Tonmeister/ Erfinder Jürg Jecklin verstorben
#1
Am 24. November 2021 verstarb der Schweizer Tonmeister und Erfinder Jürg Jecklin im Alter von 83 Jahren. Vielen hier im Forum wird er sicherlich als Erfinder des Jecklin Float Kopfhörers und der Jecklin OSS Scheibe bekannt sein.

 
https://tonmeister.org/de/rubriken/in-me...g-jecklin/
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#2
Au, das tut weh zu hören. Da kann  man mal sehen, wie wenig ich in den vergangenen Monaten mitbekommen habe.

Zur weiteren Erinnerung diese Videolinks.

Auch sein Buch "Musikaufnahmen" von 1980 halte ich in Ehren, wenngleich ich mit ihm damals längere Diskussionen über einige Aussagen geführt habe.

Interessant ebenfalls zu lesen (hier wurden meine Anrengungen tw. eingearbeitet):
https://www.derton.at/tm-downloads/

Grüße
Peter
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#3
(17.02.2022, 01:02)Peter Ruhrberg schrieb: Zur weiteren Erinnerung diese Videolinks.

Zunächst mal unbekannterweise natürlich R.I.P..

Was für unglaublich trockene Themen. Ich bin ehrlich. Ich habe keine Minute durchgehalten. Ich glaube ich wäre eingeschlafen bei den Vorträgen. Jetzt bin ich aber jemand wo Musik einen unglaublich hohen Zeitfaktor im Leben hat. Aber diese Themen interessieren mich schlichtweg nicht. Man muss die Bereitstellung der Musik und deren Technik trennen vom Konsum und nutzen der Technik. Ich möchte das jetzt nicht in ein schlechtes Licht rücken. Natürlich braucht es diese Fachleute aber auf der anderen Seite genügt es mir völlig das ein Tapedeck/Tonband oder sonstwas funktioniert. Mir ist im Grunde völlig unwichtig wie es das tut. Der Spaß beginnt bei mir mit der Frage was auf das Band draufkommt. Natürlich soll es das auch in einer einigermaßen ordentlichen Qualität tun wenn es wieder herunter kommt.

Aber solche Vorträge hätte ich deswegen ganz sicher niemals durchgehalten.

VG

Martin
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#4
(17.02.2022, 07:34)leserpost schrieb: Aber solche Vorträge hätte ich deswegen ganz sicher niemals durchgehalten

Die Produzenten und Konsumenten von Kultur (nicht nur von Musik) - es sei denn, jemand ist auf beiden Feldern unterwegs - leben meist in völlig verschiedenen Welten und sprechen ebenso verschiedene Sprachen.
In ähnlicher Weise gilt dies auch für Ausführende und den Leuten auf der anderen Seite des Fensters zur Regie. Hier hilft es enorm, die Sprache der Ausführenden in technische Parameter übersetzen zu können.

Peter
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#5
Dafür hat man ja dann auch Fachleute, die aus der Arbeitsteilung heraus entstanden sind.
So kann ich z.B. einen roten Kasten aus der Abstellkammer nehmen, der ein Schlauch, einen Knopf und ein Kabel hat.
Ich muß nur das Kabel in die Steckdose stecken können, dann saugt es in dem Loch vorn am Schlauch, wenn ich auf den Knopf drücke.
Ganz ohne Kenntnisse von Herren wie Siemens, Bernoulli oder Stiefel.
Da ist auch nicht ehrenrührig, sondern genau so gedacht.

Ich glaube aber, daß in diesem Forum die Nähe zur eingesetzten Technik naturgemäß größer ist, denn als reines Aufnahme- und Wiedergabemedium ist so ein elektromechanisches Monster wie eine Bandmaschine ja längst überholt.
Da steckt dann auch die Zuneigung zu sich selbst bewegender Technik dahinter.
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#6
Ich kannte Jecklin bisher nur von der nach ihm benannten Scheibe, es hat mir aber viel Freude bereitet seine o. g. Youtube Beiträge anzuhören. Wenn jemand Probleme damit hat den Beiträgen interessiert zu folgen, dann vielleicht wegen seines Schweizer Dialekts? Für mich als Alemanne ist es natürlich eine Freude die heimischen Klänge zu hören, ich kann aber verstehen, dass es ein Problem ist inhaltlich zu folgen, wenn man schon sprachlich nicht mehr folgen kann. Ob man im Himmel Tonmeister braucht? Ich denke schon, dass man auch die himmlischsten Klänge noch optimieren kann!
RIP
Gerhard
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#7
Mit allem Respekt in diesem Zusammenhang empfohlen: Rede Albert Einsteins anlässlich einer Funkausstellungs-Eröffnung:

https://www.einstein-website.de/z_biogra...llung.html

Bild: Jürg Jecklin im Funkhaus der SRG Basel zusammen mit Dr. Semi J. Begun, 1988 (Foto F.E.)

