Masterbänder backen
#1
Hallo zusammen,

das Thema klebrige oder feuchte Tonbänder kontrolliert zu erwärmen hatten wir ja bereits hier zum Thema.

Interessant und neu für mich war die Tatsache, daß die britischen und amerikanischen Tonstudios offensichtlich ähnlich vorgehen bevor sie ihre 24 Spur Masterbänder abspielen bzw. digitalisieren.
Ich habe mir kurz eine ältere BBC Dokumentation von 2005 zum Thema 30 Jahre Bohemian Rapsody der Band Queen angeschaut.
Dort wurde auch das originale zum Mastern benutzte 2 Zoll 24 Spur Scotch Band vorgestellt.
Bevor es 2002 abgespielt und digitalisiert wurde musste es vorsorglich in einem Ofen gebacken werden.
Nähere Angaben dazu wurden leider nicht veröffentlicht.
   
Da war das Band "erst" 27 Jahre alt, eigentlich sollte man meinen, daß solche Bänder länger ohne Wärmebehandlung abspielbar seien müßten. An der Lagerung wird es auch nicht gelegen haben, ich gehe davon aus, daß es normgerecht im Bandarchiv bei korrekter Temperatur und Luftfeuchte gelagert wurde.

Gruß, Jan
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#2
Ich habe beim Kauf meiner Tascam 32 vor etwa 4 Jahren aus einen Tonstudio in Boppard Bänder von Ampex (Grand Master 456) dazu bekommen. Die waren keine 20 Jahre alt und machten grandiosen Dreck.

Schöne Grüße

Rainer

Unterwegs als Tonkünstler unter www.tapemusic.eu[url=www.tapemusic.eu][/url]
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#3
In der Doku wurde gesagt, daß das Band als Vorsichtsmaßnahme die Wärmebehandlung erhielt.
Interessant wäre mal zu wissen welches Scotch Normalband hier 1975 benutzt wurde.
Ich habe mal bei Tapeheads im Forum die Frage platziert, die Kollegen dort sollten vielleicht näheres Wissen.

Gruß, Jan
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#4
(04.04.2021, 20:14)cyrano de B. schrieb: Ich habe beim Kauf meiner Tascam 32 vor etwa 4 Jahren aus einen Tonstudio in Boppard Bänder von Ampex (Grand Master 456) dazu bekommen. Die waren keine 20 Jahre alt und machten grandiosen Dreck.

Moin,

Ampex Grand Master 456 klebte gefühlt schon im Katalog.
Habe vor einiger Zeit etliche bekommen, die noch in der Originalverpackung waren.
Sie klebten so stark, dass man sie nur noch abwickeln und entsorgen konnte.
Nun habe ich nagelneue Alu-Leerspulen....

Gruß

Alfred
Meine Bandmaschinen u.a.: Studer A807, Telefunken M15A, Revox A77, B77, A700, Sony TC-788-4, Uher Royal de luxe, Uher Variocord, Grundig TK125, National RQ 300S...
Meine Freude an der Tonbandtechnik verdanke ich Hermann Hoffmann, dem Erfinder der Radio-Comedy.
http://www.sender-zitrone.de/
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#5
Hier ist von Ampex 456 für A Night at the Opera die Rede: https://www.soundonsound.com/people/queen-night-opera

Gruß

Nelson
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#6
Danke Nelson,
das erklärt natürlich einiges...

"Ampex had been forced to replace the whale oil in their original tape formulation with a synthetic version and this had been found to be not so good at binding the oxide over time, with the potentially disastrous consequences that we observed. After some discussion, it was agreed that the tapes would need baking in the Abbey Road ovens at 50 degrees C for four days, so we dispersed with a great sense of anti-climax."

Wer das Walöl in der originalen Suspension gegen ungeeignete synthetische Mittel ersetzt,
der muß dann 4 Tage bei 50 Grad im Ofen trocknen.

Gruß, Jan
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#7
Da es sich bei den 2" 24 Spur Bändern um auf Scotch umgelabeltes Ampex 456 gehandelt hat (Scotch hat diese 1975 zugekauft da ihr Lager abgebrannt war, so zumindest die Erklärung im o.g. Artikel) gibt es auch von Ampex direkt ein US-Patent von 1993 wie die Bänder zu Restaurationszwecken behandelt werden sollten.
   
