: das Pult hat zwar Berge von Eingängen, aber aus dem elektronischen Zuspielsystem (Digas) können immer nur zwei Dinger gleichzeitig laufen. Und selbst dafür braucht der Techniker fast drei Arme.
Also ein O-Ton plus eine Musik, aber nie Kreuzblende zweier Mucken unter dem O-Ton. Erste Änderung am Manuskript.

Sprechprobe, einpegeln, Produktionsbeginn. Erste Musikeinspielung kommt problemlos. Bei der ersten Mischung nach zwei Minuten allerdings schmiert das Pult ab. Rolleyes
Administrator rufen, Reanimation. Vom Sprecherraum aus sieht man gestikulierende Menschen hinter der Scheibe herumhantieren. Sieht ein bißchen aus wie Slapstickfilm. :party:
Nächster Versuch. Sprechertext, erster O-Ton - Pult kackt wieder ab. Aber nicht einfach so. Sondern wenn man den Regler für den nächsten O-Ton aufzieht, läuft stattdessen der übernächste... aha. :banana:
Pult runterfahren, noch mal starten. Unsere an sich reichlich bemessene 90-Minuten-Studiozeit ist knapp zur Häfte rum.
Nächster Versuch. Diesmal läuft, wenn man den Regler aufzieht, nicht der übernächste O-Ton. Sondern es laufen alle gleichzeitig. Bis auf einen. Das ist derjenige, den man eigentlich haben wollte. Big Grin
Mittlerweile tun mir die Techniker leid. Das Pult wird noch mal hochgefahren. In der restlichen Studiozeit werden wir's allerdings wohl nicht mehr schaffen.
Also Entschluß: 1. noch mal Studiozeit buchen, diesmal für den Abend (inzwischen acht Stunden Däumchendrehen), 2. eine Ladung ausgesondertes Lösch-Band organisieren und die O-Töne aus dem EDV-System (das das gerade noch hinkriegt) da drauf ausspielen. Wer weiß, wofür das noch gut ist, denke ich mir... :etscha:

Tag um die Ohren schlagen, abends um acht wiederkommen. Manuskript wieder komplett durchsprechen (denn der Techniker ist inzwischen ein anderer, zum Glück wieder ein fähiger). Wieder alle Details erläutern.
Sprechprobe, Produktionsbeginn. Erste Mischung - diesmal läuft tatsächlich nur EIN O-Ton zur Musik. Allerdings nicht der gewünschte erste. Sondern der vierte. :winker:
Nächster Versuch. Wieder dasselbe - nein, diesmal läuft der siebte. :albern:
Weitere Versuche - das Zeug läuft völlig wahllos, der dritte, der elfte, der sechste... :oah:

Wie gut, daß ich mein Tonband dabeihatte. Denn mit Mischungen 1x EDV-1xBand-1xSprecher haben wir das Ding dann bis gegen 22 Uhr abends noch hingekriegt. Sogar das Abspeichern klappte. (Es ist auch ein paar Tage
später gelaufen, OHNE daß dabei das Sendepult abschmierte.) Zeitaufwand für mich brutto knapp zwölf Stunden. :kopfstand:

Diese Horrorstory ist anno 2000 tatsächlich passiert. Du kannst Dir vorstellen, daß ich fast die Männekes dabei gekriegt habe - zumal man seit Jahren dort (ich meine den besagten speziellen Sender) im Funk von vielen Leuten schief angesehen wird, wenn man mit einem Band unterm Arm auftaucht. Daß es noch eine recht frühe Phase der Digitalisierung war, fand ich nicht so tröstlich - wir sind schließlich Radiomacher, keine Versuchskaninchen. Confusedauer:

Worauf ich hinauswill: Als Praktiker, der beide Techniken kennengelernt hat, möchte man eigentlich beides nutzen können, je nachdem, was in der jeweiligen Situation praktischer ist. (Und das ginge technisch problemlos.)
Für viele Detailarbeiten sind digitale Systeme unschlagbar praktisch, das möchte ich nicht analog machen müssen - Schnitte zum Beispiel. Und zuhause produziere ich ohnehin meist digital.
Allerdings: Ich erwarte, daß das Zeug dem professionellen Anspruch gemäß funktioniert. Und das ist nicht immer der Fall - vor kurzem noch hab ich beim Radiohören mitgekriegt, wie wieder eine Senderegie abschmierte. War auch mal selber dabei, als solch ein Pult live abkackte. Riesenhektik in der Regie - zum Glück ein souveräner Moderator... :pc: Und an solche Sachen kann ich mich aus den alten Analogzeiten beim besten Willen nicht erinnern - und ich hab damals schon viel Radio gehört.
Und: es gibt Situationen, in denen es einfach schneller geht, zuhause ein Band zu machen, das mit in den Sender zu nehmen, dort auf die Maschine zu schmeißen und nur noch den Regler aufziehen zu lassen.
Statt Einspielen ins EDV-System, Abspeichern, Kontrollieren, Benennen, "Sendefertig" klicken, in irgendein Sendefach schieben ... ufff.... fast wie auf einer Behörde. Confusedchnecke:

Ach ja - und Produktionen wie die obige 10minütige kann man natürlich in einem ProTools-EDV-System machen - wenn man viiiiiiiel Zeit hat. O-Ton und Text auf dem Bildschirm mit Musiken zusammenmischen, klingt dann alles perfekt. Dauert dann etwa drei Stunden.
In einem Analogstudio im WDR mit drei M15 A-Maschinen haben wir exakt solch einen Beitrag, als es richtig schnell gehen MUSSTE, mal in vierzehn Minuten produziert - sozusagen in Echtzeit. Der Techniker war super (und von der Klasse gibt es eben doch mehr, als man glaubt). Ein paar Musik-Blenden waren in der Eile nicht 150% optimal - Schwamm drüber! Hörte hinterher kein Mensch. :hoerer: Studiozeitersparnis etwa 85 Prozent gegenüber der digitalen Produktion - und eine Stunde Studio bei der ARD kostet wieviel (Gebühren)...?
Die Analogstudios der besagten Art mußten im WDR inzwischen dem digitalen "Fortschritt" weichen.

Vielleicht kannst Du was damit anfangen. Und sonst so für den Hintergrund...

Falls ich zu spät komme: Herzlichen Glückwunsch zum Vordiplom.

Michael

P.S. Es ist trotzdem ein Traumberuf. Wenn ich ihn auch noch lieber 30-40 Jahre früher gemacht hätte. Nicht nur wegen der Produktionstechnik.
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