Kaufkassette mit Dolby B digitalisieren und nachträglich dekodieren
#1
Im April war ich bei einem Konzert einer lokal bekannten Band – ein toller Abend.
Ihr erstes Album aus dem Jahr 1997 ist seit Jahren als CD vergriffen und nur noch als Musikkassette erhältlich.
Natürlich habe ich direkt ein Exemplar erworben.

Zu Hause dann das bekannte Problem: Chromdioxid-Band, Dolby B – und nach fast 30 Jahren Lagerung
beim Hersteller/Händler spielt die Kassette nicht mehr sauber.
Mit aktiviertem Dolby B pumpt der Decoder, ohne Dolby B rauscht es.
Eine saubere Digitalisierung schien zunächst nicht möglich.

Nach etwas Recherche und Experimentieren habe ich einen Weg gefunden, der funktioniert – und den möchte ich hier dokumentieren,
weil das Problem vermutlich viele betrifft, die ältere Kaufkassetten digitalisieren wollen.

Meine Notizen während des Experimentierens ließ ich mir anschließend von einer netten KI ins Reine schreiben – das Ergebnis ist folgender Beitrag.



Problemstellung

Originale bespielte Kaufkassetten aus den 1980er und 1990er Jahren wurden häufig mit Dolby-B-Rauschunterdrückung produziert. Nach 25+ Jahren Lagerung kann der Bandpegel gegenüber dem Aufnahmezeitpunkt abweichen – zusätzlich arbeiteten viele Kassettenhersteller mit einem höheren Referenzpegel als der eigene Abspielrekorder eingemessen ist.

Das Ergebnis: Wird die Kassette mit aktiviertem Dolby B abgespielt, pumpt der Decoder. Ohne Dolby B rauscht die Aufnahme. Ein direktes Digitalisieren mit Dolby B liefert also kein befriedigendes Ergebnis.

Lösung: Die Kassette ohne Dolby B digitalisieren (rohes Signal) und anschließend softwareseitig dekodieren – mit der Möglichkeit, den Dolby-Referenzpegel exakt auf die tatsächlichen Bandverhältnisse anzupassen.



Software: DDi Codec

DDi Codec (Digital De-hiss interactive) von Anax Waves ist eine präzise digitale Emulation des Dolby-B/C-Rauschunterdrückungssystems.

Erhältlich für:
  • Windows (Microsoft Store)
  • macOS (App Store)

Was die Software leistet:
  • Dolby-B- und Dolby-C-Dekodierung und -Kodierung im digitalen Bereich
  • File-to-File-Verarbeitung: direkt auf der digitalisierten Audiodatei, kein erneutes Abspielen der Kassette nötig
  • Unterstützte Formate: WAV, FLAC, AIFF (bis 96 kHz/24 Bit), MP3, AAC, M4A

Wichtige Werkzeuge:
  • Reference Vernier – Kalibrierung des Dolby-Referenzpegels; entscheidend für korrekte Dekodierung
  • Play Trim – Kompensiert Pegelabfall durch Bandalterung
  • Azimuth Correction – Korrigiert leichten Azimutfehler des Abspielkopfs
  • EQ Converter – Umschaltung zwischen IEC 120 µs und 70 µs Entzerrung



Vorgehen

1. Digitalisierung ohne Dolby B

Die Kassette wird am Abspielgerät (hier: Revox B215, eingemessen auf 200 nWb/m = 0 dB – dem Dolby-Standard-Referenzpegel) mit deaktivierter Dolby-B-Rauschunterdrückung wiedergegeben und digitalisiert.

Wichtig:
  • Kein Clipping – Aussteuerung knapp unter 0 dBFS halten
  • Nicht normalisieren – der absolute Pegel ist für die spätere Kalibrierung entscheidend

2. Peak-Pegel der Digitalisierung ermitteln

In Audacity:
  1. Strg+A – gesamte Aufnahme auswählen
  2. Menü Effect → Amplify
  3. Den angezeigten Wert bei „Amplification" ablesen – dieser entspricht (mit umgekehrtem Vorzeichen) dem Peak-Pegel in dBFS
  4. Dialog mit Abbrechen schließen – nichts wird verändert

Beispiel: „Amplification: 14,3 dB" → Peak liegt bei −14,3 dBFS

3. Dolby-Referenzpegel berechnen

Am Revox-Meter wurde der maximale Bandpegel der Kassette mit ca. −3,5 dB (schwankend zwischen −4 und −3) abgelesen. Ursache kann Bandalterung (Pegelverlust über 25+ Jahre), ein abweichender Produktionspegel des Herstellers oder eine Kombination aus beidem sein. Für die Berechnung des Referenzpegels ist die Ursache irrelevant – entscheidend ist der gemessene Ist-Pegel.

