26.04.2005, 00:41
Lieber Heinz,
vielleicht darf ich Friedrich in freundschaftlicher Verbundenheit und im Thread eigentlich off topic (ich denke aber trotzdem nicht uninteressant) beispringen..., also:
Das Vorecho auf LPs kann durchaus von der Magnetbandaufnahme herrühren, was aber nicht der Regelfall sein sollte. (Von mir gibt es aber solche LPs aus meiner Vor-Dolby-Zeit...., hüstel. Ist aber schon sehr lange her.) Damals war es wegen des Bandrauschens auch üblich, bei studiomäßigen Produktionen, die aus völliger Stille heraus anfingen, scharf vor dem ersten Einsatz abzuschneiden und ein Gelbband anzuhängen, um alle Formen unerwünschter Modulation vom Kundenohr fernzuhalten. Bei Choraufnahmen war dies dann von besonderer Delikatesse, weil der Chor infolge jener Maßnahmen quasi aus dem Nichts (wo kriegten die die Luft her???...???) loszulegen pflegte. Gewöhnungsbedürftig. Es gab Musiker und Tonmeister, die das als Abusus strikte ablehnten, dann aber mit hörbarem Rauschen und potenziellen Vorechos leben mussten. N. Harnoncourt war einer der ersten Musiker, die hier konsequent kompromisslos handelten und einen Umdenkungsprozess auslösten. Sein Instrumentalensemble musizierte ohne Dirigent, weshald er über einen sehr vernehmlichen, quasi auftaktigen Einatmer 'den Laden' synchronisierte, so dass man auf dem ersten Ton gemeinsam 'da' war. Und der Einatmer musste auf die Platte drauf....
Soviel zur magnetischen Seite, nun zur mechanischen der Platte selbst:
Ungleich häufiger kam ein Vorecho bei relativ eng geschnittenen Platten vor, also bei solchen, deren Nullvorschub (also letztlich die Breite des Steges zwischen zwei unmodulierten Rillen) verhältnismäßig gering gewählt war. Dies geschah fast regelmäßig bei Lohnüberspielungen, die das Überspielstudio möglichst nur einmal anfertigen wollte. Da sah sich dann der Überspieltechniker die vom Tonmeister/Produzenten auf die Plattenseite gepackte Laufzeit, den mittleren Pegel (meist stichprobenartig nach Bandprotokoll und dem eigentlchen Programm vorausgehendem Messprogramm) und die Phasenlage zwischen den Kanälen (also die gewählte Aufnahmetechnik) an und entschied dann aus all diesen Anforderungen anhand seiner Erfahrungen, welchen 'Nullvorschub' er zugrundelegte.
Du weißt ja sicherlich, dass die EP-Steuerung (Extended-Play- oder Langspielsteuerung) nach Eduard Rhein ("Füllschrift"; Rhein war ein so merkwürdiger wie bemerkenswerter Mann: von der Füllschrift bis zur Comicfigur "Mecki" und der Chefredaktion der HörZu wurde von ihm so ziemlich alles 'mal und oft über sehr lange Zeit erfolgreich versucht) zumindest in ihrer endgültigen Form mit einer Vorabtastung des Pegels arbeitete, der den Schneidstichel(-Quer)-Vorschub bei hohen Pegeln so erhöhte, dass bei starker Modulation in der Rille automatisch ein deutlich verbreiterter Steg zur vorhergehenden Rille geschnitten wurde; umgekehrt bei niedrigen Pegeln auch ein solcher erheblich verringerter Breite, was die Laufzeit der Platte dramatisch erhöhte.
Passte der Überspieltechniker aber nicht von vorneherein auf, befand sich sein Schneidstichel plötzlich dort, wo man gemeinhin das Etikett klebt ... Er musste in solch einem Falle also die Überspielung (mit Zeitaufwand und Verbrauchsmaterial) neu anfertigen, was auch damals der 'Dienstherrschaft' meist mit gewissen Beschwerlichkeiten begreiflich gemacht werden musste....
Nachdem über lange Zeit ausschließlich Lackfolien für die Überspielung herangezogen wurden, kam da sehr häufig etwas auf die Nachbarrille durch, denn der Techniker blieb hinsichtlich des Nullvorschubes "auf der sicheren Seite". Nicht vergessen sei auch, dass dabei der Schneidstichel geheizt wurde und man mit einer Federwirkung der plastisch verformten Rille rechnen musste.
Damit war -beim Lohnüberspielungsverfahren- eigentlich erst Schluss, nachdem DMM in diese Welt gekommen war, was dann aber auch die durchaus harte und analytische Klangvorstellung der Tonmeisterschaft an den Kunden trug, der das oftmals nicht unbedingt schätzte, obgleich die klanglichen Eigenschaften einer DMM-Überspielung dem Original wieder einen Schritt näherrückten.
Große Firmen/Plattenverlage wie die Deutsche Grammophongesellschaft überspielten selbst und optimierten das Ergebnis durch Tricks und vielfältige Maßnahmen, um die Klanggestalt der originalen Bandaufnahme nach Maßgabe der 'Klangphilosophie' des Hauses möglichst weitgehend auf die Platte zu bekommen. Da spielten dann notfalls einige Fehlüberspielungen und vergebliche Galvaniken keine Rolle. Es war ja alles im Hause, die Leute fest angestellt; der Ruf ging vor.
Auch wenn die Ergebnisse der DGG nicht meine klangliche Heimat waren (klang mir alles zu sehr nach Karajan und Bruckner, eigenartig synthetisch, mir zu wirklichkeitsfern...), so war dies Verfahren natürlich im Grundsatz der Weisheit letzter Schluss, mit Kleinauflagen aber nicht zu finanzieren.
Alles klar?
