10. Juni 1941: Musik vor dem Abgrund - Die Vorstellung des HF-Magnetophons
#1
Es ist schon ungewöhnlich, wenn eine Firmenpräsentation „vor kleinem Kreis“, nämlich gut 2000 „Vertretern von Partei, Wehrmacht, Tonfilmindustrie, Rundfunk“ und mehr als 80 Journalisten, im größten Kino des Landes stattfindet, aber der Vorhang vor der Leinwand geschlossen bleibt: Deutschlands zweitgrößter Elektrokonzern AEG hatte zu einer Matinee am 10. Juni 1941 in den Berliner UFA-Palast am Zoo eingeladen. Worum es ging – ein neues Verfahren „für besonders störgeräuscharme und hochqualitative Tonaufnahme und Wiedergabe“ –, machte in Andeutungen seit Monaten bei Schallplattenfirmen und Filmstudios die Runde. Mit der Einladung, die auch das ambitionierte Programm der Veranstaltung enthielt, hatte die AEG nicht zu viel versprochen: die Demonstration galt als wichtigste derartige Vorführung der letzten Jahre. Das Schlüsselwort las sich freilich ebenso sperrig wie undurchschaubar: dank Hochfrequenzvormagnetisierung sollte sich das bisher zwar vielversprechende, aber qualitativ nicht eben überragende Magnetophon-Verfahren zum besten verfügbaren Tonspeicherungsverfahren gemausert haben – vor 75 Jahren feierte es seine offizielle Premiere.

Die AEG hatte seit 1932 entschlossen in das neue System „Magnetophon“ investiert, für das sie Geräte und Verstärker baute; gleichzeitig entwickelte I.G. Farben in Ludwigshafen den Tonträger „Magnetophonband“ aus einem Geistesblitz Fritz Pfleumers zu einem verkaufsfähigen Produkt. 1938 orderte die Reichs-Rundfunk-Gesellschaft (RRG) zwanzig tragbare Geräte für Reportagen und Außenaufnahmen sowie weitere zwanzig Exemplare einer stationären Bauart für den Studiobereich; alle wurden 1939 in Dienst gestellt. Für das Handelsgeschäft bestimmt war das erste wirklich erfolgreiche Modell Magnetophon K 4, angeboten seit Herbst 1939.Allerdings haperte es, bei allen Vorteilen, noch an der Aufzeichnungsqualität: vor allem ein Hintergrundgeräusch, „als liefe hinter geschlossener Tür Wasser in eine Badewanne“, schloss das Magnetophon von der anspruchsvollen Hörspiel- und Musik-Produktion des Rundfunks aus – und daran rieb sich der Ehrgeiz der RRG-Techniker.

Im April 1940 zog Walter Weber aus der scharfsichtig analysierten Fehlfunktion eines Versuchsaufbaus den richtigen Schluss: die „Hauptarbeit“, das Tonband zu magnetisieren, sollte nicht dem eigentlichen Tonsignal, sondern einem hochfrequenten Wechselstrom aufgebürdet werden. Diese Hilfsschwingung bleibt unhörbar, verringert aber das Rauschen auf ein Drittel (10 dB). Geschickte Ausnutzung der Amplitudenstatistik erlaubte eine zusätzliche Ausweitung des Dynamikbereichs um weitere 10 dB sowie, gewissermaßen als Bonus, eine Ausweitung auch des Tonhöhen-Bereichs um eine volle Oktave. Mit einer Dynamik von 60 dB und einem Übertragungsbereich von 30 Hz bis 10 kHz war das Hochfrequenz-Magnetofon der RRG allen Schallplatten-Verfahren und, kommerziell besonders vielversprechend, dem immer rauschenden Lichtton der
Spielfilmproduktion eindeutig überlegen.

Walter Weber und sein kollegialer Vorgesetzter Hans Joachim von Braunmühl, wissenschaftlich-technischer Leiter der RRG-Labors, übertrugen ihre (als DRP 743 411 patentierte) Entdeckung an die AEG und sorgten dafür, dass auch ihre weiteren Patentanmeldungen in Fachkreisen bekannt wurden. Verwickelte Aktivitäten und Interessen weckten bei der AEG die Besorgnis, ihre bisherige Arbeit könne unterbewertet werden. So wurde eine groß aufgezogene öffentliche Veranstaltung propagiert, und zwar in – keineswegs reibungsloser – Zusammenarbeit zwischen der AEG, der RRG und der Filmtechnischen Zentralstelle (FTZ), die sich um die Vereinheitlichung der in deutschen Filmstudios benutzten Produktionstechnik kümmern sollte. Wie weit der Bandlieferant I.G. Farben eingebunden war, ist nicht mehr festzustellen.

Die Veranstaltung am 10. Juni 1941 war ein voller Erfolg, sie gehört zu den bedeutenden Wegmarken der Tonaufzeichnungstechnik. Wie noch heute anhand der Tonbeispiele nachvollziehbar – „Les Préludes“ von Franz Liszt, Gesangsaufnahmen mit Erna Sack, Klaviersoli sowie der Variationensatz aus Schuberts Forellenquintett mit Ferdinand Leitner und dem renommierten Fehse-Quartett –, war der Sprung auf ein bisher unerreichtes Qualitätsniveau gelungen. Die Musterstücke, wohl im Frühjahr 1941 aufgenommen, hatten Studios der Telefunkenplatte (die wenig später von Siemens zur AEG kam) beigesteuert. Am stärksten beeindruckt scheint das Auditorium zunächst von einer wahrhaft „vollplastischen“ Heinrich George-Rezitation der Kleist’schen „Anekdote aus dem letzten preußischen Krieg“ gewesen zu sein, besonders passend nach dem erst kurz zurückliegenden Frankreich-Feldzug.



