Harrogate
#1
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Harrogate

Den ganzen Vormittag hatte ich bereits am Fenster gehockt und sehnsüchtig auf den Paketboten gewartet. Schließlich klingelte es an der Tür, und wenig später stand sie vor mir: Meine neue Zeitmaschine! Ich war so glücklich und voller Tatendrang!

Das Ziel meiner ersten Zeitreise stand bereits fest: Harrogate International Centre, Vereinigtes Königreich am 24. April 1982. Als langjähriger Fan des Eurovision Song Contest möchte ich den ersten deutschen Sieg mit der ikonischen Hymne "Ein bißschen Frieden" aus nächster Nähe erleben.

Gesagt, getan. Ich programmiere die Zeitmaschine, und tatsächlich erreiche ich schon wenig später das England der frühen 1980er Jahre.

Die Zeitmaschine verstecke in einem kleinen Gebüsch und betrete das Gebäude. Dort verschaffe ich mir mit meinem gefälschten Backstagepass Zugang zu den Katakomben und platziere mich vor dem Eingang der deutschen Kabine.

Aus der Halle höre ich, wie gerade die letzten Töne des irischen Beitrags verklingen. Ich bin genau rechtzeitig, als nächstes ist Nicole dran.

Im Inneren sind Geräusche zu vernehmen. Breit grinsend stehe ich mit meiner Single-Schallplatte von "Ein bisschen Frieden" und einem Filzstift neben der Tür. Aber als sie sich schließlich öffnet, kommt nicht Nicole heraus, sondern ein langer, schlaksiger Typ, der mich nervös mit hochrotem Kopf ankeift: "He, Fettsack! Wer bist Du, was hast Du hier zu suchen?"

Noch bevor ich antworten kann, fährt er fort: "Kannst Du singen und Gitarre spielen? Nicole fühlt sich nicht so recht und kann nicht auftreten. Du vertrittst sie. Los, raus, Du bist dran!"

Er wirft mir eine große, weiße Gitarre um den Hals, schubst mich bis zu einer Tür und befördert mich mit einem kräftigen Tritt in den Allerwertesten nach draußen.

Ich kann es kaum glauben, ich stehe in der Halle! Und das Orchester spielt bereits die ersten Töne unseres Beitrags.

Mit rasendem Herzen schleiche ich mich vor den erwartungsvollen Augen des Publikums geduckt bis zur Bühne. Dort steht ein Hocker, der mit seiner filigranen Bauweise allerdings eher für das Gewicht von Nicole als für meines gemacht zu sein scheint. Um die ohnehin abzusehende Blamage nicht unnötig auf die Spitze zu treiben, ziehe ich es vor, im Stehen zu singen.

Das weitaus größere Problem: Der Text, den ich sonst im Schlaf aufsagen kann, ist weg. Vor lauter Aufregung kann ich mich an kein einziges Wort erinnern. Soweit mein trockener Hals es zulässt, überbrücke ich die erste Strophe mit einem leise gesungenen "Lalala" und "Nanana". Dazu versuche ich, auf der Gitarre irgendwelche Akkorde zu spielen, die ich noch in Erinnerung habe, aber meine Finger krampfen so stark, dass ich die Saiten abwürge.

Den Refrain kann ich dann wieder einigermaßen. Immerhin. Aber meine Stimme klingt gruselig heiser, und natürlich treffe ich keinen einzigen Ton.

Das Spielchen wiederholt sich. Zweite Strophe: Lalala und Nanana. Dann der Refrain, notdürftig gekrächzt. Und schließlich das große Finale mit "Singt mit mir ein kleines Lied, dass die Welt in Frieden lebt." Meine Stimme ist plötzlich wieder da, ich verliere alle Hemmungen und brülle die Worte euphorisch aus voller Kehle, während ich vergeblich das Publikum mit Gesten zum Mitsingen auffordere.

Dann endlich die Erlösung in Form des Schlussakkords.

Ich sehe in Ränge voller entsetzter Gesichter.

Wenn doch mindestens jemand mich ausbuhen oder pfeifen würde! Aber es herrscht Totenstille im Saal. Beinahe dankbar nehme ich es zur Kenntnis, als schließlich eine einzelne matschige Tomate angeflogen kommt und mich am Arm trifft.

Hinter der Bühne erwartet mich bereits der nervöse Schlaks. "Das war grauenhaft, Fettsack! Du hast uns nach Strich und Faden blamiert!" keift er. "Ralph sucht nach Dir, er hatte Schaum vor dem Mund und sagte etwas von Teeren und Federn. Ich an Deiner Stelle würde verschwinden."

Das lasse ich mir nicht zwei mal sagen. Ich laufe schleunigst zu meiner Zeitmaschine und tippe mit zitternden Fingern Zielort und -datum ein. Bloß schnell weg aus diesem Schlamassel und zurück in die Heimat und Gegenwart!

Nach meiner Ankunft öffne ich als erstes den Wikipedia-Artikel zum Eurovision Song Contest 1982 und staune nicht schlecht. Als deutscher Vertreter wird ein "Unbekannter Interpret (in Vertretung von Nicole)" genannt. Gewonnen hat Israel, Deutschland teilt sich mit 0 Punkten den letzten Platz mit Finnland.

Ich schäme mich in Grund und Boden.

Mein Plan für den nächsten Tag war eigentlich eine weitere Zeitreise zum zweiten deutschen ESC-Sieg am 29. Mai 2010 in der Telenor Arena in Oslo. Diesen verschiebe ich auf unbestimmte Zeit.
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#2
Ich hab mir jetzt grad vorgestellt, wie das Cover der Single wohl ausgesehen hätte.

Fettsack (tschuldige, dein Ausdruck) mit weisser Gitarre auf filigranem Hocker ?

Coole Geschichte, Timo.

Frohe Pfingsten wünscht Frank
Hau wech, den Schiet - aber sech mir, wohin


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#3
(22.05.2021, 12:05)moxx schrieb: Ich hab mir jetzt grad vorgestellt, wie das Cover der Single wohl ausgesehen hâtte ?

Hier endet meine Bereitschaft zur Selbstironie, sonst würde ich es vielleicht mal nachstellen. Wink

Dir auch schon mal frohe Pfingsten!
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#4
Nice, Timo, danke Big Grin 
Aber warum reist Du dann nicht nochmal in die Zeit, fesselst und knebelst Dich selber?
Dann singt Nicole und gewinnt.
Oder gäbe es einen Riß im Raum-Zeit - Kontinuum?

LG
Mike
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#5
Eine sehr nette Idee, Timo, und sehr schön umgesetzt. Danke für die Mitnahme auf die Zeitreise.

Gruß, Anselm
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