F.E.


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#8
Mit dem Namen konnte ich direkt was anfangen, wegen des Jecklin Float Kopflautsprechers. Den Test habe ich min. 20x gelesen....

R.I.P. Mr. Jecklin
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#9
Hallo in die Runde,

durch die hier in dankenswerter Weise eingestellten "Links" zu Darstellungen im Internet konnte ich mein Wissen über Jürg Jecklins Wirkungskreis vertiefen.

Den Inhalten der hier geschriebenen und von Albert Einstein gesprochenen schönen Beiträge zum Zusammenwirken von Technik und Erweiterungen des Wissens und der Wahrnehmungen auf anderen Gebieten möchte ich mich uneingeschränkt anschließen.

Mit stillem Gruß
Manfred
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#10
(17.02.2022, 19:28)Friedrich Engel schrieb: Rede Albert Einsteins anlässlich einer Funkausstellungs-Eröffnung

Gibt es sogar als koloriertes Video:

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#11
Mit Jecklin verbinde ich vor allem sein Buch, dank Peter weiß ich auch den Titel wieder (oranger Einband?). Das war eine über einige Jahre mehr bei mir im Regal als in der Stadtbibliothek Wink
Die ganzen Grundlagen habe ich daraus gezogen, auch wenn ich sie nur bedingt anwenden konnte. Aber ich hab einigermaßen verstanden, was die ganzen Mikros sollten, die der BR aufgehängt hat, wenn er ein Konzert der Bamberger aufgezeichnet hat.

Leider hatte ich als Schöler nicht die finanziellen und technischen Möglichkeiten, daher habe ich mir eine OSS-Scheibe aus Plexiglas, belegt mit grobporigem Schaumstoff und ausgestattet mit zwei Elektretkapseln von Schuberth Elektronik (kennt die noch jemand?) gebaut. In geeigneten Räumen konnte man da schon ordentliche Aufnahmen machen, vor allem, wenn Zeit zum Probieren war.
Andere Mikrofone waren halt (zu) teuer...

Etwas später dann den Jecklin Float fürs Abhören (noch da, aber wegen Einzugs aktiver Monitore nur gelegentlich in Betrieb).
Und dann die Diskussion über Analog/Digital...

Zweifellos ein Mensch, der mit seiner Begeisterung für seinen Beruf Bleibendes geschaffen hat.

Michael
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#12
(17.02.2022, 22:45)Übertrager schrieb: (oranger Einband?).

Stimmt. Darunter ist es irgendwas zwischen grau, braun und grün (frei  nach Loriot: ein grünlich-blaues Braunrotgrau).

(17.02.2022, 22:45)Übertrager schrieb: Schuberth Elektronik (kennt die noch jemand?)

Klar. Neben Arlt, Nadler, Holzinger und wie sie sie damals alle hießen. Hab noch den Insolvenzverkauf von Radio Arlt (in Düsseldorf am Wehrhahn) mitbekommen. Am reizvollsten fand ich die 25 Meter Schubladenregale aus Holz. Leider hatte ich keinen Platz dafür …

(17.02.2022, 22:45)Übertrager schrieb: Andere Mikrofone waren halt (zu) teuer...

Elektret-Druckkapseln konnten ausgezeichnet klingen, in einem Direktvergleich mit diversen WDR-Tonmeistern waren sie von Brüll und Klirr (heute DPA) Typ 4006 klanglich nicht zu unterscheiden. Einige Kollegen zogen sogar die Einemarkfuffzig-Version vor …

(17.02.2022, 22:45)Übertrager schrieb: Und dann die Diskussion über Analog/Digital...

Nicht zu vergessen die dhfi-Testschallpatte 6 von 1980, wo die erste Seite in OSS aufgenommen war, die zweite in MS mit KM 83 und KM 86 über der Klaviatur:

   


Übrigens hat Jürg Jecklin nach diversen Einwänden von Eberhard Sengpiel, meiner Wenigkeit  und anderen Tonmeistern die Geometrie der OSS Aufstellung verändert: von Scheibendurchmesser 30 cm und Mikrofonbasis 16,5 cm (ca. Ohrabstand) auf 35 bzw. 36 cm. Nachzulesen in seinen Skripten, die in ich in #2 verlinkt habe.