   

Einladungskarte der AEG und Beilageblatt der RRG (rechts unten) zur Veranstaltung am 10. Juni1941


Furtwänglers erste Magnetbandaufnahme als Glanznummer

Die weitreichendsten Zukunftsaussichten eröffnete allerdings die abschließende Darbietung: der knapp 17 Minuten lange Vierte Satz aus Brahms’ Erster Sinfonie c-moll op. 68, gespielt von den Berliner Philharmonikern unter Wilhelm Furtwängler, aufgenommen in der alten Philharmonie. Und zwar, anders als bis dahin technisch notwendig, „ohne dynamische Regelung“, also Einengung. Selbstverständlich lief die Aufzeichnung ohne Unterbrechung, für damalige Schallplattenhörer keineswegs selbstverständlich: die nur viereinhalb Minuten Spielzeit der Schellackplatte hätten drei Unterbrechungen für Seiten- und Plattenwechsel (dazu meist noch den Tausch der Abspielnadel) erzwungen. Unvermeidlich störend, aber vor allem ein deutlicher Fingerzeig auf die künstlerischen Bedingungen beim Plattenschnitt, hieß das doch für Dirigenten wie Musiker, etwa alle 270 Sekunden eine Zäsur zu finden, abzusetzen, zu warten, bis die Platten-Schneidmaschinen wieder aufnahmebereit waren, und dann auf Kommando unverzüglich und exakt in Tempo und Tonhöhe wieder einzusetzen. Kein Wunder also, dass Furtwängler bis dahin kaum größere Werke für Schallplatte eingespielt hatte.

Die Erste Brahms-Sinfonie hatte Furtwängler für drei Konzerte am 15., 16. und 17. Dezember 1940 aufs Programm gesetzt, zusammen mit der Erstaufführung des „Rondino giocoso“ von Theodor Berger (1905 - 1992) und Bachs Fünftem Brandenburgischem Konzert, bei dem er den Klavierpart übernahm. Die RRG übertrug die erste Wiederholung vom 16. Dezember 1940, technisch betreut von Furtwänglers bald lebenslangem Freund, dem Tonmeister Friedrich Schnapp, und hatte sie im Funkhaus an der Masurenallee mit einem Vorserien-Hochfrequenz-Magnetophon aufgezeichnet. Hans Schießer, damals Laborleiter bei der AEG, erinnerte sich:

Furtwängler war von der Aufnahmequalität begeistert, er ließ sich die Aufnahmen immer und immer wieder vorführen. Er hatte noch nie erlebt, dass man während oder kurz
nach der Aufnahme, und mit einer solchen Qualität, abhören kann.


Schießer spricht damit eine weitere leidige Schwachstelle der damaligen Schallplatten-Auf­nahmetechnik an: die zentimeterdicken Wachsplatten konnten zum Abhören allenfalls zwei Mal abgespielt werden, sonst waren sie für die Produktion der „Schwarzplatten“ nicht mehr zu gebrauchen. An Korrekturen kleiner Fehler war nicht zu denken, im Zweifelsfall musste ein Vier-Minuten-Abschnitt eben wiederholt werden.

Das Magnetophon hatte im Juni 1941 mit einem Schlag öffentlich bewiesen, dass es frei von den ärgerlichsten Schwachstellen der Plattentechnik war: es bot merklich höhere Dynamik, deutlich weniger Rauschen, eine Laufzeit von gut 21 Minuten pro Band (1000 m bei der Bandgeschwindigkeit 77 cm/s), es kannte keine Knackser, die Aufzeichnung konnte schon Zehntelsekunden nach dem Aufnehmen und dann beliebig oft ohne Klangeinbußen abgehört werden und, nicht zuletzt: Korrekturen mittels Band-Schnitt und –Montage eröffneten völlig neue Produktionsbedingungen.

Dass sich die Presse über die Veranstaltung detailliert und durchweg begeistert äußerte, liegt keineswegs nur an der „Gleichschaltung“. Rund vier Dutzend Berichte sind nachweisbar, vom „Völkischen Beobachter“ über die Hauptstadtpresse bis zu Provinzzeitungen. Die Magnetophon-Technik war also keineswegs ein Staatsgeheimnis, wie nach 1945 verbreitet wurde – etwa in der Art, Hitler habe die Erfindung befohlen, damit die Alliierten seinen Aufenthaltsort während seiner Rundfunkreden nicht ermitteln könnten, doch viel mehr als erste Ansätze hätten die Nazis nicht zustande gebracht.

Furtwängler erkannte bei seiner ersten Begegnung mit dem Magnetophon spontan dessen Vorteile. Mit dem Einverständnis, die Brahms-Aufnahme im UFA-Palast vorzuführen, hat er dem neuen Verfahren gewissermaßen die Praxisreife bestätigt, was bei der künstlerischen Potenz und dem Renomee der Interpreten umso schwerer wog. Leider ist die Brahms-Auf­nahme selbst verschollen. Dass Furtwänglers Magnetband-Konzertmitschnitte erst ab 1942 einsetzen, liegt an seinem Skiunfall im Frühjahr 1941, dessen Folgen ihn monatelang an Auftritten hinderten. RRG ihrerseits wartete bezeichnenderweise bis ins Spätjahr 1941 auf die ersten vier serienmäßigen HF-Magnetophon-Geräte für ihre Studios, weil die Produktionslinie der AEG weitgehend von Wehrmachtsaufträgen („Tonschreiber“) blockiert war. So galt allem Anschein nach als Sprachregelung, eine breite Nutzung der neuen Möglichkeiten sei erst nach Kriegsende zu erwarten – was denn auch stimmte: die Schellackplatte dominierte
bis Anfang der 1950er Jahre, die Langspielplatte löste sie Schritt für Schritt ab – aber ohne Magnetophon auch keine Langspielplatte!

Trotzdem konnte ein (nicht genau umrissener) kleiner Kreis schon während der Kriegsjahre Musik vom eigenen Magnetbandgerät hören. Die AEG hatte das Magnetophon zu einem Nur-Wiedergabe­gerät vereinfacht, das Prominenten zur Verfügung gestellt wurde, und wie sich versteht, Hitler an erster Stelle. Der amerikanische Nachkriegsbericht eines zuverlässigen Autors meldet, eines dieser Geräte sei im Sommer 1942 ins Führerhauptquartier bei Winniza gekommen; der Führer sei so begeistert gewesen, dass
er sofort mit dem täglichen Kurierflugzeug weitere Aufnahmen einfliegen ließ. Ein nicht eindeutig belegter Bericht behauptet, das Gerät sei ihm zum Geburtstag 1942 geschenkt worden, und zwar, so unwahrscheinlich das auch klingen mag, von Wilhelm Furtwängler. Dieses Magnetophon schaffte vermutlich auch noch den Rückweg nach Obersalzberg: Goebbels notierte im Tagebucheintrag vom 21. April 1944, er habe Hitler zu seinem Geburtstag eine Furtwängler-Magnetbandaufnahme der Vierten Sinfonie von Anton Bruckner geschenkt, über die er sich sehr gefreut habe. Wahrscheinlich handelt es sich allerdings um Bruckners Fünfte Sinfonie B-dur, die am 25., 26., 27. und 28. Oktober 1942 auf dem Konzertprogramm der Alten Philharmonie stand. Die 69 Minuten lange Aufnahme, basierend auf der Überspielung von den vier Originalbändern (!), ist als CD zugänglich (Testament SBT 1466).