Also bei 54°C 16 Stunden erwärmen, das soll man auch ohne Schaden bei späteren Abspielaktionen wiederholen können.
Ob die Zusammensetzung der BASF oder AGFA Studiobänder aus den 1970er ähnlich empfindlich ist?
Aber darüber gibt es ja bereits einige Informationen in der Bändertauglichkeitsliste....

Gruß, Jan
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#8
Das Patent darauf ist ein Witz. Der Hintergrund kann doch nur sein, dass seinerzeit der Kunde, der schon mit den Schmierbändern bestraft ist, auch noch Lizenzgebühr für die Rettung seiner Inhalte bezahlen soll. Oder was muss man sich unter einem solchen Patent vorstellen?
Gerhard
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#9
(05.04.2021, 18:47)Sonicman schrieb: Das Patent darauf ist ein Witz.

Und die prinzipielle Methode war mindestens ein Jahr vor der Anmeldung bereits bekannt, siehe Anhang.


Angehängte Dateien
.pdf   Gerd Cyrener, Agfa - Reinigungsprozedur - PEM 468 & PEM 469 (dt - engl).pdf (Größe: 1,84 MB / Downloads: 21)
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#10
Interessanterweise ist die englische Stunde länger als die deutsche. (Waren die Adressaten eher Briten oder Amerikaner?) In der englischen Anleitung wird kopieren innerhalb 12 Stunden empfohlen, in der deutschen innerhalb von 15 Stunden, die englische Stunde hat also möglicherweise 75 Minuten (=60*15/12)

Fand sich nicht irgendwo einmal die Anmerkung, dass bei Pop-Produktionen die Langzeitstabilität von Bändern als nachrangig betrachtet wurde, da in den meisten Fällen davon ausgegangen wurde, dass das Master eh nie wieder benötigt wird? Mag aber auch ein Gerücht sein.

Wenn Scotch sich mit Ampex behilft, kann man nur sagen: Kleben und kleben lassen.

niels
Wer bei Stereoaufnahmen kein Gegenspur-Übersprechen haben möchte, sollte Halbspur-Maschinen verwenden.
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#11
Hallo,

in dem Agfa-Aufsatz ist von einer mehr-minütigen Aufheizung  auf 60 °C die Rede. Z.B. 7 Minuten für 1/4" Band, oder 2 mal 8 Minuten für 2" Band.
Das Ampex Patent beansprucht:
1. mindestens 50°C mindestens 3 Stunden lang
2. mindestens 54°C mindestens 4 Stunden lang
in zwei weiteren Ansprüchen mindestens 8 oder 12 Stunden lang.
Für Patent-Juristen ist  das nicht das Gleiche.
Empfohlen werden mindestens 8 Stunden bei mindestens 50°C.
Hinter den zitierten Literatur-Referenzen (Stand der Technik / Prior Art) steht ausdrücklich:
"Declaration of Knowledge and Use Outside the United States of Heat Treatment of Magnetic Media to Restore Same."
Der Patent-Schriftsatz geht allerdings nicht darauf ein.

Im dritten Absatz wird übrigens mitgeteilt:
"Magnetic tapes currently in use have exhibited these undesirable properties within 7 years of their manufacture."

MfG Kai
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#12
(05.04.2021, 19:56)niels schrieb: Fand sich nicht irgendwo einmal die Anmerkung, dass bei Pop-Produktionen die Langzeitstabilität von Bändern als nachrangig betrachtet wurde, da in den meisten Fällen davon ausgegangen wurde, dass das Master eh nie wieder benötigt wird? 

Es gibt kaum eine Plattenfirma die nicht ihre alten bekannten Pop und Rock Produktionen als Remixe oder erweiterte Versionen neu herausbringt.
Damit lässt sich viel Geld verdienen. 
Insofern wäre eine solche Entscheidung ein Schnitt ins eigene Fleisch gewesen...