Die alte Scheibe ist noch heute erhältlich und nicht ganz billig: https://www.thomann.de/de/haun_oss_jecklinscheibe.htm

Grüße,
Peter
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#13
Mit Interesse habe ich damals (Anfang 1983) auch die in der Zeitschrift HiFi-Stereophonie geführte Diskussion zum Thema "Vergleich Analog-PCM" zwischen dem Testredakteur Arndt Klingelnberg und Jecklin verfolgt. Sehr lesenswert, auch aus heutiger Sicht.

[/url][url=http://www.hifimuseum.de/1983-widerrede-von-jecklin.html]hifimuseum.de - Sie sind im Bereich : 1983 - Widerrede von Jecklin
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#14
Damals war die Digitaltechnik noch in den Kinderschuhen. Aber die DHFI Nr. 6, die die Kunst der Digitaltechnik demonstrieren sollte, klingt schon sehr ordentlich für die damalige Zeit. Toni war natürlich Jürg Jecklin, wohl einer der Pioniere des Fachs, die sich von Anfang an intensiv mit dieser neuen Tonträgertechnik auseinandersetzten und natürlich auch die Möglichkeiten damit ausloteten.

Heute kann man mit einem geeigneten Interface schon mit 96kHz/24bit jede ausgewachsene Studiobandmaschine in Verlegenheit bringen...
Gruß André
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#15
Ein interessanter Thread!

Sehr einleuchtend finde ich das Prinzip der Jenklin-Scheibe, wovon ich noch nie etwas gehört hatte. Vermute mal, dass Aufnahmen damit recht ähnlich der Kunstkopf-Stereofonie klingen. Auch die Auseinandersetzung über den Qualitätsvergleich analog versus digital finde ich interessant - gehöre ich doch selber zu den Leuten, die eine ganze Zeit lang argumentiert hatten: Wenn man den ganzen Aufwand, der in die Entwicklung der digitalen Aufnahmetechnik gesteckt wurde, für die Entwicklung der analogen verwendet hätte, dann wäre die natürlich vorn, und schließlich seien da ja noch die Extra-Schritte des En- und Decodierens - denkste!

Bis ich dann irgendwann mal schlichte, mathematisch untermauerte Fakten über Rauschabstand und Verzerrungen beider Methoden zur Kenntnis genommen habe. Nun denn, man kann ja weiter analoge Technik zum Spaß betreiben, genauso wie man mit großem Genuß eine Fahrt mit einer Museumsbahn mit Dampflock unternehmen kann. Nur sollte man nicht behaupten, eine olle Dampflock sei einem ICE-Antriebskopf hinsichtlich Komfort und Geschwindigkeit überlegen.

Auch einen anderen Aspekt, der hier zur Sprache kam, möchte ich kommentieren, nämlich den, ob man irgendwelches Fachwissen darüber, wie die Musik auf den Tonträger gekommen ist, benötigt, wenn man Musik einfach nur hören und genießen will. Ich denke, benötigen - nicht. Andrerseits denke ich, dass es im allgemeinen mehr Spaß macht, wenn man etwas über Hintergründe weiß. Ich will schon wissen, warum ich Benzin in mein Auto füllen muss, wenn ich fahren will, und nicht nur, dass ich es tun muss. Vielleicht ist es manchmal auch ganz hilfreich, wenn man weiß, dass man Benzin und Diesel nicht beliebig austauschen kann. So etwas merkt sich leichter, wenn man, ganz prinzipiell, verschiedene Motortypen kennt. Das heißt noch lange nicht, dass ich die auch reparieren will. Spätestens seit es keine Tankwarte mehr gibt, sollte man das mit dem Treibstoff wissen.

Sicherlich schmeckt ein konkretes Fleischgericht nicht anders, wenn den Trick kennt, die Soße mit einer Spur Zimt zu würzen, aber vielleicht macht es einfach mehr Freude, dem Geschmack nachzuspüren. Und so etwas gilt sicherlich auch für Musikkonsumenten. Es schadet nichts, etwas über die künstlerische und technische Erzeugung zu wissen - auch wenn man es nicht raushört.

Sorry, wenn Ihr das ein wenig OT findet, ist es wohl auch. Aber ich bin in meinem Berufsleben immer wieder mit der Frage konfrontiert worden: "Muss ich das denn wissen?" Insofern konnte ich's mir nicht verkneifen.

MfG
Binse
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#16
(18.02.2022, 10:22)Selbstbauer schrieb: Vermute mal, dass Aufnahmen damit recht ähnlich der Kunstkopf-Stereofonie klingen.