Wie bedenklich es wäre, die Matinee vom 10. Juni 1941 für eine unpolitische Veranstaltung zu halten, beweist, dass als Ouvertüre Franz Liszts "Les Préludes" benutzt wurde. Niemand anderes als Goebbels persönlich hatte gerade in diesen Tagen das Hauptthema zur „Siegesfanfare“ zusammenstreichen lassen, die bald wieder und wieder als martialisches Leitmotiv Sondermeldungen des Großdeutschen Rundfunks und der Wochenschauberichte einleiten sollte. Als „Russland-Fanfare“ gehörte sie zum Propaganda-Arsenal des von langer Hand geplanten Kriegs gegen Russland, der kaum vierzehn Tage später beginnen sollte.


Die um Quellenachweise erweiterte Fassung dieses Beitrags ist im Download-Bereich zu finden.


Notwendige Nachbemerkung: Als Verfasser lege ich Wert darauf, hier
keiner Verharmlosung oder Banalisierung der Zeitgeschichte Vorschub zu leisten.
Es geht nicht zuletzt um den zeittypischen Kontrast und Widerspruch zwischen
künstlerisch-technischen Höchstleistungen und bis zum Verbrechen
verantwortungsloser Politik mit Akten beschämendster Unmenschlichkeit. Ein
beträchtlicher Teil unseres jüngeren kulturellen Erbes ist auf Trägern
festgehalten, deren entscheidende Entwicklungsphase in diese Zeit fällt.


Aller Voraussicht nach ist dies mein letzter offizieller Beitrag zur Magnetbandgeschichte – es sei denn, die technischen Akten der RRG oder der große Restbestand der RRG-Musikaufnahmen tauchen wieder auf. Kurz nach dem Fund des Bernsteinzimmers …
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#2
Servus Friedrich,

das liest sich alles wie Öl auf die Seele. Ich darf ja auch Aufnahmen zwei und drei Jahre später mein eigen nennen. Ich Danke noch heut dem Forianer dafür, weil damit aufgezeigt wurde was damals schon möglich war.
Vielen Dank für Deine Ausführungen. *Staubsauger Modus noch eine Weile an.*

Gruss Andre
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#3
Hallo Friedrich,

Chapeau!

Gruß, Anselm
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#4
Hallo Friedrich,

vielen Dank für die Erweiterung des eigenen Wissens.

Gruß
Volkmar
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#5
Hallo Friedrich,

ganz vielen Dank für diesen einmaligen Beitrag zur Tonbandgeschichte. Es ist nicht nur historisch besonders wertvoll. Denn es ist wohl bisher nirgendwo in den Medien so ausführlich dargestellt worden.

Die Begeisterung Wilhelm Furtwänglers erinnert mich an die Begeisterung von Herbert v. Karajan, als er Ende der 70'er die erste digitale Tonaufnahme seines Orchesters abhörte.

Heribert
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#6
Auch von meiner Seite herzlichen Dank!

Ich nehme an, dass solch ein Beitrag auch anderenorts veröffentlicht wird? In Zeitschriften z.B.? Allein die Mühe der Recherche allein wäre es doch wert.
Das Drumherum:
Liebe® ...
(Beitragstext s.o.)
LG, Jochen
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#7
Und meinerseits wieder besten Dank für die Anerkennung.

In der Tat war der Text auch für die Veröffentlichung in der Presse gedacht. Aber eine große Tageszeitung (Anselm: genau die!), ein bekanntes Nachrichtenmagazin weiter nördlich sowie eine Fachzeitschrift, die auch "forum" im Namen führt, haben mir nicht einmal eine Empfangsbestätigung zukommen lassen. Ich benutze Umschreibungen, weil im Fall eines Falles eine Nicht-Reaktion logischerweise nicht nachweisbar ist.

Kein Interesse? Medium Magnetband mausetot? Zwei unliebsame Herrschaften (H + G) erwähnt?

Lichtblick: der Chefredakteur der "Funkgeschichte" (GFGF) hat sich, eine halbe Stunde nach Zusendung per E-mail, spontan entschlossen, den Text in der nächsterreichbaren Ausgabe abzudrucken. Es besteht noch Hoffnung.

F.E.
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#8
Hallo Friedrich!

Ich könnte mir gut vorstellen, daß die Redaktion des analog-Magazin Deinen
informativen und spannenden Bericht in einem der nächsten Ausgaben ab-
drucken würde.
Auch wenn die analog "vinyllastig" ist, so tauchen dort immer wieder Berichte
über das Thema Tonband auf.
Also, einfach Kontakt aufnehmen...

Danke für Deinen tollen Bericht.

Gruß
Wolfgang
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#9
Hallo Friedrich,

Dank auch von mir für diesen Einblick in die Technikgeschichte samt politischer Rahmenbedingungen.

Ist die Episode der Erfindung der Hochfrequenz-Vormagnetisierung durch Walter Weber aus der Fehlfunktion eines Testaufbaus irgendwo im Detail nachzulesen ?

In deiner Nachbemerkung ist dir ein kleiner Lapsus unterlaufen: Da steht "Als Verfasser ich lege..." statt "...lege ich..".

MfG Kai
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#10
(leereditiert)
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#11
Kai,

mit besonderem Vergnügen hier die "passende Antwort":

http://www.beam-ebooks.de/ebook/40085

und zwar ab Seite 167.

Danke für den Lapsus-Vermerk!

F.E.
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#12
Guten Tag Friedrich,

nachträglich auch von mir ganz herzlichen Dank für diesen Artikel. Ich werde ihn bei den "Zeitschichten" ablegen, dort ist das Ereignis ja nicht ganz so ausführlich beschrieben. Ein bemerkenswertes Jubiläum, und wenn auch heute, NACH 75 Jahren, die Magnettontechnik keine wesentliche Rolle mehr spielt, so wurden doch IN diesem Dreivierteljahrhundert so gut wie alle Töne und die meisten bewegten Bilder in aller Welt auf Magnetband konserviert. Und der eigentliche Startpunkt war eben der 10.6. 41. Klasse!

