B&O Beocord 1800
#1
Hello all,

in den späten 60-iger Jahren des letzten Jahrhunderts des vergangenen Jahrtausends drehten sich so manche meiner Träume um das Beocord 2400.  Der damalige Neupreis betrug laut "HifiWiki" 1882,- DM. Dafür hätte meine Großmutter lange stricken, und ich länger als nur die Sommerferien lang bei Staedtler, Müller und Weigert oder der Trafo-Union arbeiten müssen. Zum Vergleich: mein Philips RK 25 hatte ein paar Jahre früher etwas weniger als 300,- DM gekostet.
Für ein Uher RdL hätte man, wenn ich mich recht erinnere, so um die 1200,- DM auf den Ladentisch legen müssen. Als das Beocord dann etwas näher in meiner finanziellen Reichweite lag, war der Markt ein anderer. In den 70-igern sah die Konkurrenz anders aus, die Revox war billiger ! ( 1973 kostete die A77 bei Radio-Adler in Nürnberg am Josefsplatz 1498,- DM). Und als ich dann etwa 5 Monate nach dem Beginn meines Studiums eine fette Nachzahlung des Bafögs bekam, wurde es weder ein Uher, noch ein Revox, und schon gar kein B&O.
Die japanische Invasion war hereingebrochen, und es wurde das schon oft erwähnte Sony TC 640 bei HiFi Gösswein. Es war ein Sonderangebot (das TC 640A mit Ferritköpfen stand schon in den Startlöchern) und ich habe im Vergleich zur A77 500,- DM gespart.

Mitte der 80-iger Jahre kam dann das erste Revox ins Haus: eine A77 Mk4, zusammen mit 3 Bändern, von denen nur eines bespielt war: also fast jungfräulich.
Und dann ging es fast wie beim Tomte Tummetott: viele Tonbandgeräte sah ich kommen und gehen.... Und nachdem mich die meisten Telefunken und alle Studer verlassen hatten, kamen wieder ein paar Consumer-Geräte herein, unter anderem von Uher, und eben auch dieses Beocord 1600. Stand-alone war im Gegensatz zu früher nicht mehr notwendig, und wie es so dastand und es niemand wollte, habe ich mich seiner erbarmt.

Der äußerliche Zustand war nahe an erbärmlich: der ursprünglich schwarze Boden grau und fleckig, der Holzkorpus (Palisander) zerbrochen, tiefe Kratzer in der Abdeckung unter den Spulen, das Bedienfeld war aber noch durch die Kunststofffolie, mit denen das Gerät dereinst ausgeliefert worden war, geschützt, und deshalb noch in gutem Zustand: nur ein unbedeutender Kratzer am Knebel, mit dem man die Laufwerksfunktionen schaltet, die Folie allerdings wellig und vergilbt.

Nachdem ich bei der Uher SG 520 die Segel gestrichen hatte (die ist meiner Meinung nach kaputtrepariert gewesen, ich habe es dann irgendwann aufgegeben, die Fehler zu suchen) habe ich mich dem Beocord zugewandt: erst einmal die Maschine aus dem Holzkorpus geholt,was nicht so einfach war, weil einige Schrauben an sehr versteckter Stelle sitzen. Dann den Korpus gereinigt und geleimt, den Boden des Gehäuses geputzt und versucht, die Stockflecken (jedenfalls sahen die sahen die so aus) entfernt, die Maschine mit dem Pinsel grob gereinigt, und dann eingeschaltet: mal sehen, was passiert.