Nein, vor allem, weil darin die komplexe sog. Außenohrübertragungsfunktion unberücksichtigt bleibt. OSS war für Lautsprecherwiedergabe gedacht und könnte als Laufzeitstereofonie mit stark welliger Frequenzabhängigkeit der Richtcharakteristik des Stereo-Mikrofonsystems charakterisiert werden.

Um diese Nachteile zu umgehen, stellte Dr. Günther Theile (IRT München) auf der Tonmeistertagung 1984 das sog. Kugelflächenmikrofon vor, das von Neumann (KFM 100) und Schoeps (KFM 6) vertrieben wurde, siehe auch Jörg Wuttkes zusammenfassende Beschreibung.

Mit beiden Mikrofonanordnungen (wie immer im Selbstbauverfahren) habe ich jahrzehntelang experimentiert; unter geeigneten Bedingungen können sie durchaus überzeugende Ergebnisse liefern.

(18.02.2022, 10:22)Selbstbauer schrieb: Es schadet nichts, etwas über die künstlerische und technische Erzeugung zu wissen - auch wenn man es nicht raushört.

Ich finde es schon erstaunlich genug, dass eine so primitive Übertragungstechnik mit Mikrofonen und Lautsprechern eine glaubhafte Illusion von Authentizität liefern kann.
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#17
(18.02.2022, 10:22)Selbstbauer schrieb: ...

Sorry, wenn Ihr das ein wenig OT findet, ist es wohl auch. Aber ich bin in meinem Berufsleben immer wieder mit der Frage konfrontiert worden: "Muss ich das denn wissen?" Insofern konnte ich's mir nicht verkneifen.

MfG
Binse

Hier muss sich keiner was verkneifen! Auch die nicht, die es nicht interessiert! Ich hoffe jetzt mal das da keine drunter sind die Diesel statt Benzin in den Tank füllen. Es ist leider zu 100% irrelevantes Wissen. Auch war es immer nur eine ganz kleine Gruppe von Menschen die sich damit auseinander gesetzt hat. Ist ja schön wenn man sich damit auskennt. Aber heute noch damit anzufangen. Ich weiß nicht. Da muss man schon viel Zeit übrig haben...

Man muss es niemanden vorwerfen wenn man sich mit dem beschäftigt was man früher eben getan hat. Aus Nostalgie.

Alles hat eben seine Zeit. Klar wenn diese wenigen Menschen das zeitliche segnen stirbt das aus. Das war schon mit vielen Dingen so. Niemand könnte heute mehr einen Büffel jagen oder mit einem Feuerstein Feuer anzünden. Ich denke aber die Geräte werden länger überleben als die Kunst damit umzugehen.

VG

Martin

(18.02.2022, 14:16)Peter Ruhrberg schrieb:
(18.02.2022, 10:22)Selbstbauer schrieb: Es schadet nichts, etwas über die künstlerische und technische Erzeugung zu wissen - auch wenn man es nicht raushört.

Ich finde es schon erstaunlich genug, dass eine so primitive Übertragungstechnik mit Mikrofonen und Lautsprechern eine glaubhafte Illusion von Authentizität liefern kann.

Da kann ich tatsächlich nur zustimmen. Gemessen am Aufwand ist der Ertrag selbst für Laien außerordentlich gut. Auch die Haltbarkeit von Magnetbandaufzeichnungen ist im Vergleich zu aktueller Technik nicht zu unterschätzen!

VG

Martin
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#18
(18.02.2022, 14:16)Peter Ruhrberg schrieb: … Ich finde es schon erstaunlich genug, dass eine so primitive Übertragungstechnik mit Mikrofonen und Lautsprechern eine glaubhafte Illusion von Authentizität liefern kann.

Das hängt mit der gleichermassen primitiven Empfangsseite zusammen, das Trommelfell-Gehörknöchelchen System ist technisch auf dem Stand eines Grammophons. Interessant wird es erst beim dahinter liegenden neuronalen System, das ist aber in weiten Teilen noch immer unverstanden. 

Gerhard
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#19
(18.02.2022, 16:40)Sonicman schrieb: Interessant wird es erst beim dahinter liegenden neuronalen System, das ist aber in weiten Teilen noch immer unverstanden. 

