Frage zu Grundig TK45 Drehschalter
#23
Vollspurlöschkopf,'index.php?page=Thread&postID=196825#post196825 schrieb:Hallo Frank,

du unterliegst dem grundsätzlichen Irrtum, dass eine große Modellpalette (oder anders gesagt die Besetzung möglichst vieler Preisklassen) nachteilig wäre. Das Gegenteil ist der Fall. Du musst den Markt bedienen, sonst machen die anderen den Umsatz. Wie lange würde z. B. ein Unternehmen wie BMW überleben, wenn es nur den 1er, den 3er als Kombi und den 7er bauen würde, und zwar jeden der drei nur mit jeweils einer Motorisierung, Lackfarbe und Ausstattungspaket? Monate? Wochen? Voraussetzung dafür, dass die Rechnung aufgeht, ist zwingend, das "hinter den Kulissen" die Vielfalt weniger groß ist. Dass ein und derselbe 1,8-Liter-Vierzylinderdiesel in möglichst vielen Modellen eingebaut werden kann.
Und hier haben Grundig, aber auch TFK oder Uher damals perfekt agiert. Grundig hatte, nehmen wir 1961, das Debut-Jahr der beiden neuen Serien (unter Weglassung von Batteriegeräten, das ist eine andere Kategorie) nur zwei Tonbandgeräte in Produktion: das kleine Gerät, je nach Ausstattung TK 14, 19 und 23 genannt, und das große, je nach Ausstattung TK 40, 42 oder, mit großem Koffer, 45. Zwei Konstruktionen, sechs Modelle. Im Folgejahr schob man noch TK 17 und 27 bei den kleinen und TK 41 bei den großen nach und besetzte damit weitere Marktsegmente. Der 45 (mit dem kleinen Preisabstand zum 42!) lief 1962 schon aus, und wurde durch die konsequenter ausgestatteten - und teureren - 46 und 47 erstetzt. Diese Modellfamilie, also TK14-17-19-23-27-40-41-42-46-47 lief dann drei (!) Jahre - in einer Zeit, in der sonst jährlicher Modellwechsel normal war. Zum Modelljahr 1964/65 erhielten die kleinen Geräte TK 14 bis 27 ein neues, viel moderneres Kleid und liefen dann als TK 14L bis 27L ein weiteres Jahr - technisch unverändert, Entwicklungsaufwand Null! Du gehst scheinbar von der falschen Annahme aus, dass die Luxus (L)- und die Normalausführungen gleichzeitig im Handel waren - waren sie nicht, das wäre tatsächlich Blödsinn gewesen.
Die 40er Modelle liefen ab 1965 als TK/TS/TM 320/321/340/341 bis 1969 weiter, technisch kaum verändert. Wieder eine Modellvielfalt, die den Markt abschöpft, den Kunden entgegen kommt und den Hersteller kaum etwas kostet. Auch die kleinen Modelle lebten, obwohl 1965 durch eine neue Serie (TK 120ff) ersetzt, noch in der Städteserie im Kleeblatt-Programm für Einzelhändler noch bis 1969 weiter. Auch hier: solide Geräte, Entwicklungskosten Null. So geht Wirtschaft.

In einer Hinsicht bin ich allerdings ganz bei dir, beim Blick auf unsere Autokonzerne. Da hast du m. E. leider völlig Recht.





Gruß
Stefan
hallo Stefan,

es ist die Krux aller Foren, dass man manchmal nicht rüberbringt, was man sagen will, und immer erst eine ganze Antwort formulieren muss, bevor die Gegenseite reagieren kann.

