14.04.2024, 10:05
Lieber Thomas,
zugegeben: ich habe nach der kuriosen Einleitung der Pressemitteilung bzw. des daraus gezeugten Watson-Berichts nicht angenommen, noch auf eine konkrete Information zu stoßen. Unter „Ausrichtung“ verstehe ich die geometrische Lage einer Pigmentnadel im gesamten Schichtvolumen.
Nach längerem Herumdenken nehme ich an, dass der Bandwickel von "oben", nicht von der Seite, her abgetastet werden soll. Allerdings sehe ich enorme Probleme:
Nadelförmige Pigmente für Studiobänder der 1980er Jahre dürften - orientierungsweise - Längen von 1 µm und und Durchmesser um 0,1 µm gehabt haben. Bei einer für diese Magnetbandtypen typischen Schichtdicke von 13 µm türmen sich zahlreiche Pigmentlagen über- und durcheinander. Für die Gesamtzahlen der Pigmentteilchen auf einem 1000 m langen Band, 6.3 mm breit, kommt man auf Zahlen, die sich nur in schier unwahrscheinlichen Zehnerpotenzen ausdrücken lassen. Der Volumenfüllfaktor - also der Anteil des Pigments am Schichtvolumen - ist mit 40 % anzusetzen.
Auch wenn der Ausdruck „fast individuell auslesen“ bedeutet, dass zunächst eine sinnvolle Gruppenbildung der Magnetisierungswerte vorgenommen wird (nach dem Vorbild einer Samplingfrequenz von 96 kHz), befürchte ich immensen Datenanfall. Überhaupt dürfte die mikrometergenaue Positionierung des Abtast-Werkzeugs enormen Aufwand verursachen, sozusagen auf die Potenzierung der Laser-Abstastung von Schallplatten hinauslaufen.
Die Wortgebung ist allenfalls einer Pressemitteilung angemessen: «Was wir mit Röntgenstrahlen rekonstruieren, ist das reine Audiosignal, wie es auf dem Band gespeichert ist», erklärt Gliga. Spielt man dasselbe Band jedoch auf dem Studer ab, erhält man ein leicht verändertes Signal. «Das liegt an der Elektronik im Gerät, die den Klang zusätzlich verarbeitet und manipuliert.» Vor allem diese zu stark vereinfachte beschriebene Rolle der Wiedergabeentzerrung bzw. der hier zugrunde liegenden physikalischen Gesetzmäßigkeiten gibt zu denken.
Frage: bleibt die Magnetisierung nach Abtastung mit Röntgenlicht erhalten? Wenn ja, würde es sich wahrscheinlich lohnen, (einwandfrei abwickelbare) historische Magnetbandaufnahmen (1941 aufwärts) auf evtl. Klanggewinne zu untersuchen.
Also: es heißt abzuwarten, was in einer qualifizierten Darstellung zu lesen und als Ergebnis publiziert sein wird.
Ich bin gespannt.
F.E.
zugegeben: ich habe nach der kuriosen Einleitung der Pressemitteilung bzw. des daraus gezeugten Watson-Berichts nicht angenommen, noch auf eine konkrete Information zu stoßen. Unter „Ausrichtung“ verstehe ich die geometrische Lage einer Pigmentnadel im gesamten Schichtvolumen.
Nach längerem Herumdenken nehme ich an, dass der Bandwickel von "oben", nicht von der Seite, her abgetastet werden soll. Allerdings sehe ich enorme Probleme:
Nadelförmige Pigmente für Studiobänder der 1980er Jahre dürften - orientierungsweise - Längen von 1 µm und und Durchmesser um 0,1 µm gehabt haben. Bei einer für diese Magnetbandtypen typischen Schichtdicke von 13 µm türmen sich zahlreiche Pigmentlagen über- und durcheinander. Für die Gesamtzahlen der Pigmentteilchen auf einem 1000 m langen Band, 6.3 mm breit, kommt man auf Zahlen, die sich nur in schier unwahrscheinlichen Zehnerpotenzen ausdrücken lassen. Der Volumenfüllfaktor - also der Anteil des Pigments am Schichtvolumen - ist mit 40 % anzusetzen.
Auch wenn der Ausdruck „fast individuell auslesen“ bedeutet, dass zunächst eine sinnvolle Gruppenbildung der Magnetisierungswerte vorgenommen wird (nach dem Vorbild einer Samplingfrequenz von 96 kHz), befürchte ich immensen Datenanfall. Überhaupt dürfte die mikrometergenaue Positionierung des Abtast-Werkzeugs enormen Aufwand verursachen, sozusagen auf die Potenzierung der Laser-Abstastung von Schallplatten hinauslaufen.
Die Wortgebung ist allenfalls einer Pressemitteilung angemessen: «Was wir mit Röntgenstrahlen rekonstruieren, ist das reine Audiosignal, wie es auf dem Band gespeichert ist», erklärt Gliga. Spielt man dasselbe Band jedoch auf dem Studer ab, erhält man ein leicht verändertes Signal. «Das liegt an der Elektronik im Gerät, die den Klang zusätzlich verarbeitet und manipuliert.» Vor allem diese zu stark vereinfachte beschriebene Rolle der Wiedergabeentzerrung bzw. der hier zugrunde liegenden physikalischen Gesetzmäßigkeiten gibt zu denken.
Frage: bleibt die Magnetisierung nach Abtastung mit Röntgenlicht erhalten? Wenn ja, würde es sich wahrscheinlich lohnen, (einwandfrei abwickelbare) historische Magnetbandaufnahmen (1941 aufwärts) auf evtl. Klanggewinne zu untersuchen.
Also: es heißt abzuwarten, was in einer qualifizierten Darstellung zu lesen und als Ergebnis publiziert sein wird.
Ich bin gespannt.
F.E.
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