Das kann ich bestätigen. Mein Vater war bis von 1952 bis 1982 am "Forschungslabor für medizinische Akustik" der HNO der Uni Düsseldorf beschäftigt, ich dort etwa zehn Jahre lang als wissenschaftlicher Mitarbeiter. (Unser letztes gemeinsames Projekt unter der Leitung von Prof. Esser nannte sich "Umwandlung akustischer Signale in farbige Bilder zum besseren Spracherwerb schwerhöriger und gehörloser Kinder", kurz "Sprach-Farbbild-Transformation", die auch zum Patent angemeldet wurde; die recht umfangreiche Apparatur hierfür wurde größtenteils von mir entwickelt und gebaut, einschließlich umfangreicher Feldversuche an der Schwerhörigenschule in Df-Gerresheim).

Seitdem wurde viel geforscht, was unter anderem zu der Erkenntnis geführt hat, dass die sog. retrocochleären Vorgänge zwischen Hörschnecke und auditorischem Cortex ausgesprochen komplex sind, was sich beispielsweise beim Sprachdiskriminationsvermögen ("Cocktailparty-Effekt") zeigt, an dessen Mangel ich seit 20 Jahren leide, wogegen bislang noch kein Mittel geholfen hat, und ich kenne die neuesten Forschungsergebnisse und Techniken.
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#20
Interessantes Thema.

Und dass sozusagen die Synästhesie gezielt für ein Sprachverständnis nutzbar gemacht werden kann, finde ich schon sehr erstaunlich. Das erstaunt mich noch mehr als die oft verblüffende Fähigkeit blinder Menschen, mittels akustischer Wahrnehmungen ein räumliches Abbild ihrer Umgebung zu erlangen, so dass sie sich auch in unbekannten Umgebungen orientieren können.

Andere Alltagserfahrungen zur "Psychoakustik" (im weitesten Sinne):

1. Neben der altersbedingten Höhen-Dämpfung habe ich festgestellt, dass das "Heraushören" und Verstehen eines Gespächstpartners in lauten Umgebungen wie z.B. einer belebten Gaststätte immer schwerer wird. Vor ein paar Jahren ging das noch "über Kreuz" an einem Tisch mit mehreren Unterhaltungen.

2. Vor einiger Zeit habe ich meine Lautsprecher ausgetauscht. Ich war der Meinung, dass die alten ziemlich gut waren, aber ein liebes Familienmitglied mit viel Erfahrungen auf diesem Gebiet behauptete das Gegenteil. Die neuen nun waren erst mal ungewohnt - eigentlich gar nicht schön, aber ich wollte ihnen eine echte Chance lassen. Dann fielen mir - nach einiger Zeit und ohne mich extra "auf die Lauer zu legen" auf, dass bei einigen immer mal wieder gern gehörten Musikstücken ganz neue Details erschienen, ganze Stimmzüge wurden deutlich, die mir vorher nie aufgefallen waren, die wohl im Klangbrei untergegangen waren. Ich hatte sie mir wohl schön gehört, die alten Dinger.

3. Es ist schon eine Weile her, dass ich die meisten meiner alten Tonbandaufnahmen digitalisiert hatte. Es waren viele Aufnahmen dabei, die teilweise 2 - 3 mal auf einfachen Heimtonbandgeräten umkopiert worden waren, auch Schallplattenüberspielungen von nicht gerade erstklassigen Plattenspielern. Da nun vieles ohne weiteres aus dem Netz erhältlich ist, habe ich etliche meiner Lieblingslieder neu von dort geholt. Und was soll ich sagen - anfangs fehlten mir die Fehler der alten Aufnahmen geradezu, das Gejaule und Gerausche. Oft dachte ich: Eigentlich ist das ein ganz anderes Lied und auch ganz nett. Ich denke, dass auch hier die "Psychoakustik" zuschlägt.

MfG
Binse
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#21
(18.02.2022, 18:29)Selbstbauer schrieb: ... dass sozusagen die Synästhesie gezielt für ein Sprachverständnis nutzbar gemacht werden kann, finde ich schon sehr erstaunlich.

In den Anhängen habe ich etwas von dem Material zusammengestellt, das ich seitdem zu dem Thema gesammelt habe. Unsere ersten Versuchsaufbauten kann ich nur als abenteuerlich bezeichnen, doch immerhin haben sie funktioniert und letztlich geholfen. Mein Vater nannte dieses Projekt seinen Schwanengesang, leider konnte er es nicht mehr zu dem Grad an Funktionsfähigkeit weiterentwickeln, den er sich gerne gewünscht hätte.

Den Kongressbeitrag von 1979 kann ich nicht mehr auffinden, für schlappe 40 Euro kann er hier als pdf heruntergeladen werden. Aber ob das so wichtig ist…?