Gruß
Stefan
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#13
Hallo Stefan,

Vollspurlöschkopf,'index.php?page=Thread&postID=190589#post190589 schrieb:Ich werde ihn bei den "Zeitschichten" ablegen, dort ist das Ereignis ja nicht ganz so ausführlich beschrieben.
Wo bitte? Hab ich etwas versäumt oder vergessen? Das Buch kenne ich natürlich.

Zitat:... so wurden doch IN diesem Dreivierteljahrhundert so gut wie alle Töne und die meisten bewegten Bilder in aller Welt auf Magnetband konserviert.
Ging mir die Tage durch den Kopf: Und das absolut viren-, wurm- und trojanerfrei!

Gruß, Anselm
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#14
Die Formulierung "auf Magnetband konserviert" reizt aber zur lästerhaften Anmerkungen:

Steht auf dem Bodenblech der Konserven die Haltbarkeitsdauer oder ein Verfallsdatum drauf ?

Die Konserven werden sicher nicht so lange Bestand haben, wie das, was in Stein gemeißelt oder in auch nur Schellack gepreßt wurde,
mal abgesehen davon, daß die Abspielgerätschaften ja auch am Aussterben sind, wie man hier im Forum täglich an den "Symptomen des Todeskampfes" nachlesen kann.

Nix für ungut,
mfG Kai
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#15
Hallo Anselm,

ab Seite 172 unten wirst du fündig.

Hai Kai,

ich höre gerade ein 1962 aufgenommenes Band BASF LGS 35. Qualität wie gestern aufgenommen. Solange sich Tonband so gebärdet, will ich nichts von Verfallsdaten hören. Tongue Ja, ich kenne die ganzen Probleme mit SSS und anderen Ekligkeiten. Habe gerade dieser Tage ein eigentlich neuwertiges, aber klebendes Agfa PEM 268 entsorgt. Dennoch, das fieseste Klebe-Band hat seine Musik immerhin wenigstens 20 Jahre gespeichert. Das ist länger als die Halbwertszeit von so manchem halbgaren Digi-Medium. ABER ich wollte diesen Thread keinesfalls mit klebrigen Band-Problemen zerreden.


Es lebe die Tonbandaufzeichnung! Und am 10. werde ich einen großen Tonband-Aufnahme- und Wiedergabetag begehen!


Gruß
Stefan
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#16
Hallo Stefan,

Vollspurlöschkopf,'index.php?page=Thread&postID=190601#post190601 schrieb:ab Seite 172 unten wirst du fündig.
Habe ich gefunden, danke. Aber was ist mit "bei den 'Zeitschichten' ablegen" gemeint?

Gruß, Anselm
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#17
Ach so, ja, nun, wenn ich das gedruckte Buch hätte, würde ich obigen Text ausdrucken und ins Buch legen. So werde ich obigen Text als PDF in das Verzeichnis auf meiner Festplatte ablegen, in dem sich das Buch befindet. Ganz banal also.

Gruß
Stefan
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#18
Ein großartiger Aufsatz von Friedrich ! Ich habe ihn ausgedruckt und ins soeben erschienene sehr empfehlenswerte Buch
"Magnetophon - AEG-Universalgerät für Tonaufnahme und -wiedergabe" von Roland Schellin / Mitarbeit Friedrich Engel
aus dem Funk Verlag Bernhard Hein, ISBN 978-3-939197-96-6,
gelegt. Darin ist die Vorführung am 10.06.1941 im Ufa-Palast am Zoo auf S. 162/163 kurz dargestellt.

Gruß aus Berlin
Hajo
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#19
19null5,'index.php?page=Thread&postID=190610#post190610 schrieb:"Magnetophon - AEG-Universalgerät für Tonaufnahme und -wiedergabe" Roland Schellin / Mitarbeit Friedrich Engel
Dieser Buchempfehlung kann ich mich nur anschließen. Insbesondere die Qualität der historischen Fotos und Reproduktionen hat mich höchst angenehm überrascht, solche Bildauflösungen sieht man sonst eher selten.

Zur fachlichen Kompetenz der Autoren muss ich an dieser Stelle wohl kaum ein weiteres Wort verlieren.

Grüße, Peter
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#20
Friedrich Engel,'index.php?page=Thread&postID=190532#post190532 schrieb:Kai,

mit besonderem Vergnügen hier die "passende Antwort":

http://www.beam-ebooks.de/ebook/40085

und zwar ab Seite 167.

Danke für den Lapsus-Vermerk!

F.E.

Jammerschade daß es die gedruckte Version nicht mehr gibt Sad
Ich kann mit eBooks so gar nix anfangen...
Viele Grüße
Jörg
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#21
Kai (und alle e-book-Nicht-Möger ...),

ein kleiner Tipp:

die
elektronischen ZEITSCHICHTEN sind DRM-frei, was u.a. heißt, dass jeder Copy shop die ca. 350 Blatt (beidseitig, ggfs. nur s/w) ausdrucken kann. So weit ich weiß, können größere Häuser das Ganze mit einer Klebebindung versehen (lumbecken). Es gibt auch attraktive Aktenordner, in denen das Ganze nicht büromäßig aussieht.

Preislich liegt alles zusammen deutlich unterhalb der Druckausgabe.

F.E.
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#22
Hallo Friedrich und alle Mitleser,

bezüglich ebooks bin ich unschuldig,
habe nur insofern Schuld auf mich geladen, weil ich mir das Lästern in Sachen Haltbarkeit zeithistorischer Dokumente auf Magnetband nicht verkneifen konnte.
Ich betrachte es als großen Vorteil, nur einen Tablet-PC im Bett beim Lesen festhalten zu müssen und nicht einen Papierwälzer von ca. 800 Seiten. Ersterer, in weiche Hülle gepackt, rumst auch viel weniger, wenn er nach dem Einduseln aus dem Bett fällt.
Eselsohren gibt es im ebook auch nicht und kein Ausleier kann darin rumkritzeln. Das sind schon mal drei unbestreitbare Vorteile.

Mir fällt zum Thema noch "books on demand" ein. Wird wohl z.B. u.a. bei Dissertationen praktiziert. Das bedeutet, ein Exemplar wird nur bei Bestellung gedruckt. Ob man das bei einem 800-Seiten Werk allerdings für knapp 20 € Kosten-deckend machen könnte, weiß ich nicht.

