Welche Maschinen sind für hohe Dynamik geeignet?
#23
'n Abend in die Runde,

die genannten 84 dB sind natürlich 'ultimo' und nur mit Gebastel und Gebossel hinzubiegen, außerdem in praxi etwa so gut nutzbar wie die (theoretischen) 96 dB der CD. Wer sich für den Aufsatz Engel/Corinth interessiert, kann mir mal ein Mail schicken. Im Aufsatz wird klar, über welche Flachwasser dabei wegzuschippern ist.

Michael gibt oben Ausgangspegel an (+20 dBU, die Bennennungsnorm wurde 1985 mal geändert, ist aber gleich mit dBm), wie denn generell darauf hinzuweisen ist, dass das dB-Maß im uns hier interessierenden Bereich ausschließlich Amplitudenverhältnisse (also Pegelverhältnisse) beschreibt und nicht Verhältnisse von Amplitudenquadraten (also Leistungen). Die unselige Einbeziehung des mW (Milliwatt) rührt aus der frühen (übrigens internationalen, denn die Amerikaner beziehen sich bei der VU-Definition auch darauf) Fernmelderzeit, in der man beim Telefon eine Pegel-Leistungsbeziehung herstellen wollte, denn die Telekomiker waren immer Leistungsanpasser und keine Spannungsanpasser.

Zur Wiederholung:

Leitungsanpassung
Abschlusswiderstand=Ausgangswiderstand.

Das klappt nicht besonders breitbandig, daher:

Spannungsanpassung
Abschlusswiderstand = 10 x Ausgangswiderstand

Der Faktor 10 kann bis auf 5 gedrückt werden, aber oftmals auch sehr viel größer sein.

Jene 0,775 Volt waren definiert als 1 mW an 600 Ohm; das heißt, sobald 0,775 Volt an 600 Abschluss anstehen, muss dafür 1 mW aufgewendet werden.

Die Audioleute (jenseits der Telefongrenze) forderten aber schon sehr bald lineare Frequenzgänge bis 10 kHz, die nur mit der Spannungsanpassung zu machen waren, umso mehr als die Anlagen bereits in der frühen Rundfunk- und Tonfilmzeit recht schnell durchaus respektable Größenordnungen erreichten.

Prinzipiell ist auch bei GP9/SM900 natürlich immer noch das Band der Engpass, durch die Besonderheiten und interessanten Nichtlinearitäten des analog-magnetischen Aufzeichnungsverfahrens wird es aber auch für die Verstärker ernst, denn diese müss(t)en eben die an 30 dB Pegelhub hin reichenden Nichtlinearitäten ausgleichen. Will man das tatsächlich, also ein Band vom remanenten Sättigungsfluss bis zum Ruherauschen hinunter ausnützen, muss man sich etwas einfallen lassen; siehe oben Engel/Corinth.

Der A77-Fall ist in diesem Zusammenhang ein besonderer Fall, weil er nicht die Kompensation jener Nichtlinearitäten in den Aufsprech und Wiedergabeverstärkern betrifft, sondern den Line-Verstärker dieses Gerätes, dessen Auslegung vielleicht nicht der Weisheit letzter Schluss ist, weil er unsymmetrisch klippt und daher eine für einen Versorgungsgleichspannungshub von 21 Volt mäßige Aussteuerbarkeit zeigt. Bei 38 und neuzeitlichem Bandmaterial kann man dieses Klipping erreichen, wenn das Volume-Pot auf voller Öffnung steht. Unter diesem Umständen dreht man den Steller halt ein wenig zurück oder baut eine Kopfhörerendstufe Typ B77 ein, die in 21 VoltDC sicher etwa 5 VoltAC einschreiben kann.

Wir waren beim remanenten Sättigungsfluss des 911.
Doch wer will diesen wirklich erreichen? Genauso bleibt man doch auch möglichst weit vom Rauschteppich weg, weil es einem -in der Regel, Sonderfälle bestätigen diese- um einen niedrigen Klirrfaktor und ein möglichst nicht mehr auffallendes Rauschen zu tun ist. Da liegt dann die große und wirklich faszinierende Entwicklung der Bänder: Zum einen wurde das Ruhegeräusch erheblich gesenkt, zum anderen die Aussteuerbarkeit gesteigert, also der Klirrfaktor gesenkt. Man kam so ohne Gewaltmittel weg vom Rauschen, konnte oben aussteuerungsmäßig zulegen, ohne dass der Klirrfaktor so hörbar wurde, wie beim älteren Bandmaterial unter niedrigeren Spitzenpegeln. Als Folge des gesunkenen Klirrfaktors bzw. der höheren Aussteuerbarkeit konnte gleichzeitig in Spitzen durchaus nennenswert über den VA-Pegel hinausgegangen werden.

