Hilfe Vordiplomarbeit Analog vs. Digital
#14
=>TBRheiner

Wenn Du die Digitaltechnik durch die von Dir nicht ganz zu Unrecht aufgeführten klanglichen Jämmerlichkeiten ausreichend repräsentiert siehst, so müsstest Du auch akzeptieren, daß man als Beispiel für den technischen Stand der Analogtechnik den Mister Hit und den Walkman präsentiert, die den von Dir genannten digitalen Pendants in Sachen klanglicher Jämmerlichkeit in keinster Weise nachstehen. Dein Vergleich ist meines Erachtens der falsche Ansatz, weil Du nicht nur Äpfel mit Birnen vergleichst, sondern Fallobst mit handverlesenen Premiumsorten.

Digital und Analog sind sich darin, wie sie kommerziell angewendet und konsummiert werden, sehr ähnlich:

# Es gibt in beiden Technologien Produkte, bei denen ohne große Rücksicht auf den Preis das technisch machbare realisiert wurde. Sie markieren das jeweils erreichbare, vorrausgesetzt man investiert entsprechend.

# Es gibt Produkte, bei denen man diesem Ziel so nahe wie möglich kommen will, ohne jedoch einen vorgegebenen Kostenrahmen zu sprengen. Das wären dann die sogenannten Consumer-Geräte in ihren ganzen Preisklassen.

Das wäre der stationäre Teil. Beim mobilen Teil der Geräte wiederholt sich das Gleiche nochmals:

Auch zu analogen Zeiten wollte man Mobilität. Das führte zu Produkten wie
a) Nagra
b) Uher Report
c) diversen Henkelmännern
d) Walkman

Während man einem eierndem Walkman durchaus noch Respekt entgegen bringt - er geniesst ja den Analog-Bonus - kritisiert man sein Pendant mp3, ohne zu berücksichtigen, daß dieses in vielen Fällen lausig klingende Stück Musik von einem analogen Mister-Hit-ähnlichen Aiwa-Gebilde mit integriertem analogen Phono-Pre in einen Rechner gespielt wurde, deren garantiert schlechte - ist ja digital und darum per se schlecht! - Soundkarte man die Hauptschuld am klanglichen Desaster ankreidet. Und dann kommt noch das Universalargument "Datenreduktion", ganz so, als gäbe es auf der analogen Schiene keine prinzipbedingten Einbußen. Daß man auch noch falsch codieren kann und daß es sehr hochwertige Alternativen zu mp3 gibt, daß es auch gänzlich unkomprimierte Formate gibt, das alles fehlt in dieser meiner Meinung nach sehr einseitigen Betrachtungsweise, wie sie meiner Beobachtung nach für die Pro-Analog-Fraktion typisch ist. Genau das meinte ich mit meiner Aussage, daß die stichhaltigeren Argumente von digitaler Seite kämen!

Daß man Musik überall aufnehmen und nach überall transportieren kann, dieser Gedanke ist so alt wie die Aufnahmetechnik selber. Ich finde an diesem Gedanken nichts Verwerfliches. Verzichten, wenn ich es nicht mag, kann ich selber. Wer es mag, der hat die Möglichkeit. Ich sehe es als Fortschritt an, im Auto oder im Urlaub in durchaus akzeptabler Qualität Musik geniessen zu können, denn der richtige Augenblick, Zeit und Muße sind hierbei wichtiger als kompromisslose Qualität. Manche Musik, die ich später im Wohnzimmer genossen habe, habe ich im Auto entdeckt, obwohl ich die Möglichkeit gehabt hätte, sie auch im Plattenladen zu entdecken. Erhöhte Mobilität fördert nicht nur die gedankenlose Berieselung sondern auch, wenn man es will, die Entdeckung der Musik, die Verbreitung durch Tausch.

Dieser Gedanke der Mobilität wurde entsprechend der technischen Möglichkeiten auch im abgelaufenen analogen Zeitalter verfolgt und führte zu einer ganzen Reihe verschieden teurer und verschieden guter Produkte. Man muss nur erkennen, daß bei der Analogtechnik sehr schnell Ende der Fahnenstange war: Wurde ein bestimmter Aufwand unterschritten - und der kostete immer noch ordentlich Geld - so wurde es wirklich nicht mehr anhörbar. Verteilen und tauschen von Musik endete in der 4. Kopie eines eiernden Originals, daß wegen des Rauschens nicht mehr anhörbar war.

Bitte - das kann man heute in der digitalen Technik auch noch haben. Man erreicht aber mit weniger Aufwand deutlich mehr. Ein MD-Atrac ab Version 3 und ein mittelmäßiges mp3 - beides im Low-End-Bereich des digital machbaren - sichern heute, gutes Ausgangsmaterial vorausgesetzt, verlustfreie Kopien und hohe Mobilität zu geringen Kosten auf einem klanglichen Niveau, der deutlich über dem von Henkel- und Walkmännern liegt, also schon im Bereich des ehemaligen analogen Wohnzimmer-HiFis anzusiedeln ist.

Ich wehre mich dagegen, daß man bei der Diskussion digital-analog die analogen Meisterleistungen mit dem digitalen Murks vergleicht, den es auch gibt. Es ist kein Nachteil der Digitaltechnik, wenn man jeden Fehler, den man mit ihr begehen kann, auch begeht. Wer die Digitaltechnik genauso gewissenhaft anwendet wie z.B. die analoge Cassettentechnik, der bekommt keine schlechteren Ergebnisse!

Was Surround anbelangt, so ist das eine ganz andere Baustelle. Das Prinzip gab es schon in analogen Zeiten, und wie überall gibt es hier sehr gute Lösungen und sehr schlechte. Wenn man eine billige Sourroundanlage mit einer hochwertigen Stereo-Anlage vergleicht, ist das Ergebnis vorhersehbar, ist doch der Aufwand für Surround deutlich höher als für Stereo.

Wenn junge Leute vom PC-mp3 direkt zur Vinylplatte wechseln, so fällt mir spontan folgendes Szenario ein:
Jemand ernährt sich ausschliesslich von den saucigen Fleichschklöpsen der großen amerikansichen Bulettenbratereien. Es muss noch was anderes geben, denken sich die anspruchsvolleren unter den Kunden, essen zur Abwechslung in einem vegetarischen Restaurant ein superb zubereitetes Gemüsegericht, und glauben ab sofort denen, die behaupten: "Fleisch schmeckt einfach nicht", ohne jeweils einen Rostbraten genossen zu haben, der mit der gleichen Handwerklichen Qualität zuberreitet wurde wie das Gemüsegericht. Nun ja, die Story ist alt und wiederholt sich seit Hameln ständig Wink

Ich bleibe bei meiner Aussage: Die Zahl der analogen Fahnenschwenker ist groß, die Zahl derjenigen, die Kraft ihres Gehörs "analog" und "digital" sicher und zuverlässig reprouduzierbar detektieren können, ist vergleichweise gering. Im besten Falle landen solche Diskussionen beim persönlichen Geschmack, der jedem unbenommen ist. Es kann in einer Diskussion nur darum gehen, was die Technik für Möglichkeiten bietet, nicht so sehr darum, was die Konsumenten draus machen.
Michael(F)
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