IBM entwickelte 1985 ein etwas anders aufgebautes System. Zu der Zeit gab es endlich eine elektronische Farbbildspeicherung, an der sich die Fa. Bosch Fernsehanlagen jahrelang die Zähne ausgebissen hatte. Doch ohne den Farbanteil hätte die "Klangfarbe" (d.h. die Sprachformanten, sozusagen die dritte Dimension neben der Zeit und Lautstärke) nicht wiedergegeben hätte werden können.

Deswegen kam die Realisierung der SFT so spät (ihre Grundidee und -konzeption war bereits 1965 bis ins Detail entwickelt)außerdem fehlte anfangs das nötige Geld für die doch recht umfangreiche Technik während der Erprobungsphase. Wir mussten uns beispielsweise mit Speicheroszilloskopen für die Darstellung (Nachleuchtbildschirme, angesteuert durch einen Modulator - den "Maler", wie ihn mein Vater nannte - und mit Helligkeitssteuerung über den Z-Eingang) und Abfotografieren über Polaroidfilm (in einer Linhof-Kamera, deren Mini-Wasserwaage ich noch heute nutze) für die Dokumentation begnügen. Es war wahrlich eine Heidenarbeit, um einigermaßen aussagefähige Bilder für besagten Vortrag zu produzieren.

Wie sich die Zeiten ändern: Audiva bot seit 2010 das Verfahren als winziges Freeware-Programm für Windows an. Mittlerweile ist es von ihrer Webseite verschwunden, doch im Anhang ist es noch zu finden (SFT.zip). Die zugehörige Hilfedatei (*.hlp) hat mir einige Zeit lang Kopfschmerzen bereitet (meine zumindest für Win 7 funktionierende Lösung siehe „Readme.txt“), doch ist das Programm in seinen Grundfunktionen selbsterklärend.

(18.02.2022, 18:29)Selbstbauer schrieb: anfangs fehlten mir die Fehler der alten Aufnahmen geradezu, das Gejaule und Gerausche.

Zum verwandten Thema „Restauration alter Aufnahmen“ könnte ich Romane schreiben, aber das dürfte nun wirklich zu weit vom traurigen Anlass dieses Threads wegführen.

Grüße
Peter


Angehängte Dateien
.pdf   1979 - Umwandlung akustischer Signale in farbige Bilder zum besseren Spracherwerb schwerhöriger und gehörloser Kinder.pdf (Größe: 57,89 KB / Downloads: 8)
.zip   1981 - Günther Esser Interview zu SFT in WDR 2.zip (Größe: 1,32 MB / Downloads: 5)
.pdf   1985 - Hören durch Sehen (Der Spiegel 15 Nr. S. 215 f.).pdf (Größe: 586,49 KB / Downloads: 9)
.pdf   2000 - Bedeutung digital programmierbarer Hörgeräte - Diss. Viktor Sack - Forschungslabor für med. Akustik und Audiologie.pdf (Größe: 2,32 MB / Downloads: 6)
.zip   SFT.zip (Größe: 1,31 MB / Downloads: 3)
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#22
Servus Peter,

ich glaube, meine Scheibe damals nach den Vorgaben im Buch gebaut zu haben. Sie ist zwar nicht mehr komplett, aber ich werde mal nachmessen. Mit dem Klang war ich eigentlich sehr zufrieden, ich hatte extra die teureren Kapseln genommen Wink
Sonst war Schuberth schon ein ziemlicher Grabbelwarenladen, aber sie hatten damals eine Filiale in Bayreuth, wo man halt direkt kaufen konnte. Einer der Mitarbeiter hat sich dann selbständig gemacht und bis letztes Jahr seinen Laden betrieben.

Jetzt könnte ich mir zwar eine neue, verbesserte bauen, aber es gibt für mich nichts mehr zum Aufnehmen. Trotzdem werde ich mir die Skripten nach und nach zu Gemüte führen.

Einziges Problem der Scheibe war für mich die hohe Empfindlichkeit nach hinten. In einer halligen Kirche, am Ende noch mit einem unruhigen Publikum, war da schon sehr viel "Raum". Ich hatte mal mit einer Schaumstoffmatte um den hinteren Teil der Scheibe experimentiert, das hat eine direkte Reflexion gedämpft und auch ein bißchen den Raumhall. Bei Konzerten wurde die Konstruktion allerdings als ästhetisch nicht tragbar empfunden...