MfG Kai
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#23
Servus,

http://www.funkverlag.de/magnetophon.html

grad bestellt und Friedrichs Beitrag kommt auf die erste Seite oder auf das erste Blatt. Genauso wie er das geschrieben hat. Das hat noch immer was.

Gruss Andre
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#24
10. Juni. Der ist heute. Also nutzt eure HF-Magnetophone zu diesem Geburtstage.

niels
Wer bei Stereoaufnahmen kein Gegenspur-Übersprechen haben möchte, sollte Halbspur-Maschinen verwenden.
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#25
Salve,

genau...denn wenn vor exakt 75 Jahren die allererste "HiFi-Vorführung" stattfand. Wink

Danke für den wieder mal furiosen Eingangsbeitrag und den Tipp bzgl. des neuen Magnetophon-Buches.

Schöne Grüße
Frank
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#26
Gibt es eigentlich Hörbeispiele dieser Aufnahmen aus der Zeit irgendwo?
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#27
Einen Teil der damals vorgeführten Aufahmen habe ich selber gehört - nur wo könnte ich die archiviert haben ...?
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#28
Selbst gehört vom Originalband?

Wie kann man die Qualität beschreiben? So wie heute mit 4,75 cm aufgenommen?
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#29
Bandomatic1,'index.php?page=Thread&postID=191859#post191859 schrieb:Selbst gehört vom Originalband?
Digitalisiert vom Originalband. Aus der Zeit zwischen 1941-45 gibt es eine stattliche Anzahl von Aufnahmen, oft Konzertmitschnitte, beispielsweise von Furtwängler und den Berliner Philharmonikern aus der alten Philharmonie, die notabene am 30.1.1944 zerbombt wurde.

Sogar einige wenige der damaligen zwei- bis dreihundert Aufzeichnungen in stereo sind erhalten geblieben - die meisten gelten mittlerweile als so unauffindbar wie das legendäre Bernsteinzimmer.

Bandomatic1,'index.php?page=Thread&postID=191859#post191859 schrieb:Wie kann man die Qualität beschreiben? So wie heute mit 4,75 cm aufgenommen?
Die klangliche Signatur dieser Aufnahmen ist für mich so nicht beschreibbar, nicht zuletzt weil die damals verwendete Mikrofonaufnahmetechnik (d.h. Mikrofontypen und Aufstellung) mit ihr untrennbar verknüpft ist. Allerdings kann ich Aufnahmen aus dieser Zeit zielsicher wiedererkennen, was mir bei mancher unter idealen Bedingungen aufgezeichneten & wiedergegebenen Cassette weniger leicht fallen würde.

Um nicht jetzt Schwierigkeiten mit irgendwelchen Paragraphen zu bekommen, verzichte ich auf das Einstellen von Archivaufnahmen und verweise lieber auf deren gelegentliche Ausstrahlungen beim "rbb kulturradio". Auf seiner Webseite gibt es drei Aufnahmebeispiele aus den Jahren 1943-44, plus eine kurze Darstellung der zum Teil abenteuerlichen Geschichte der endgültigen Rückführung der RRG-Originalbänder aus Moskau nach Berlin vor 25 Jahren. (Zahlreiche Klangbeispiele gibt es natürlich auch bei Youtube und einschlägigen Musikportalen.)

Zum Webseitentext über Beethovens Violinkonzert wäre allerdings eine beckmessersche Bemerkung anzubringen: Die alte Philharmonie befand sich nicht etwa in der Bernauer, sondern in der Bernburger Straße, in unmittelbarer Umgebung des Anhalter Bahnhofs und durchaus fußläufiger Entfernung von ihrem 1963 eröffneten Neubau.

Grüße, Peter
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#30
Vielen Dank für die Ausführungen.

Die Qualität ist ja tatsächlich erstaunlich gut und übertrifft gefühlt das, was aus den 50er Jahren Grundig TKs erzeugt wurde.
Thomas
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#31
Hallo,

über die RRG-Aufnahmen wurde hier im Forum schon einiges publiziert. U.a. hier.

Von dem dort erwähnten Klavierkonzert habe ich eine Drittkopie vom Original. In Stereo. Und in originaler RRG-Entzerrung. Das ist höchst beeindruckend.

Gruß
Michael
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#32
MichaelB,'index.php?page=Thread&postID=191867#post191867 schrieb:Von dem dort erwähnten Klavierkonzert habe ich eine Drittkopie vom Original. In Stereo. Und in originaler RRG-Entzerrung. Das ist höchst beeindruckend.
Du hast auch die CD, die die AES 1993 herausgab?
Dort finden sich außerdem drei Brahms-Serenadensätze und der 4. Satz aus Bruckners Achter. Alles so nah am "Original", wie es 50 Jahre später möglich war.
Vor allem der Bruckner ist für mich heute noch jedes Mal ein Erlebnis.

Grüße, Peter
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#33
Der Bruckner ist ein echtes Erlebnis ...

Ich hab auch die CD. Damals von Hans-Joachim bekommen. Die CD wurde seinerzeit mal bei einem Revox Fan Treffen in Willisau vorgeführt. Alle Anwesenden waren begeistert und ergriffen zugleich. Viele vermuteten eine digitale Nachbearbeitung. Was aber nicht war.

Wobei beim Beethoven ab Minute 14 (oder 17? Jedenfalls in dem Dreh) ein breitbandiges hochfrequentes Störspektrum zwischen 14 und 17 kHz auf der CD zu sehen ist. Hans-Joachim vermutet einen Defekt im DAT Recorder des Kollegen, der das seinerzeit aufgenommen hat. Ich wollte schon ewig mal das Band digitalisieren und nachsehen, ob es da auch schon zu sehen ist.

Gruß
Michael
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#34
MichaelB,'index.php?page=Thread&postID=191870#post191870 schrieb:Viele vermuteten eine digitale Nachbearbeitung. Was aber nicht war.
In den letzten 20 Jahren habe ich das Ausgangsmaterial der CD mehrmals nachbearbeitet (zuletzt vor etwa etwa einem Jahr), mit den zur jeweiligen Zeit vorhandenen technischen Möglichkeiten. Vor allem der Bruckner kann dadurch enorm gewinnen.