Gruß,  Jan
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#13
Das ist eine passende Gelegenheit, mal an die Feuer-Katastrophe 2008 in den Universal Studios Hollywood zu erinnern, bei denen nach neueren Meldungen (geschätzt) bis zu 175.000 Master-Tapes verloren gingen (und eine ungenannte Zahl von Original-Multitrack-Aufnahmen) :
https://www.backstagepro.de/thema/katast...sm2Rf4Gs8Q
https://www.dailynews.com/2019/06/12/200...ne-report/
https://www.dailymail.co.uk/news/article...dings.html
https://www.nytimes.com/2019/06/11/magaz...dings.html

MfG Kai
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#14
Die bei Universal haben es mit dem Backen eindeutig übertrieben ... duck und weg ...
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#15
Ursache der Katastrophe waren Dach-Ausbesserungsarbeiten mit Teerpappe und Gasbrenner/Dachbrenner/"Flammenwerfer". Die Arbeiter haben fahrlässig die Arbeitsstelle verlassen, ohne für Abkühlung der erhitzen Flächen zu sorgen bzw vorsorglich eine Brandwache einzurichten.

MfG Kai
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#16
Kurz zurück zum Ursprungsthema,
im anglophilen Nachbarforum ist man der Meinung,
daß 3M als Dachmarke von Scotch weniger Probleme mit den Bindemitteln und der Gleitbeschichtung der Bänder zu dieser Zeit hatte.

Zitat: "3M hatte kein großes Problem mit dem Binderausfall auf ihren Mastering-Bändern, da sie nicht das gleiche Polyurethan-Bindemittel verwendeten, das Ampex und AGFA für den größten Teil ihrer Audioproduktion verwendeten."

Waren denn die Agfa und Ampex Rezepte so ähnlich?

Gruß, Jan

Edit: auffällig ist schon, daß Agfa das Bandbackkonzept 1 Jahr vor Ampex beschrieben hat, vielleicht war man auch in größerem Umfang betroffen?
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#17
Ich habe einige alte Agfa-Bänder, die o.k. sind.

Schöne Grüße

Rainer

Unterwegs als Tonkünstler unter www.tapemusic.eu[url=www.tapemusic.eu][/url]
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#18
Ich habe auch einige Agfa Bänder, die unauffällig sind und es auch wohl bleiben werden.
An die vielen, hauptsächlich PEM369, die ich wegwerfen musste, erinnere ich mich nur ungern.
Zwanzig Stück 26er, alle aus einer Charge nagelneu gekauft, haben gerade mal vier oder fünf Jahre gehalten und dann fürchterlich zu schmieren begonnen.
Bei Agfa war ich überhaupt ein Glückspilz: ich habe sogar vom Typ PEM468, der als völlig unbedenklich gilt, ein paar Exemplare, die etwas Abrieb produzieren.
Gruß
Heinz
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#19
Schade daß es das europäische Produkthaftungsgesetz erst ab 1985 gibt.
Da hätte man vielleicht gegen die fehlerhaften Rezepturen vorgehen können.
Heute sind die Messen ohnehin gelesen da es ja keine Rechtsnachfolger für die Agfa und Ampex Bandhersteller dieser Welt mehr gibt.

Zitat:
"Der Fehler eines Produkts ist in § 3 ProdHaftG wie folgt definiert: "Ein Produkt hat einen Fehler, wenn es nicht die Sicherheit bietet, die unter Berücksichtigung aller Umstände, insbesondere a) seiner Darbietung, b) des Gebrauchs, mit dem billigerweise gerechnet werden kann, c) des Zeitpunkts, in dem es in den Verkehr gebracht wurde, berechtigterweise erwartet werden kann."

Ich denke schon, daß man von einem Tonband, vor allem wenn es professionell als Multi-Track Band zur Produktion eingesetzt wird, eine längere Haltbarkeit als die im letzten Beitrag genannten 4-5 Jahre erwarten kann.

Die 1 oder 2 Jahre gesetzliche Gewährleistung waren hier bei weitem nicht ausreichend, es wird sich hier wohl eher um verdeckte Mängel handeln.

Gruß, Jan
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