Ich glaube, dass manche komische Vorstellungen davon haben, was im Tonstudio passiert. Zum Beispiel schreibst du, Holger, das hier:
Zitat:ohne die Zwischenschaltung irgendwelcher Verschlimmbesserungshard- oder Software.
Ich weiß, dass du das so formulierst, um den Punkt der "High Ender" klarzumachen, das möglichst reine, unverfälschte Signal zu hören. Der Begriff "Verschlimmbesserungshard- oder Software" ist leider nicht neutral. Wer mal eine unbearbeitete Aufnahme hören würde, wäre überrascht, wie das klingt. Selbst bei Klassik-Aufnahmen wird kräftig in das Signal eingegriffen und das ist auch gut so. Es geht dabei auch nicht nur darum, dass eine Aufnahme auf möglichst unterschiedlichen Wiedergabegeräten gut klingt, sondern es geht auch darum, dass man eine gewisse Klarheit einerseits, einen gewissen Sound andererseits erreicht - ein Widerspruch, der sich nur durch Kompromisse scheinbar auflösen lässt. Und einen gewissen Sound haben sogar Klassik-Aufnahmen, man könnte auch von einer Art Klang-Ästhetik sprechen - ich ziehe das Beispiel Klassik bewusst heran, weil hier wohl am ehesten vermutet wird, dass die Aufnahmen unbearbeitet sind.
Aufnahmen sind, genau wie die Musik bzw. Interpretation, Kinder ihrer Zeit. Das Endprodukt richtet sich an den zeitgenössischen Konsumenten und der war in den 60er, 70er, 80er... Jahren ein anderer als heute. Und er hört auch in der Regel mit anderen Geräten in anderen Räumen und in anderen Zusammenhängen.
Micha schrieb das hier:
Zitat:Die analogen Masterbandkopien sind aber meist ein sorgfältig angefertigtes Medium wo auf viel mehr Details als bei einem Digitalrelease geachtet wird.
Ich denke, dass man nicht einmal das so pauschal formulieren kann. Es gilt vielleicht für die Zeit der 80er Jahre, als möglichst viele Aufnahmen der Vor-CD-Ära auf CD erscheinen sollten und man sich nicht lange mit Detailfragen aufhalten konnte. Andererseits dauerte es dennoch bei vielen Aufnahmen eine Weile, bis sie digital verfügbar waren. Ich denke da an den Beatles-Katalog. Wenn ich an heutige digitale Re-Releases denke, vor allem bei Meilensteinen der Musikgeschichte, glaube ich schon, dass man sich Mühe gibt. Das Ergebnis trifft aber vielleicht nicht immer die Erwartungen der Rezensenten oder bestimmter Konsumenten, die die Aufnahmen mit dem "Original" (also einer früheren Veröffentlichung) vergleichen und lieb Gewonnenes vermissen. Man gewöhnt sich ja auch an klangliche Eigenheiten.
Ich glaube einfach, dass die Käufer von Masterbandkopien bereit sind, für ein gutes und exklusives Produkt Geld auszugeben und dass sie es entsprechend genießen wollen. Genau, wie die Käufer rarer Whiskey- oder Weinsorten. Oder dass Besitzer exklusiver Autos sich an dem Besonderen erfreuen. Es geht nicht nur darum, dass etwas besser ist oder dass etwas anderes auch gut genug wäre. Und die Tape-Masterbandkopien sind - darin sind wir uns vermutlich einig? - Luxus. Genau wie die B77 MKIII. Zu wissen, dass man etwas vor sich hat, was nicht viele haben, und das einfach tadellos ist, kann doch schon etwas sein, was einem ein gutes Gefühl vermittelt.