MichaelB,'index.php?page=Thread&postID=191870#post191870 schrieb:Wobei beim Beethoven ab Minute 14 (oder 17? Jedenfalls in dem Dreh) ein breitbandiges hochfrequentes Störspektrum zwischen 14 und 17 kHz auf der CD zu sehen ist.
Das Störspektrum ist tatsächlich über die gesamte Länge von Beethoven und Bruckner nachweisbar (Track 1-3 & 7), nicht aber während Track 4-6 (Brahms).
Bei Wiedergabe mit 1/8 Geschwindigkeit erinnert es entfernt an zirpende Grillen, liegt aber selbst gegen Ende von Track 3 klar unterhalb des Bandrauschens. Am schwächsten ist es während Track 7 und zu Beginn von Track 1 (dort liegt es zwischen 16-18 kHz), am stärksten wird es gegen Ende von Track 3 (zwischen 17-19 kHz), wie in dieser FFT-Darstellung zu sehen:

[Bild: FFT_Track_3.jpg]

Die Maximalpegel der diskreten Störkomponenten liegen bei -74 dBFS, ihre Hörbarkeit wäre also allenfalls für Fledermäuse gegeben.

Nicht selten wird dieser Pegel auf Magnetbandaufzeichnungen oder sogar kommerziellen Tonträgern von UKW-Pilottonresten, Fernsehzeilenfrequenzen, vagabundierenden Störungen aus Lichtsteuerungen etc. um ein Mehrfaches überboten. Zudem enthält die Nutzaufzeichnung laut FFT spätestens ab 12 kHz keine verwertbaren Anteile mehr, so dass im Zweifelsfalle eine schmalbandige Filterung der Störfrequenzen dem Gesamtklang kein Leid antun würde.

Grüße, Peter
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#35
Interessanter Fall. Vielleicht gut zu wissen:

Die Beethoven- wie die Bruckner-Aufnahme wurden in den 1960er Jahren (... so in etwa ...) von den RRG-Originalbändern auf 38,1 cm/s kopiert und, Schande, die Originalbänder danach entsorgt. Anders als im Fall Brahms-Serenade und Wagner handelt es sich hier also nicht um ein Digitalisat unmittelbar vom Originalband.

"Beethoven" wie "Bruckner" sind dem Vernehmen nach einem unbekannten RRG-Mitarbeiter zu verdanken, der die Bänder von Kosten (Auslagerungsort des RRG-Labors ab ca. 1943) im Privatgepäck mitgenommen und später dem SFB übergeben hat.

Ich gebe das mal mit aller Vorsicht weiter, beweisen wird man es nicht mehr können, die Zeitzeugen der älteren Überspielung sind nicht mehr auskunftsfähig.

F.E.
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#36
Friedrich Engel,'index.php?page=Thread&postID=191882#post191882 schrieb:"Beethoven" wie "Bruckner" sind dem Vernehmen nach einem unbekannten RRG-Mitarbeiter zu verdanken, der die Bänder von Kosten (Auslagerungsort des RRG-Labors ab ca. 1943) im Privatgepäck mitgenommen und später dem SFB übergeben hat.
War das nicht Helmut Krüger selbst gewesen, unter dessen Leitung auch die Stereo-Aufnahmen stattgefunden hatten?
Ich meine mich noch an eine entsprechende Passage aus der Aufzeichnung eines längeren Gesprächs mit ihm zu erinnern ...

Grüße, Peter
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#37
Peter,

das wäre durchaus möglich, mir nebelte auch so eine Erinnerung durch den Kopf.

Eine andere Frage: könnte das Störspektrum vielleicht dadurch entstanden sein, dass die 6,5 mm breiten RRG-Bänder in der 6,3 mm-Bandführung von anno 196x geklemmt und dadurch so etwas wie höherfrequentes Modulationsrauschen erzeugt hätten? Auch raue Bandkanten kämen in Frage. Reine Spekulation, niemand kann sagen, ob damals die Abspielmaschine entsprechend hergerichtet war (auch in puncto Entzerrung ... jetzt wird's schwierig ...).

Und, mehr oder weniger OT, zwecks allgemeiner Verunsicherung: wenn sich auf einer Bandaufnahme, deren Frequenzbereich nach technischem Stand zum Aufnahmezeitpunkt maximal bis 10 kHz reicht, noch höhere Frequenzen finden, dann sind das mit einiger Sicherheit Klirrprodukte, die das Band produziert - das fällt beim Digitalisieren natürlich einmal auf.

F.E.
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#38
Hallo Friedrich,

Friedrich Engel,'index.php?page=Thread&postID=191892#post191892 schrieb:könnte das Störspektrum vielleicht dadurch entstanden sein, dass die 6,5 mm breiten RRG-Bänder in der 6,3 mm-Bandführung von anno 196x geklemmt und dadurch so etwas wie höherfrequentes Modulationsrauschen erzeugt hätten? Auch raue Bandkanten kämen in Frage. Reine Spekulation, niemand kann sagen, ob damals die Abspielmaschine entsprechend hergerichtet war (auch in puncto Entzerrung ... jetzt wird's schwierig ...).
Ja, durch die bedauerliche „Beweismittelvernichtung“ nach erfolgtem 38er Umschnitt ist es kein Leichtes, mögliche Ursache(n) klar und eindeutig zuzuordnen.

Zunächst kann ich sagen, dass das Störspektrum zwar in beiden Kanälen etwa gleich stark vorhanden ist, jedoch nicht mit Korrelationsgrad 1. Es verhält sich also nicht wie ein auf Pan-Pot-Mitte zugemischtes Monosignal, wie es z.B. für UKW-Pilotton oder FS-Zeilenfrequenz typisch wäre. (Bei einem Azimutfehler als evtl. Ursache würde ich ein weniger stabiles Störsignal erwarten.)

Dass es sich hier um Bandlängsschwingungen und dadurch verursachtes Modulationsrauschen beim wiedergegebenen Band handeln könnte, scheint mir eher unwahrscheinlich, hauptsächlich aus zwei Gründen:

1) Bandmaterial aus Kriegs- und Vorkriegszeiten habe ich schon häufiger auf dem Teller gehabt, doch bei Standardbändern - gleich welchen Alters - habe ich mechanische Eigenschwingungen mit so hoher Frequenz, so schmalbandig und in dieser Gleichmäßigkeit bislang noch nicht erlebt.