Zum Thema, wieviel Technikwissen man zum Musikhören braucht: Ich finde, erstmal gar keines. Wenn man aber, wie in Jecklins Buch, die Abstrahlcharakteristik eines Flügels erklärt bekommt, wird man animiert, genauer hinzuhören, und merkt plötzlich einen Unterschied im Klang, je nachdem, ob man oben im Rang oder im Parkett sitzt. Oder man macht das Gleiche mit einem Orchester und stellt fest, daß die Balance der Instrumente auf dem Rangplatz viel besser ist als in der ersten Reihe auf Fußhöhe der Streicher.
Man kann also, wenn man will, mehr hören, besser hören, zumindest anders hören.

Michael
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#23
Hallo Michael

(19.02.2022, 19:10)Übertrager schrieb: Einziges Problem der Scheibe war für mich die hohe Empfindlichkeit nach hinten.

Das ist eher ein Problem der Mikrofoncharakteristik. Beim Kugelflächenmikrofon tritt dies noch viel stärker in Erscheinung, weil die Kapseln quer zum Ensemble stehen und damit halb ins Publikum hinein hören. Ideal natürlich für ein kreisförmig aufgestelltes Ensemble unter Produktionsbedingungen (also ohne Publikum)

(19.02.2022, 19:10)Übertrager schrieb: Man kann also, wenn man will, mehr hören, besser hören, zumindest anders hören.

Wer noch mehr wissen will, dem empfehle ich das Standardwerk jedes Tonmeisters, Jürgen Meyers „Akustik und musikalische Aufführungspraxis“.

Peter
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#24
Hallo Peter,

deswegen habe ich auch immer überlegt, ob man nicht Druckgradientenempfänger montieren könnte. Aber einerseits gabs die Kapseln nur als Kugeln (zumindest beim Schuberth...) und andererseits war ich mir sicher, daß der Jecklin das, wenn es sinnvoll gewesen wäre, sicher erwähnt hätte.

Die Aufnahmen waren halt meistens Konzertmitschnitte, da waren immer auf beiden Seiten Kompromisse nötig.

Michael
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#25
(22.02.2022, 23:50)Übertrager schrieb: Ob man nicht Druckgradientenempfänger montieren könnte.

Wegen deren Richtwirkung würde das auch ohne Trennkörper funktionieren (habe ich selber ausprobiert). Da käme dann etwas zwischen NOS, ORTF, RAI oder EBS heraus, also irgendeine Art von Äquivalenzstereofonie.
OSS lässt sich da nicht einordnen.

Siehe dazu auch: www.sengpielaudio.com/BekannteStereoMikrofonsystemeUndIhreWinkel.pdf
www.sengpielaudio.com/Stereo-Mikrofonsysteme.pdf
www.sengpielaudio.com/Stereofonie-AufnahmesystemeMitZweiMiks.pdf
www.sengpielaudio.com/StereoFuerLautsprUndKopfhoerer1.pdf
www.sengpielaudio.com/StereoFuerLautsprUndKopfhoerer2.pdf

Grüße
Peter
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#26
Hallo Peter,

danke für die ganzen Links. Jetzt muß ich da doch nochmal richtig einsteigen...

Ohne Scheibe hätte man ja reine Intensitätsstereophonie, und eine Abhängigkeit vom Winkel, in dem die Nieren zueinander stehen (daher das "etwas zwischen..."?).
Ich hätte ich damals nicht daran gedacht, wegen der Nieren die Scheibe wegzulassen, eben weil man dann ja wieder bei einer mehr oder weniger Standardanordnung rauskommt.

Ich hätte der Scheibe jetzt auch eine gewisse Beugungswirkung zugeschrieben, die dann auch wegfiele. Ist das in der Praxis relevant?

Michael
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#27
Hallo Michael,

(24.02.2022, 00:52)Übertrager schrieb: Jetzt muß ich da doch nochmal richtig einsteigen...

Dazu gibt es ausführlichere Fachliteratur seit Anfang der 1970er Jahre, inbes. „Stereofonie-Aufnahmetechnik“ von Wolfgang Hoeg und Klaus Wagner (VEB Verlag Technik 1970) und „Stereofonie-Grundlagen“ von Wolfgang Hoeg und Gerhard Steinke (VEB Verlag Technik 1972).

Wolfgang Hoeg betreibt nach wie vor seine Webseite http://www.audiotechnologie.de/audiotechnologie.html, ich selber kann beide Bücher als pdf zur Verfügung stellen, falls sie nicht bei booklooker o.ä. angeboten werden.