   

Passiert ist nix, oder besser: der Motor lief sofort an, die Reibräder rumpeln nicht, die Leuchtmittel brennen, die Aussteuerungsinstrumente sind beleuchtet, bei Aufnahme wird ein zusätzliches rotes Birnchen zugeschaltet, das allerdings etwas die Farbe verloren hat und jetzt eher orange, und das auch noch links und rechts unterschiedlich, leuchtet.
Das Beocord ist die 2-Spur-Version mit einem zusätzlichen 4-Spur-Wiedergabekopf, hat also 4 Köpfe: Löschkopf, 4-Spur-Wiedergabe, 2-Spur-Aufnahme, 2-Spur-Wiedergabe.
Nach Verbinden mit dem Verstärker und Auflegen eines 4-spurig bespielten Bandes : das Teil tut: beide Kanäle vorhanden, und noch nicht einmal schlecht.
Dann Aufnahme 2-Spur: funktioniert, der Pegel ist im Vergleich zum CD-Player, der am Verstärker hängt, deutlich geringer, aber man erreicht noch problemlos mehr als Zimmerlautstärke.

   

Überrascht hat mich der solide Aufbau: das massive Guss-Chassis, die Reibräder, die ihr Alter nicht verleugnen, aber trotzdem fast lautlos ihren Dienst verrichten (da hätte Uher etwas lernen können), die fotoelektrische Bandendabschaltung, die mein gelbes Trennband erkennt, der kleine Hebel, mit dem man die Bandendabschaltung ausschalten kann, alles sieht sehr solide aus.

   
 
Was kam nach dem Beocord 1800?
Die Konkurrenz war in den 70-igern groß, insbesondere aus Japan, und B&O schien sich beim Nachfolger nicht allzuviel Mühe gemacht zu haben
Ich erinnere mich an einen Testbericht des Nachfolgers Beocord 1200 (das Beocord 1600 unterschied sich vom 1200 nur durch den eingebauten Endverstärker) in der HiFi-Stereophonie: das hatte nur 2 Köpfe (Lösch-und Kombikopf) und war im Vergleich zu diesem 1800 deutlich abgemagert, aber designerisch aufgepeppt, so daß es besser ins damalige Design von B&O passte. Und es war so flach, daß man es an die Wand hätte hängen können, wenn man gewollt hätte....Zusammenfassung damals: einfache HiFi-Klasse, zu teuer....

Das Beocord 1800 hat jedenfalls Bleiberecht erworben, es bedarf noch einer gründlicheren Reinigung, insbesondere der Köpfe (der Alkohol hat nicht gereicht),
und schaun mer mal, dann sehn mer schon..

Noch eine Frage an die Spezialisten habe ich: weiß jemand, wer die Geräte gebaut hat? Ich glaube mich zu erinnern, daß B&O die Tonbandgeräte von einem Zulieferer bezogen hat....

Viele Grüße

Frank
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#2
(21.06.2024, 20:26)Frank Stegmeier schrieb: Was kam nach dem Beocord 1800?

Sie hatten noch große Pläne...

B&O BEOCORD 6000 Prototyp

... die es aber leider nicht mehr bis zur Serienfertigung geschafft haben. Schade, wäre bestimmt interessant geworden.

Zitat:Noch eine Frage an die Spezialisten habe ich: weiß jemand, wer die Geräte gebaut hat? Ich glaube mich zu erinnern, daß B&O die Tonbandgeräte von einem Zulieferer bezogen hat....

Ich bin zwar kein B&O-Spezialist, aber ich habe mir mal vor 30 Jahren ein gebrauchtes Beocord 1200 angesehen (das ich letztendlich aber doch nicht gekauft habe). Ich bilde mir ein, daß da "Made in Denmark" auf dem Typenschild stand. Das spräche ja dafür, daß B&O doch selbst gebaut hat...? Wie sieht's denn diesbezüglich mit dem 1800 aus?

Ich sehe auf den Bildern nichts, was mir von einem anderen Hersteller bekannt vorkommt.
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#3
Hallo Frank,
eine schöne Vorstellung zum Beocord hast du hier abgeliefert.
Die Reibräder, die Bandführungsbolzen und die korkbelegten Bremshebel erinnern mich an die Einmotorer von Tandberg.