2) Bei Modulationsrauschen - egal ob bei Aufnahme oder Wiedergabe entstanden - würde ich aus Erfahrung erwarten, dass das Störspektrum mit steigendem Pegel der Nutzmodulation ebenfalls stärker (und meist auch breiter) wird. Dies ist hier jedoch nicht der Fall: Es verhält sich wie ein zusätzlich aufgezeichetes, mehr oder weniger konstantes Signal.

Anmerkung: Wenn Bänder in um 0,2 mm zu schmalen Bandführungen klemmen, würde sich dies - je nach Art der Bandführung - in einer merklichen mechanischen Mehrbelastung äußern, die nur bei größter Schlamperei unbemerkt geblieben wäre. Zum Beispiel würde ich gegen Ende des Bandwickels erhebliche Tonhöheschwankungen erwarten, die beim Beethoven-Klavierkonzert (v.a. in den lang gehaltenen freiliegenden Akkorden am Ende des 3. Satzes) jedoch ausbleiben.

Ich könnte mir eher vorstellen, dass das Störspektrum auf elektrischem Wege in den Aufnahmekanal geraten ist, entweder während des 38er Umschnitts, oder - wie dem Vernehmen nach Hans-Joachim schon vermutete - bei der Digitalisierung.

Zur Wiedergabeeentzerrung des Originals: Hat man sich eine klangliche Vorstellung der bei diesen Stereoversuchen verwendeten M1a Kapseln erworben und weiß um die ungefähre Aufstellungsentfernung und die natürlichen Klangfarben der beteiligten Instrumente (vor allem hohe Streicher und Blechblasinstrumente), so braucht man sich aus meiner Sicht um die 4 dB Pegeldifferenz, die zwischen 17,5 und 35µs bei 10 kHz besteht, eigentlich keine allzu umfangreichen Gedanken zu machen:

Erstens ist nicht verlässlich zu ermitteln, welche Sorgfalt bei der Anfertigung der ursprünglichen 76er Kopien angewendet wurde - nach meiner Erinnerung berichtet Krüger, dass auch seine Kostener Exemplare lediglich Kopien der Originale waren (was mir sofort einleuchtet) -, zweitens ist die Alterung und ein evtl. damit verbundener Höhenverlust vor allem der 76er Kopien völlig unbestimmt (und wegen ihrer „Entsorgung“ auch unbestimmbar geworden), und drittens lag - soweit ich informiert bin - die RRG Entzerrung irgendwo in der Mitte zwischen den besagten 17,5 und 35 µs. Die Abweichung von jeder der beiden Entzerrungskurven wäre demnach mit etwa 2 dB bei 10 kHz anzunehmen. Nicht eben viel, wenn man beispielsweise berücksichtigt, wie stark bereits die Frequenzgänge von Mikrofonkapseln desselben Typs zur damaligen Zeit voneinander abweichen konnten (speziell zu den Höhen hin, sobald man die Größe der Kapsel berücksichtigt …).

Es ist zwar durchaus möglich, dass bei der 38er Kopie das 76er „Original“ mit 35 µs wiedergegeben wurde, doch könnte dies der notorischen Neigung zu Höhenverlusten bei historischen Aufzeichnungen durchaus erwünscht entgegenwirken.

Verglichen mit der mir vertrauten Klangsignatur der CMV3 / M1a - die natürlich meistenteils restaurierte Exemplare sind, so viel „Originalklang“ geht nach so langer Zeit nun wirklich nicht - wirkt die Bruckner-Stereoaufnahme auf mich im Bereich um 4-7 kHz deutlich überhöht und überdies ab 100 Hz abwärts etwas „schwachbrüstig“. Dies bringt mich zu einer weiteren Besonderheit gerade dieser Aufnahmen (man ahnt schon, alles hängt mit allem zusammen, was das Navigieren durch die zahlreichen denkbaren Möglichkeiten und Stolperfallen nicht unbedingt erleichtert …):

Insgesamt würde ich der Bruckner- und Beethoven-Aufnahme (wie gesagt: im Verhältnis zu den klanglichen Besonderheiten der M1a Kapseln) einen tendenziell blechernen, topfigen Eindruck mit deutlich hervortretenden Resonanzen in den Celli, Kontrabässen und nicht zuletzt bei den Pauken bescheinigen. Zudem liegt auf der Kopie ein - für mein Dafürhalten - unnötig langer Hall, der mit großer Wahrscheinlichkeit erst bei der 38er Überspielung hinzugefügt wurde, vermutlich aus einem Hallraum und ohne die notwendige (und inzwischen wesentlich leichter machbare) Signalverzögerung.

Hierfür sprechen mindestens drei Indizien:

1) Der Hall ist für den Aufnahmeraum (Saal 1 im „Haus des Rundfunks“) im damaligen Bauzustand vollkommen untypisch.
2) Von Bruckners Satz 2 und 3 existiert mit gleicher Besetzung und im selben Aufnahmeraum eine Monoaufnahme. Diese enthält den Hall aus Satz 4 nicht.
3) Die Brahms-Mitschnitte der AES-CD zeigen ebenfalls ein deutlich trockeneres Klangbild, dessen Raumeindruck hauptsächlich geprägt ist von der Akustik des Bühnenbereichs (vor allem den ersten Reflektionen von Vorder- und Seitenwänden).

Die Stereoaufnahmen von „Beethoven“ und „Bruckner“ hinterlassen demgegenüber einen Eindruck merklicher Zweiräumigkeit, das heißt, die im Aufnahmeraum vorhandene Räumlichkeit und die des „Nachhallschwanzes“ verschmelzen nicht wirklich miteinander. Nach Hörerfahrung mit vergleichbaren Aufnahmesituationen und Tonträgern drängt sich der Eindruck auf, als ob hier an ein relativ klar und trocken klingendes kleineres Bühnenhaus eine größere, relativ unstrukturiert wabernde Kathedrale angeschlossen worden wäre. (Meine Reaktion auf solche Misch-Akustiken - in natura oder als Reproduktion – lautet spontan meist: „Wer hat denn da die Tür aufgelassen?!“)