Natürlich muss ein Hersteller den Markt bedienen, und natürlich wäre BMW schnell hinüber, wenn man da nur drei Modelle in jeweils nur einer Ausführung anbieten würde. Das Gegenteil ist aber mindestens genauso gefährlich, wenn sich ein Hersteller in einer Vielzahl an Modellen und Varianten verzettelt, und dabei noch nicht mal merkt, dass die Steigerung der Modellzahlen proportional zum Verlust der echten Vielfalt verläuft. Die Autoindustrie ist hier ein hervorragendes Beispiel. Ohne das jetzt groß auswalzen zu wollen, erleben wir hier seit einigen Jahren eine Explosion der Modellvielfalt, und gleichzeitig eine Explosion der Eintönigkeit. Diejenigen, die schon in den achtzigern auf tiefergelegte Krawallkisten mit bösem Blick gestanden haben, erleben momentan ein Eldorado, und alle anderen müssen sich mit den Karren arrangieren oder Oldtimer fahren. Die Ursache für so eine Entwicklung liegt auch bei der Autoindustrie darin, dass das Auto seit über 100 Jahren unverändert ein meist vierrädriges Landfahrzeug mit Verbrennungsmotor ist, und etwa seit 20 Jahren keine wirkliche Innovation mehr erfahren hat. Und jetzt kommt noch dazu, dass der Verbrennungsmotor zunehmend in die Zange genommen wird, und gleichzeitig bei den alternativen Antrieben kein wirklich brauchbares Konzept in Sicht ist. Derjenige, dem es gelingt, diesen Knoten aufzulösen, braucht nur ein einziges Automodell ohne jeden Schnickschnack auf den Markt zu bringen, um damit die Autoindustrie weltweit zum Kippen zu bringen. Ein gutes Beispiel hierfür waren der IPod und das IPhone. Zwei Produkte reichten aus, um die ganze Musikbranche umzukrempeln und den Telefon-/Computermarkt auf den Kopf zu stellen, da konnten auch die ganzen Nokias dieser Welt nichts entgegensetzen, die glaubten, mit ihren riesigen Modellpaletten jede Marktnische besetzt zu haben - auch 1000 verschiedene Handymodelle waren am Ende nur einfache Handies.

Grundig kannte diesen Mechanismus sehr genau. Er hat bis etwa Mitte der fünfziger Jahre eine eher kleine Modellpalette gehabt, die aber technologisch immer den Konkurrenten vorweg gelaufen sind, und oft die Rolle des Preisbrechers gespielt haben. Ab den späten fünfzigern waren es dann nur noch die Marktmacht, und kein echter Innovationsgeist mehr. Natürlich gibt es einen gewissen Bedarf an Individualisierung, aber am Ende ist es genau wie beim Auto - ein Heimtonbandgerät ist ein Heimtonbandgerät ist ein Heimtonbandgerät. In den siebzigern war Grundig dann mit dem Heimvideo noch einmal ganz vorne dabei, verstand aber nicht mehr, dass die Zeiten und die Zielgruppen sich geändert hatten. Bei den klassischen Produkten, die eigentlich das Geld einspielen sollten, flog Max Grundig genau die aufgeblasene Pseudo-Vielfalt ohne echte Alternativen irgendwann um die Ohren. Er hat nämlich über viele Jahre nicht gemerkt, dass es immer mehr Zielgruppen gab, die er mit seinen Produkten nicht mehr erreicht hat. Und auf diese Zielgruppen stürzten sich dann die Japaner, was besonders desaströs war, weil die Japaner ihm sein für die Zukunft geplantes Kerngeschäft Video unter dem Hintern wegzogen. Das Geschäft mit den dicken Dreimotoren-Bandmaschinen hat er verpasst, dafür gab es alte Tonband-Konstruktionen in modernen Gehäusen und der gewohnten Vielfalt. Und als Grundig Anfang der achtziger endlich mit einem wirklich attraktiven HiFi-Programm am Start stand, war es für eine Rettung zu spät.

Wie gesagt, wenn Grundig nur eine 40 Jahre alte Tragödie wäre, brauchte man sich damit nicht mehr auseinanderzusetzen. Es ist aber eben leider so, dass unsere deutsche Leitindustrie gerade dabei ist, wieder den gleichen Mist zu bauen. Moderne Autos hinterlassen deshlab so einen schalen Nachgeschmack, weil sie eigentlich ein Schwindel sind. Der technisch überholte Kern wird mit einem immer größeren technischen Overkill überdeckt, die echten Probleme der Mobilität werden ignoriert, was für mich immer ein Zeichen dafür ist, dass es keine Lösungen gibt. Das ist exakt genauso wie in den letzten fetten Jahren von Grundig, wo die immer gleichen Farbfernseher in immer mehr verschiedene Gehäuse gesteckt und mit immer billigeren Materialien gebaut wurden, um die Milliardenverluste beim Video zu kompensieren. Was heute niemand mehr wirklich hören will - die Japaner waren nicht billig, sie haben von Anfang an Geld verdienen wollen. Ihr Erfolg lag darin, dass sie mit einer kleinen geschickt geplanten Produktpalette große Marktlücken geschlossen haben, und ihr Gewinn lag dann darin, dass sie mit dieser kleinen Palette viel effizienter waren als die aufgeblasenen deutschen Hersteller. Und zehn Jahre später lief die gleiche Geschichte innerhalb Japans genauso ab - die aufgeblasenen Unterhaltungselektronik-Konzerne wie Sony mussten sich beim Jahresgewinn von Winzlingen wie Nintendo vorführen lassen. Scheint irgendwie menschlich zu sein.

Gruß Frank
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