Gruß Jan
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#4
Hallo Timo,

nachdem ich das Beocord 1800 nackig gemacht habe, habe ich halt einfach Probleme damit, mir vorzustellen, daß B&O die Laufwerke/Mechanik selbst gebastelt haben soll. Das "made in Denmark" ist leider keine Garantie, daß wirklich alle Teile in Dänemark hergestellt wurden. Ich zitiere mal Wikipedia für "Made in Germany" und ich denke, daß das für Dänemark auch gegolten hat:

"Bisher (2013) sind „Made in …“-Ursprungsbezeichnungen in der EU freiwillig. Auch sind die Hersteller relativ frei darin, ihre Erzeugnisse als „Made in Germany“ zu bezeichnen, obwohl sie zu einem großen Teil im Ausland gefertigt wurden."

Vielleicht bin ich völlig daneben, aber, nur als Beispiel, es gab z.B. den Herrn Herbert Brause, ursprünglich in Radebeul bei Dresden beheimatet, der hier nach seiner Flucht aus dem, was die Leute dort Sozialismus nannten (wahrscheinlich ohne Marx gelesen zu haben), in der schönen Region Franken im noch schöneren Baden-Württemberg in den 50-igern und 60-igern Tonbandgeräte für viele Unternehmen und unter verschiedenen Namen produziert hat: für die Versandhäuser Quelle und Neckermann, für Siemens und für die Bundeswehr, außerdem Sprachlehranlagen und auch unter eigenem Namen bzw. unter dem Namen seiner Firma: Elektron.
Ich verlinke hier auf ein Bild aus dem Radiomuseum des Herrn Erb:


https://www.radiomuseum.org/r/elektron_tb184_s4k.html

In Natura habe ich so ein Gerät nie gesehen, ich weiß nicht, ob es je verkauft wurde....

Hier noch ein paar Infos zu Elektron, für die, die es interessiert. Man beachte insbesondere die Beiträge von Herrn Klein:


https://tonbandforum.de/printthread.php?tid=61

Meine Theorie ist, daß die Elektronik von B&O stammt, das Laufwerk aber zugekauft wurde....ob von Elektron oder einer anderen Firma.

Viele Grüße

Frank

P.S. z.B. hat Herr Eben aus Dachau ja auch komplette Laufwerke von Truvox und Collaro zugekauft...
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#5
Hallo Frank,

"Made in "Lalaland"" hatte in den späten 60er und frühen 70er Jahren noch eine andere Aussagekraft, wie heute. Das konnte man durchaus ernster nehmen als es heutzutage der Fall ist. Globalisierte Fertigung war noch weit weniger verbreitet und die Fertigungstiefe in den Werken höher. Einzelne Blechteile konnte man im 10-Mann-Betrieb um die Ecke fertigen lassen, zusammengeschraubt wurde das Laufwerk dann noch im Werk. Insbesondere der stark "verzahnte", kompakte Aufbau der BeO 1600 (und Schwestern) macht es nicht so einfach, ein komplettes Laufwerk (...was ja bei einem TB-Gerät fast 75% des metallenen Innenlebens ausmacht) zuzukaufen, um das dann so aufwendig verschachtelt mit der Elektronik zu kombinieren, wie es bei der BeO der Fall ist. Insofern unterscheiden sich ja auch "klassisch" konstruierte Bandgeräte deutlich von Tapedecks (obwohl diese in der Frühphase der HiFi-Decks ähnlich aufgebaut waren.) Genau diese Aufbauweise zeichnet ja auch so fortschrittliche Konstruktionen wie die A77 (Revox) oder das TS1000 von Grundig aus. Hier geht es nämlich wesentlich aufgeräumter zu, als in der BeO. Baugruppen lassen sich so viel einfacher in das Gerät einpflanzen.
Kurzum...   ...für mich deutete nichts in der 1600er auf einen Zukauf des kompletten Laufwerks hin, als ich meine 1600er vor einigen Jahren mal zerlegt habe. Zu 100% ausgeschlossen ist das natürlich nicht.