Insofern wäre auch Michael (F)s Aussage zu korrigieren, denn mehr als 514 nWb/m kommen durchaus häufiger vor, solange mit höheren Bandgeschwindigkeiten bearbeitet wird. Bei 19 cm/s sollte man sich da in meiner traditionellen Sicht (niedriger Klirrfaktor und niedriges Rauschen beim relativ hohen Dynamikumfang klassischer Musik) natürlich etwas vorsehen, wenn man sich nicht plötzlich doch in der Sättigung wiederfinden will, die bei höheren Frequenzen und niedrigeren Bandgeschwindigkeiten oft schnell erreicht ist. Zu bedenken hat man überdies, dass mehr als 45 dB praktisch genutzter Dynamikumfang vielen Hörern schon 'zuviel' sind: Sie regulieren die Wiedergabelautstärke mit der Fernbedienung nach.

Zurück zum Band
Bei 38 erreicht 911 die definitionsgemäße Vollaussteuerungsgrenze (3 % Klirrfaktor) bei 320 nWb/m +12 dB, also 1280 nWb/m, die Sättigungsremanenz liegt bei 2320 nWb/m (900: 2930), aber abenteuerlichem Klirrfaktor. Bei 19 cm/s kommt man (1 kHz, 3 % Klirrfaktor) zwar fast genausoweit (320 nWb/m + 10 dB), die Sättigungsgrenze für 10 kHz liegt aber schon 10 dB (900: 8,5 dB) unter derjenigen von 38 cm/s. Nachdem sich die Werte bei 76 cm/s praktisch nicht ändern, wird deutlich, dass 911 (bei 900 nicht anders) auf 38 cm/s optimiert wurde.

Prinzipiell: Soweit dramatisch weit über 514 nWb/m kommt man tatsächlich nicht hinaus, weil Musik ja in den seltensten Fällen ohne Spitzen auskommt, die man ja 'fangen' möchte, wofür sich die 'Reserven' von 900 und 911 geradezu anbieten.

Japanische, semiprofessionelle Geräte setzten oftmals auf Vierspurtechnik und erheblich ausgeweitete Frequenzgänge bei niedrigen Bandgeschwindigkeiten, was schon sehr bald sehr, sehr hohe Ansprüche an das Magnetband stellte und Köpfe mit sehr schmalen Spalten voraussetzte, die ihrerseits wieder zu niedrigeren Nutzpegeln führen, was eigenen Ärger nach sich zieht. Der Willi aus Regensdorf (1912-1996) dachte da wie weiland Walter Weber (1907-1944) und sagte: Ab einer Grenze ist Schluss mit Diskussionen; wer hohe Qualität will, muss eben hohe Bandgeschwindigkeiten fahren, da entspannt sich der Druck auf Konstrukteur und Nutzer gleichermaßen, weil physikgegeben. (Solche Leute wagen sich dann natürlich ungern auf das glatte Parkett des Cassettenrecorders.)

Die sehr hochwertigen Bänder GP9/900 lohnen also sehr wohl, weil bei üblichen Aussteuerungen der Klirrfaktor fast bis in Elektronikklirrfaktorgrößenordnungen gedrückt werden konnte, und die Aussteuerbarkeit auch einiges an zufällig auftretenden Spitzen wegsteckt, die bei 525 (Fünfhundertfünfundzwanzig!) z. B. gnadenlos zum 'Rotzen' führen. Nachdem bei einer Nutzdynamik auch das Bandrauschen unten 'fast verschwindet', gibt es eigentlich fast keinen Grund, diese Bänder nicht einzusetzen. Die 'kuriosen' 84 dB oben sollen einen da bitte nicht irreführen, denn sie sind nicht das, was diese Bänder zu einem schönen Abschluss der analogen Magnetbandtechnik hat werden lassen.

Andererseits muss man auch hier angesichts der Aufnahmegegenstände überlegen, ob der finanzielle Aufwand dafürsteht. Wer mit Rauschunterdrückungen (je professioneller, umso besser) arbeitet, kann getrost bei 911 (oder so etwas) bleiben. Bei Japanesen sollte man jedoch die Anforderungen an die Schmiegsamkeit des Bandes nicht gering achten, denn die Kopfgeometrien der Japaner zielen darauf. Man muss eben sehen, welche Ergebnisse wie erzielt werden können, welche Kompromisse einzugehen sind, denn sie sind die sehr oft kaum latenten Ingredientien der analogen Magnetbandtechnik.
Aha, wieder mal. War aber nie anders. Klingt komisch, ist aber so.

Hans-Joachim
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