Hans-Joachim
vielleicht darf ich Friedrich in freundschaftlicher Verbundenheit und im Thread eigentlich off topic (ich denke aber trotzdem nicht uninteressant) beispringen..., also:
Das Vorecho auf LPs kann durchaus von der Magnetbandaufnahme herrühren, was aber nicht der Regelfall sein sollte. (Von mir gibt es aber solche LPs aus meiner Vor-Dolby-Zeit...., hüstel. Ist aber schon sehr lange her.) Damals war es wegen des Bandrauschens auch üblich, bei studiomäßigen Produktionen, die aus völliger Stille heraus anfingen, scharf vor dem ersten Einsatz abzuschneiden und ein Gelbband anzuhängen, um alle Formen unerwünschter Modulation vom Kundenohr fernzuhalten. Bei Choraufnahmen war dies dann von besonderer Delikatesse, weil der Chor infolge jener Maßnahmen quasi aus dem Nichts (wo kriegten die die Luft her???...???) loszulegen pflegte. Gewöhnungsbedürftig. Es gab Musiker und Tonmeister, die das als Abusus strikte ablehnten, dann aber mit hörbarem Rauschen und potenziellen Vorechos leben mussten. N. Harnoncourt war einer der ersten Musiker, die hier konsequent kompromisslos handelten und einen Umdenkungsprozess auslösten. Sein Instrumentalensemble musizierte ohne Dirigent, weshald er über einen sehr vernehmlichen, quasi auftaktigen Einatmer 'den Laden' synchronisierte, so dass man auf dem ersten Ton gemeinsam 'da' war. Und der Einatmer musste auf die Platte drauf....
Soviel zur magnetischen Seite, nun zur mechanischen der Platte selbst:
Ungleich häufiger kam ein Vorecho bei relativ eng geschnittenen Platten vor, also bei solchen, deren Nullvorschub (also letztlich die Breite des Steges zwischen zwei unmodulierten Rillen) verhältnismäßig gering gewählt war. Dies geschah fast regelmäßig bei Lohnüberspielungen, die das Überspielstudio möglichst nur einmal anfertigen wollte. Da sah sich dann der Überspieltechniker die vom Tonmeister/Produzenten auf die Plattenseite gepackte Laufzeit, den mittleren Pegel (meist stichprobenartig nach Bandprotokoll und dem eigentlchen Programm vorausgehendem Messprogramm) und die Phasenlage zwischen den Kanälen (also die gewählte Aufnahmetechnik) an und entschied dann aus all diesen Anforderungen anhand seiner Erfahrungen, welchen 'Nullvorschub' er zugrundelegte.
Du weißt ja sicherlich, dass die EP-Steuerung (Extended-Play- oder Langspielsteuerung) nach Eduard Rhein ("Füllschrift"; Rhein war ein so merkwürdiger wie bemerkenswerter Mann: von der Füllschrift bis zur Comicfigur "Mecki" und der Chefredaktion der HörZu wurde von ihm so ziemlich alles 'mal und oft über sehr lange Zeit erfolgreich versucht) zumindest in ihrer endgültigen Form mit einer Vorabtastung des Pegels arbeitete, der den Schneidstichel(-Quer)-Vorschub bei hohen Pegeln so erhöhte, dass bei starker Modulation in der Rille automatisch ein deutlich verbreiterter Steg zur vorhergehenden Rille geschnitten wurde; umgekehrt bei niedrigen Pegeln auch ein solcher erheblich verringerter Breite, was die Laufzeit der Platte dramatisch erhöhte.
Passte der Überspieltechniker aber nicht von vorneherein auf, befand sich sein Schneidstichel plötzlich dort, wo man gemeinhin das Etikett klebt ... Er musste in solch einem Falle also die Überspielung (mit Zeitaufwand und Verbrauchsmaterial) neu anfertigen, was auch damals der 'Dienstherrschaft' meist mit gewissen Beschwerlichkeiten begreiflich gemacht werden musste....
Nachdem über lange Zeit ausschließlich Lackfolien für die Überspielung herangezogen wurden, kam da sehr häufig etwas auf die Nachbarrille durch, denn der Techniker blieb hinsichtlich des Nullvorschubes "auf der sicheren Seite". Nicht vergessen sei auch, dass dabei der Schneidstichel geheizt wurde und man mit einer Federwirkung der plastisch verformten Rille rechnen musste.
Damit war -beim Lohnüberspielungsverfahren- eigentlich erst Schluss, nachdem DMM in diese Welt gekommen war, was dann aber auch die durchaus harte und analytische Klangvorstellung der Tonmeisterschaft an den Kunden trug, der das oftmals nicht unbedingt schätzte, obgleich die klanglichen Eigenschaften einer DMM-Überspielung dem Original wieder einen Schritt näherrückten.
Große Firmen/Plattenverlage wie die Deutsche Grammophongesellschaft überspielten selbst und optimierten das Ergebnis durch Tricks und vielfältige Maßnahmen, um die Klanggestalt der originalen Bandaufnahme nach Maßgabe der 'Klangphilosophie' des Hauses möglichst weitgehend auf die Platte zu bekommen. Da spielten dann notfalls einige Fehlüberspielungen und vergebliche Galvaniken keine Rolle. Es war ja alles im Hause, die Leute fest angestellt; der Ruf ging vor.
Auch wenn die Ergebnisse der DGG nicht meine klangliche Heimat waren (klang mir alles zu sehr nach Karajan und Bruckner, eigenartig synthetisch, mir zu wirklichkeitsfern...), so war dies Verfahren natürlich im Grundsatz der Weisheit letzter Schluss, mit Kleinauflagen aber nicht zu finanzieren.
Alles klar?
Hans-Joachim