Gruß
Peter
Time flies like an arrow. Fruit flies like a banana. (...soll Groucho Marx gesagt haben, aber so ganz sicher ist das nicht...)
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#6
Hallo Peter,

nachdem ich von Wolfgang dessen Beocord 1800 erworben hatte, das eine Gummiandruckrolle besaß, bei der sich der Gummi schon halbwegs aufgelöst hatte (ich wußte gar nicht, daß Gummi das kann) habe ich die Maße der Andruckrolle mit der eines RdL verglichen. Innendurchmesser des Lagers und Außendurchmesser stimmten überein. Ich habe also die Uher-Rolle eingebaut, die Sicherungen gewechselt, und seitdem tut das Ding (d.h: Wiedergabe funktioniert auf beiden Kanälen, die Aufnahme des linken Kanals fehlt).

Trotz dieser Übereinstimmung halte ich Uher als Laufwerkslieferanten (die ja auch für Braun gearbeitet haben) für ausgeschlossen: der ganze Antrieb weist keine Übereinstimmungen mit Uher vor RdL/Variocord auf, und mit RdL schon gar nicht. Die Schlaufenfänger sind wirklich nur Schlaufenfänger, und auch sonst finde ich Lösungen, die ich für so ein teueres Gerät relativ seltsam finde: z.B. kann man nach Abnahme der Laufwerksabdeckung den linken Spulenteller (die Autokorrektur macht immer einen Suppenteller daraus) einfach nach oben herausziehen: bei beiden 1800, die ich besitze, hat die Welle unterhalb des Lagers keine Sicherung, die das verhindern würde...

B&O hatte ja wohl wenig Erfahrung im Bau von Tonbandgeräten im Vergleich mit anderen Herstellern: mindestens bis Ende der 50-iger hatte man Drahttongeräte gebaut. Die Mechanik dieser Geräte sollte sich von Tonbandgeräten wesentlich unterscheiden. Und ich glaube mich zu erinnern, daß in den Anfangszeiten dieses Forums über mögliche Hersteller, die als Zulieferer in Frage gekommen wären, diskutiert wurde. Aber diese Beiträge sind verschollen, jedenfalls finde ich sie nicht mehr....
Wie leider auch viele Mitglieder aus den Anfangsjahren hier nicht mehr aktiv sind...

Viele Grüße

Frank
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#7
Dieser Steuerhebel für Vor-/Rücklauf, Start und Stop sowie der Aufbau der Reibradmechanik erinnern sehr an Laufwerke von BSR (Birmingham Sound Reproducers).

Wenn ich bei RMorg die Reihe der B&O Modelle zurückgehe, finde ich bei allen aus den 60ern diesen Steuerhebel. Das früheste in der Reihe, das B&O Belcanto aus den frühen 60ern, hat ihn in etwas anderer Form auch und das ist nun ganz gewiß ein BSR-Laufwerk, das in vielen britischen Modellen verbaut war, u. a. auch von BSR selbst.

Gruß
TSF
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#8
Nun, ich muss zugeben, dass ich bisher nur die Beocord 1600 genauer von innen gesehen habe. (Ihr Name ist wohl in Franks Eingangspost auch gefallen, was ein Versehen sein kann). Und dieses LW ist mir bisher nirgendwo anders unter gekommen. In meinen Augen hatte sich B&O bei der Ausführung der Laufwerksbedienung (Steuerhebel) irgendwie von Tandberg inspirieren lassen. Bei diesem Hersteller war der Steuerhebel ja über zig Jahre identitätsstiftend. Ansonsten sind mir diese Steuerhebel nur von kleineren Koffergeräten (u.a. von Sanyo) in Erinnerung geblieben.(Von diversen Compaktcassetten-Geräten mal abgesehen.)

Gruß

NACHTRAG

Vielleicht kann Frank mal das Innenleben der 1800er mit dem der 1600er vergleichen. 
(Siehe hier: Dänischer Flachmann: Beocord 1600 (tonbandforum.de)  )

Gruß

Peter
Time flies like an arrow. Fruit flies like a banana. (...soll Groucho Marx gesagt haben, aber so ganz sicher ist das nicht...)
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