Rechnung:

Code:
Peak der Digitalisierung:        −14,3 dBFS
Bandpegel laut Revox-Meter:      −3,5 dB  (entspricht diesem Peak)
Differenz zu 0 dB Bandpegel:     + 3,5 dB

Dolby-Referenzpegel (0 dB) =  −14,3 + (−3,5) = −17,8 dBFS
→ Gerundet: −18 dBFS

Dieser Wert wird im Reference Vernier von DDi Codec eingestellt:

0 dB (Dolby) = −18 dBFS

4. Dekodierung in DDi Codec
  1. Digitalisierte Datei in DDi Codec laden
  2. Modus: Decode, Dolby-B
  3. Reference Vernier auf −18 dBFS einstellen
  4. Zur Kontrolle eine leise Passage abspielen – dort ist Dolby-B-Mistracking am deutlichsten hörbar
  5. Vernier bei Bedarf feinjustieren, bis der Klang natürlich und ohne Pumpen klingt
  6. Optional: Play Trim für weitere Pegelkorrektur durch Bandalterung
  7. Ergebnis als neue Datei exportieren



Abgleich nach Gehör

Da kein Dolby-Referenzton auf der Kassette vorhanden ist, dient die Berechnung als Ausgangspunkt – der finale Abgleich erfolgt gehörmäßig.

Orientierung beim Hören:
  • Klang pumpt, atmet → Referenzpegel zu niedrig → Vernier erhöhen
  • Klang dumpf, Höhen fehlen → Referenzpegel zu hoch → Vernier senken
  • Rauschen bleibt, Höhen überbetont → Referenzpegel zu niedrig → Vernier erhöhen
  • Natürlicher, ausgewogener Klang → Referenzpegel korrekt ✓

Im beschriebenen Fall ergab die gehörmäßige Schätzung −20,6 dBFS – der berechnete Wert lag bei −17,8 dBFS. Die Abweichung von nur 2,3 dB zeigt, dass das Gehör als erster Anhaltspunkt gut funktioniert, die messtechnische Herleitung aber dennoch deutlich präziser ist.



Fazit

Durch die Kombination aus:
  • Roher Digitalisierung (ohne Dolby B)
  • Messtechnischer Pegelbestimmung (Peak in Audacity + Revox-Meteranzeige)
  • Softwareseitiger Dekodierung mit korrekt kalibriertem Referenzpegel in DDi Codec

lässt sich auch eine 25 Jahre alte Kaufkassette mit abweichendem Produktionspegel korrekt und rauscharm digitalisieren – ohne die Kassette ein zweites Mal abspielen zu müssen.
Viele Grüße
Jörg
Zitieren
#2
Hallo Jörg,

danke für Deinen interessanten Versuch samt Schritt-für-Schritt-Anleitung.

Ich war zuvor skeptisch, da man sich ja nicht sicher sein kann, wie weit die seinerzeit verwendete Aussteuerung an den Dolby-Pegel heranreicht.
Aber mit Deiner gut dargestellten Berechnung samt Finetuning scheint das wirklich eine sehr gangbare Lösung für wichtige Altaufnahmen zu sein.

Ein anderer Lösungsweg wäre ein Recorder mit herausgeführten Playback-Level- (Dolby-Pegel-) Reglern, an welchen man den angenommenen CrO2-Pegelverlust annäherungsweise kompensiert. Aber einfacher wäre das auch nicht, im Gegenteil...

Schöne Grüße
Frank
Zitieren
#3
Auch von mir recht herzlichen Dank, nettes Tool!

Ich habe ein externes Dolby hier, da kann ich noch sehr einfach nachjustieren. Die Software ist sicher einfacher und bequemer zu bedienen und vor allem preislich günstiger als ein zusätzlicher Kasten. Und bietet zusätzliche Funktionen!

Liebe Grüße
Norbert
Zitieren


Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste