Vorstellung: "Exot" Ihle R 85a
#1
Hallo,

auf Anregung eines sehr lieben Forumskollegen schon vor einiger Zeit Angel möchte ich ein Reportage-Magnetofon R85 /R85a der Firma Max Ihle ca aus dem Jahr 1954 vorstellen.

Vorab bitte ich schon mal um Verständnis für die teils eher durchwachsene Qualität meiner Fotos mit einer Billigkamera.

   

   

Die Bezeichnung "Exot" im Betreff ist der allseits bekannten Publikation "Zeitschichten Magnetbandtechnik als Kulturträger", 4.Aufl, unseres ebenfalls hochgeschätzten Mitglieds Friedrich Engel et al. entlehnt. Dort wird es ab Seite 432 unter der Überschrift "Ein Exot aus Oberfranken" beschrieben.

Arno
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#2
Das R85/R85a ist unter dieser Bezeichnung im ARD Braunbuch vom 12.10.1955 beschrieben.

Der Unterschied zwischen einem R 85 und einem R 85a liegt darin, dass das abgebildete R 85a für den Einbau eines Pilottonkopfs vorbereitet ist und einen Eingang für den Pilotton sowie einen modifizierten Tonkopfträger hat. Der Tonkopf selbst ist bei meinem Exemplar jedoch nicht verbaut. Man erkennt den freien Platz in der Mitte zwischen Aufnahme- und Wiedergabekopf

   

Das Gerät ist tragbar und hat Platz für 18 cm Spulen. Die Bandgeschwindigkeit beträgt 19,05 cm/sek. Es besitzt 3 Tonköpfe und getrennte Aufnahme- und Wiedergabeverstärker, was echte Hinterbandkontrolle ermöglicht.

Um die Unterseite zu öffnen, muss man oben im Inneren zwei Hebel umlegen. Dafür spart man sich Werkzeug zum Öffnen.

       
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#3
Auf der Oberseite innen ist auch ein kleines Markenzeichen der Firma Telefunken angebracht:

   

Ich vermute mal (ohne Beleg), dass das Gerät zwar im Apparatebau Max Ihle in Marktschorgast gebaut, aber von Telefunken an die Rundfunkanstalten vertrieben wurde. Auch Max Ihles Ferrophon III wurde als Loewe-Opta Ferrophon III angeboten.

Kurz noch ein Blick unter die Metallabdeckung oben:

   

Gut zu sehen sind der lange  Antriebsriemen, der mit der Umlenkrolle in der Mitte leicht nachgespannt werden kann, und die sehr aufwendig ausgeführte rechte Spulenantriebsrolle. Wenn man diese abnimmt, verbirgt sich darunter ein aufwendige, an Uhrentechnik erinnernde Präzisionstrommel aus Messing, die in ihrem Inneren zwei kleine Bremsbacken enthält, ähnlich wie bei einer Trommelbremse. Der Bremsmechanismus war bei meinem Gerät fest. Leider habe ich davon keine vernünftigen Fotos und noch einmal mache ich das nicht auf.
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#4
Eine wahre "Show" ist der Elektronikblock. Die Elektronik kann fast vollständig in einem Block herausgenommen werden, da sie nur mit zwei Steckleisten und zwei Federbügeln befestigt ist. Gut sichtbar sind 7 Röhren, die getrennte Aufnahme- und Wiedergabeverstärker ermöglichen. 7 Röhren waren damals schon etwas. Das vergleichbare, wohl ein Jahr zuvor auf den Markt gekommene und mit einem Federwerk angetriebene Maihak MMK 3, hatte nur 3 Röhren (das viel schwerere und teurere MMK 4 allerdings sogar 9)

   

   

   

Und bevor jetzt jemand mit einem angeblich unbedingt notwendigen Austausch aller Elkos und Kondensatoren nach über 70 Jahren kommt: die bleiben alle, auch die Lutschbonbons, es sei denn, ein Teil geht konkret kaputt. Bisher funktioniert aber noch alles.

Zu der problematischen Stromversorgung und dem Antrieb komme ich, wenn Interesse daran besteht, demnächst.

Beste Grüße

Arno
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#5
Und ob daran Interesse besteht!!!

Das Gerät kannte ich bisher nur vom Hörensagen. Der Elektronikblock ist ja geradezu gediegen aufgebaut!

Vielen Dank für diese Vorstellung; gerne mehr davon!!!

Martin
"Früher war mehr Lametta!"
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#6
Hallo Arno,

vielen Dank für die sehr detaillierten Einblicke in dieses mir noch unbekannte Gerät. Eine wirklich tolle Konstruktion (wie gefühlt jedes der Ihle-Geräte), aber das hier ist mein neuer Favorit.

Bitte unbedingt um eine Fortsetzung hierzu - bin total gespannt. All die anderen Geräte kennt inzwischen jeder. Dieses Modell hat mit Sicherheit nur eine handvoll Leute hier wenn überhaupt nur von außen gesehen.

VG
Andreas
Festina lente!

Motto der SN-Sammler: Irgendwann haben wir sie alle...
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#7
Hallo Arno,

Glückwunsch zum Ihle-Mobilgerät und danke für die Vorstellung.
Das sieht fein aus.

Erstaunlich, aber auch schön, dass Tropidur & Co. noch gut sind.

A = Aufnahme, R = Ruhe, W = Wiedergabe?

Schöne Grüße
Frank
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#8
Um an Franks Frage anzuknüpfen:

Die verschiedenen Betriebsarten werden Wiedergabe (das "W" ist leider im Foto links abgeschnitten) und Aufnahme werden in der Tat mit den drei Druckschaltern auf dem hier noch einmal eingestellten Foto von oben #2 vorgewählt und dann der große Ein/Aus Hebel im obigen Foto zum Start umgelegt. Mit Betätigung von "R" kommt man in eine Ruheposition.

                                                                                     

Der Schalter R schaltet auch den Rücklauf ein, von dem ich erst dachte er sei defekt. Der Trick  Idea  ist, das Gerät mit dem Hauptschalter auf "Aus" zu stellen und dann R gedrückt zu halten. Dann spult das Gerät zurück, solange man den Schalter drückt.

Weitere Tasten finden sich teils etwas versteckt auf der Außenseite des Geräts
                                                                             
                                                                                     

Die mit "H", "M" und "A" bezeichneten silberfarbenen "Punkte" sind keine Schaltpositionen für den übergroßen, in diesem Bild leider durch den Tragegriff verdeckten Hauptschalter, sondern tatsächlich Tasten, bei deren Betätigung die Heizspannung, Motorspannung und die Anodenspannung mit dem Drehspulinstrument überprüft werden kann. 

Das Instrument dient sonst als Aussteuerungsanzeige, die aber auch bei Wiedergabe mitläuft. Die Aussteuerung erfolgt manuell mit dem Drehknopf links im Bild, was, wie ich vermute, für einen Reporter im Stress nicht immer praktisch war. Bei der MMK 3 und auch der deutlich späteren MMK 7 von Maihak (nach Erinnerung 1960) konnte man nicht aussteuern, musste es aber auch nicht. Dafür musste man dort kurbeln (dazu später). Die Nagra III hat neben der freien Aussteuerung auch eine "automatic record" Stellung. Wenn man den gezackten Aussteuerungsregler nach oben zieht, wird die Empfindlichkeit bei der Aufnahme verringert.

Fortsetzung folgt morgen (oder so)

Arno
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#9
Danke für die Vorstellung Arno. Gern mehr von diesem Gerät.
Wie viel wiegt es denn so in etwa?

LG
Mike
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#10
Hallo Mike,

das "Leergewicht" beträgt 8,3 kg, also in der Größenordnung einer MMK3 von Maihak, wenn da nicht der Motorakku wäre....laut Braunbuch ist das Gewicht "aufgetankt" 11 kg.

Machen wir da gleich weiter. Nachfolgend ein Foto mit geöffneter Unterseite:

   

Oben in der Mitte sieht man eine auffällige Stroboskopscheibe für die 19,95 cm/sek, darunter den rechteckigen Motor und darunter den eingeschobenen Elektronikblock.

Rechts oben ist eine Halterungen für die Heizbatterie von 1,5 Volt und daneben und unter dieser die Halterungen für die 2 Anodenbatterien zu sehen.
Die Anodenspannung soll nominal 125 Volt betragen, bereitgestellt durch zwei in Reihe geschaltete Batterien mit nominal jeweils 67,5 Volt. Es gab auch Batterien für 125 Volt, aber vermutlich waren zwei Batterien besser unterzubringen. Soweit alles kein Problem. Das kenne ich von Maihak und habe da schon ein paar Anodenbatterien aus 9 V Blöcken gebastelt.

Für den Motor war aber ein 7,5 Volt Akku, 5 Zellig, Type 01000 S (so das Braunbuch) der Firma Silberkraft-Leichtakkumulatoren, Duisburg, vorgesehen. In den "Zeitschichten Magnetbandtechnik als Kulturträger" (Fundstelle siehe #1) wird auf Seite 433 der 4.Auflage ein Zeitzeuge zitiert, der berichtet, dass der
Silber-Zink-Akku ausfiel und sogar manchmal explodierte, wenn auch einige Reporter gut mit dem Gerät klarkamen.

Man sieht also, explodierende Akkus (Handys, Laptops) sind keine Erfindung der Neuzeit Big Grin

Der Akku war in dem großen freien Bereich links auf dem Foto untergebracht, wo man 4 Halterungstürme rundum und zwei Büschelstecker erkennen kann.
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#11
Das Problem scheint mir persönlich aber eher der Motor selbst zu sein. Irgendwo habe ich gelesen, dass dieser eigentlich ein Plattenspielermotor der Firma Dual sein soll. Das kann ich nicht verifizieren, da ich auf dem Motor keine entsprechenden Angaben gefunden habe. Den Durchbruch bei präzise laufenden Batteriemotoren für Tonbandgeräte schreibt sich später bekanntlich die Firma Nagra mit der Nagra III auf die Fahne. Auch die Firma Bühler hat da einiges geleistet.

Jedenfalls zieht dieser Motor trotz ein paar Tropfen Öls im normalen Wiedergabebetrieb über 2,2 A bei ca 8,6 Volt.

   

Beim Rückspulen sind es sogar über 3 A. Erst dachte ich, bei meinem Gerät sei etwas kaputt oder der Motor sei immer noch verharzt. Aber die Werte entsprechen den Werten aus dem Braunbuch. Dort werden für die Aufnahme/Wiedergabe sogar 2,5 A angegeben. Kein Wunder, dass ein Akku, zumal bei Kälte oder Hitze, da schnell schlapp macht.

Auch erreicht mein Gerät mit zwei 18cm Spulen und Standardband PER 525 die Sollgeschwindigkeit von 19,05 cm/sek nicht schon bei 7,5 Volt, sondern erst bei ca 8,6 Volt. Glücklicherweise braucht man aber den Akku nicht. Das Gerät hat an der linken Seite einen Anschluss für eine externe Stromversorgung des Motors

   

Etwas mutig erscheint mir, dass man da eine Großtuchel Steckerbuchse genommen hat, zumal sich unten auch eine vorstehende Großtuchelbuchse für den Anschluss eines dynamischen Mikrofons mit Schnurübertrager 1:30 befindet.

   

Da kann man trotz der Aufschrift schon mal durcheinander kommen und ein Eingangsübertrager ist dort nicht vorgesehen, sondern soll in das Anschlusskabel.

Ganz oben Links im Bild unter #10 ist leider schlecht erkennbar ein Relais untergebracht, das den Motorakku, wenn er denn vorhanden ist, bei Anschluss einer Außenspannung lautstark abtrennt. Bei meinem Exemplar hat offenbar schon einer der Voreigentümer das Vertrauen in den Akku verloren, weil dafür nicht einmal mehr Anschlusskontakte vorhanden sind. Die Büschelstecker sind nirgends angeschlossen.

Es muss auch ein Netzteil mit der Bezeichnung N85 gegeben haben (hat jemand ev. ein Bild ? ) und im Braunbuch wird auch der Anschluss an eine 6 Volt Autobatterie als Anschlussmöglichkeit erwähnt. Ich habe jedoch Zweifel, ob der Motor bei 6 Volt überhaupt die Bandgeschwindigkeit erreicht.
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#12
Zum Abschluss noch eine Warnung:

Das vorgesehene Hauptmikrofon (habe ich leider nicht) ist ein Kondensatormikrofon M58.
Das benötigt laut Braunbucheintrag eine Anodenspannung von 120 Volt. Die und die Kapselvorspannung werden von den Batterien des R85a bezogen.

         

Das bedeutet, an der harmlos aussehenden Mikrofonanschlussbuchse liegen 120 Volt Gleichspannung an Exclamation Exclamation Exclamation

Das war's (obwohl es noch ein paar interessante Dinge gäbe).

Beste Grüße

Arno
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#13
Lieber Arno,
besten Dank für die Vorstellung dieses seltenen Exoten.
Wäre noch die Frage, wie klingen damit gemachten Aufnahmem?

V.G.
Jo
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#14
Hallo Jo,

das Gerät ist ein reines Reportergerät und daher wie fast alle diese Geräte nur für Sprachaufnahmen konzipiert. Es hat nicht mal einen Eingang für Aufnahmen von Verstärkern oder anderen Musik "Lieferanten". Man müsste schon mit einem Mikrofon  Liveaufnahmen  machen.

Ob das angesichts des angegebenen "amtlichen" Frequenzgangs von 80 bis 8000 Hz sinnvoll wäre, sei dahingestellt.

Beste Grüße

Arno
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#15
Auch von mir ein großes Dankeschön für die Vorstellung dieser Rarität mit vielen tollen Bildern.

Das Gerät ist ja in einem beneidenswert guten Erhaltungszustand!

Gruß
TSF
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#16
Sehr schöne Gerätevorstellung, gefällt mir sehr.

Danke, auch von mir.

Bernd
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#17
Danke für die Vorstellung!

Das Problem der Silber-Zink-Akkus haben vor allem Geräte aus der Ecke "wir nehmen das Beste, zahlen tuts eh ein anderer", also Rundfunk oder Militär. Die Dinger hatten unter anderem einen niedrigen Innenwiderstand und hohe Kapazität, daher waren die 2,5A nicht so das Problem.

Ersetzen ließen sie sich aber gut durch zwei oder vier LiPo-Zellen in 2s oder 2s2p, die Spannungslage paßt perfekt. Falls Du damit auf Reportage ziehen wolltest Wink

Was mit aber aufgefallen ist: Das R85(a) ist das erste Gerät aus der Ihle-Werkstatt, dessen Design mich vermuten läßt, daß da mal ein Industriedesigner drübergeschaut hat. Ich finde die ineinanderlaufenden Bögen sogar ausgesprochen elegant. vor allem für ein Gerät, bei dem Funktionalität sicher Priorität hatte.

Michael
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#18
Sehr schön, bindegarn, sogar mit Kreuzknoten.
Was ist denn ein "Schnurübertrager"? Im Kabel integriert?

Am Rande: DUAL-Motoren kamen, zumindest in den 60er und 70er Jahren, oftmals von der benachbarten Firma Papst, z.B. bei CS 1019 - 1229 und m.E. auch beim TG 29.

Schöne Grüße
Frank
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#19
genau, Schnur ≙ Kabel

Beste Grüße
Arno
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