(24.02.2022, 00:52)Übertrager schrieb: Ohne Scheibe hätte man ja reine Intensitätsstereophonie,

Nur wenn die Mikrofonmembranen direkt beieinander angeordnet sind. Nebenbei: Der Ausdruck „Intensitätsstereophonie“ ist zwar nach wie vor geläufig; gemeinsam mit ebs bleibe ich lieber bei dem sachlich korrekten Begriff „Pegeldifferenzstereofonie“. Intensitäten mag der Akustiker bevorzugen, ab der Umwandlung in ein elektrisches Signal haben wir es bei XY-Stereofonie ausschließlich mit Spannungs- zw. Spannungspegeldifferenzen zu tun.

(24.02.2022, 00:52)Übertrager schrieb: und eine Abhängigkeit vom Winkel, in dem die Nieren zueinander stehen

Wobei bei Nieren stillschweigend von einem frequenzunabhängigen Polardiagramm ausgegangen wird, das auch bei den teuersten Studiomikrofonen der Welt fast nie gegeben ist (Ausnahme: Schoeps MK 4 Serie).

Die „stabilste“ Richtcharakteristik bietet die sog. „Acht“, nur leider ist diese vergleichsweise unempfindlich bei tiefen Frequenzen, überdies sehr empfänglich für Körperschall und nur sinnvoll mit elastischer Aufhängung („Spinne“) zu verwenden.

Die entsprechenden Abhandlungen von Jörg Wuttke (ehem. Schoeps-Chefentwickler) und Gerhart Boré / Stephan Peus (dito. bei Neumann) stehen im Netz zur Verfügung und haben zeitlose Gültigkeit.

(24.02.2022, 00:52)Übertrager schrieb: Ich hätte der Scheibe jetzt auch eine gewisse Beugungswirkung zugeschrieben,

Inwiefern?

Grüße
Peter
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#28
Hallo Peter,

ich habe mich ja schon lange nicht mehr mit Aufnahmetechnik befaßt, und damals auch nur aus den zur Verfügung stehenden Quellen informiert. Da gabs halt auch nur Laufzeit- und Intensitätsstereophonie und vielleicht noch den Hinweis auf andere, aber "dat krieje mer später".
Den Wuttke habe ich aber vor Jahren schon entdeckt und auch mit großem Interesse die aufnahmepraktisch interessanten Teile gelesen. Segnungen des Internets...

Mit Beugung meine ich die frequenzabhängige Umlenkung von stark seitlich einfallendem Schall an der Kante der Scheibe. Das könnte (weiß ja nicht - daher die Frage) bei dem im "Schatten" der Scheibe stehenden Mikrofon eine Betonung der Tiefen bewirken, da die stärker gebeugt werden.
Vielleicht tritt das auch nur marginal oder gar nicht in Erscheinung.

Michael
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#29
(01.03.2022, 19:28)Übertrager schrieb: Das könnte (weiß ja nicht - daher die Frage) bei dem im "Schatten" der Scheibe stehenden Mikrofon eine Betonung der Tiefen bewirken, da die stärker gebeugt werden

Ähm - da habe ich jetzt einen Knoten im Hirn ...
Gerade große Wellenlängen laufen um Hindernisse leichter herum, wie sich aus dieser Grafik ablesen lässt:

   

Grüße
Peter
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#30
(01.03.2022, 20:47)Peter Ruhrberg schrieb: Gerade große Wellenlängen laufen um Hindernisse leichter herum, wie sich aus dieser Grafik ablesen lässt:

ja eben, das meine ich ja auch: das von der Quelle aus gesehen hinter Scheibe stehende Mikrofon bekommt mehr Tiefen, weil die leichter um die Scheibe herumkommen. Die Höhen werden weniger gebeugt, daher fehlen die diesem Mikrofon.

Für die Diagramme ist es mir heute schon zu spät... aber ich glaube, ich verstehe, was sie aussagen wollen.

Michael
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#31
(01.03.2022, 23:01)Übertrager schrieb: das von der Quelle aus gesehen hinter Scheibe stehende Mikrofon bekommt mehr Tiefen, weil die leichter um die Scheibe herumkommen. Die Höhen werden weniger gebeugt, daher fehlen die diesem Mikrofon.

Ah, jetzt hab ich kapiert, was du meintest. Womit wir wieder auf gleicher Wellenlänge wären (mochte mir und dir den billigen Kalauer nicht ersparen).


Grüße
Peter
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#32
(01.03.2022, 23:08)Peter Ruhrberg schrieb: (mochte mir und dir den billigen Kalauer nicht ersparen).

Einen besseren Kontext für diesen Kalauer kann man sich doch kaum vorstellen. Bassd scho!

Grüße
Michael
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