Friedrich Engel,'index.php?page=Thread&postID=191892#post191892 schrieb:wenn sich auf einer Bandaufnahme, deren Frequenzbereich nach technischem Stand zum Aufnahmezeitpunkt maximal bis 10 kHz reicht, noch höhere Frequenzen finden, dann sind das mit einiger Sicherheit Klirrprodukte, die das Band produziert - das fällt beim Digitalisieren natürlich einmal auf.
So ist es. Klassische Studienobjekte hierfür finden sich zum Beispiel bei den für Bruckner charakteristischen massiven Trompeten- und Posaunensätzen (in dieser Aufnahme bei 6:44, 13:05, 17:33, 19:16, 23:11, und natürlich gegen Schluss ab 26:54). Hier hört man nachgerade, wie bei der Magnetisierung „der Deckel zugeht“, also die mehr oder weniger starke Kompression der Höhenanteile ab spätestens 3 kHz und die streckenweise quälenden Differenzton- und Intermodulationseffekte, die den Klang in Richtung "rotzig" verändern.

in diesen Passagen - quasi im gleichen Atemzug - steigt in der FFT-Analyse der Anteil der Partialtöne oberhalb 10 kHz überproportional an, was ziemlich sicher auf Klirrprodukte schließen lässt. Diese mögen ein definitiv brillanteres Klangbild bewirken, nur ist dies gewissermaßen „erschummelt“, denn das verstärkte Vorkommen ausschließlich ungeradzahliger Harmonischer (k3, k5 …) entspricht nicht der natürlichen Veränderung des Klangspektrums der meisten Musikinstrumente.

Soviel vorerst von meiner Seite dazu.

Grüße, Peter
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#39
Vielen Dank für die vielen interessanten Infos!
Leider verliere ich gerade den Überblick der genannten Aufnahmen ?(
Hier ist nicht mehr die Rede von der im ersten Posting genannten Bruckner Aufnahme (Testament SBT 1466)?
Ich bin auch leider nicht so firm was klassische Musik anbelangt

Viele Grüße
Jörg
Viele Grüße
Jörg
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#40
Baruse,'index.php?page=Thread&postID=191900#post191900 schrieb:Leider verliere ich gerade den Überblick der genannten Aufnahmen ?(
Verständlich.


Baruse,'index.php?page=Thread&postID=191900#post191900 schrieb:Hier ist nicht mehr die Rede von der im ersten Posting genannten Bruckner Aufnahme (Testament SBT 1466)?
So ist es. Die Testament-CD enthält Bruckners 5. Sinfonie B-dur mit Wilhelm Furtwängler und den Berliner Philharmonikern als Mono-Konzertmitschnitt vom Oktober 1942 aus der alten Philharmonie Berlin (eine übrigens sehr gelungene und auch für den damaligen Stand der Magnetbandtechnik repräsentative Aufnahme).

Die Bruckner-Aufnahme, die ich in #38 erwähne, enthält Satz 2-4 seiner 8. Sinfonie c-moll (Satz 2 & 3 = Mono, 4 = Stereo), gespielt von der "Preußischen Staatskapelle" (aka "Staatskapelle Berlin" oder "Orchester der Berliner Staatsoper") unter dem damals 36jährigen Herbert v. Karajan, aufgezeichnet ohne Publikum im Juni/September 1944 im Saal 1 des „Haus des Rundfunks“ (heute rbb) Berlin.
Diese Aufnahme ist ein absolutes Unikat, demonstriert sie doch eindrücklich den bei Stereoaufnahmen tatsächlich erreichten Stand der Technik kurz vor Kriegsende. (Demgegenüber halte ich es für leicht zu verschmerzen, dass das Orchester, vor allem in den Violinen, streckenweise etwas "ersatzgeschwächt" herüberkommt, wie mein früherer Mentor Klaus Matthes das vermutlich ausgedrückt hätte...)

Friedrichs Beitrag erwähnt Bruckners 5. Sinfonie eher ergänzend. Bei der erstmaligen öffentlichen Vorführung des HF-Magnetophons am 10.6.1941 wurde auch nicht diese Sinfonie wiedergegeben, sondern der vierte Satz von Brahms' 1. Sinfonie, deren Aufzeichnung bis jetzt hartnäckig unauffindbar geblieben ist.

Grüße, Peter
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#41
Peter Ruhrberg,'index.php?page=Thread&postID=191902#post191902 schrieb:Die Testament-CD enthält Bruckners 5. Sinfonie B-dur mit Wilhelm Furtwängler und den Berliner Philharmonikern als Mono-Konzertmitschnitt vom Oktober 1942 aus der alten Philharmonie Berlin (eine übrigens sehr gelungene und auch für den damaligen Stand der Magnetbandtechnik repräsentative Aufnahme).
Dann hatte ich zumindest das richtig verstanden und bin schon gespannt auf dieses Werk, welches ich vor ein paar Tagen bestellt habe
Mal sehen - vielleicht komme ich ja auf den Geschmack
Viele Grüße
Jörg
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#42
Baruse,'index.php?page=Thread&postID=191903#post191903 schrieb:Mal sehen - vielleicht komme ich ja auf den Geschmack
Falls du auch auf die Stereoaufnahme Appetit bekommen solltest, kann ich die gerne zur Verfügung stellen - auf Wunsch original und/oder bearbeitet.

Grüße, Peter
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#43
... ich kann's mal wieder nicht lassen ...

Die Entzerrung des RRG-Wiedergabeverstärkers V 5 ist ein heikles Kapitel, denn diese war nicht etwa durch eine Zeitkonstante charakterisiert, sondern einstellbar - siehe Bild. Ich habe mir vor Jahren mal erlaubt, aus dem Verlauf der dort gezeigten (Beispiels-) Frequenzgänge auf die entsprechende Zeitkonstante zu schließen, und siehe da: die geringste Anhebung (Stellung 0) entspricht 16,5 µs, die mittlere ziemlich genau 35 µs und die stärkste 56 µs (Interessenten erhalten die Excel-Tabelle per PN). Große Frage: nach welchen Kriterien wurde welcher Frequenzgang eingestellt? Ich habe bisher dazu nichts Konkretes gefunden. Da die technischen Akten der RRG weitgehend verschollen sind, wird man da auch keine Antwort mehr erwarten dürfen.

   

Die Wiedergabe-Verstärker der M 20 hist., mit der anno 1991 die "heimgekehrten" RRG-Bänder überspielt wurden, standen jedenfalls auf "Stellung 10" - ich weiß nicht, ob das beim SFB geändert wurde.

Nur zwecks Klarstellung: dies betrifft nicht die Beethoven- und Bruckner-Stereo-Aufnahmen, wohl aber die Bruckner-Mono-Aufnahmen, die Peter erwähnt hat.

Im Übrigen: so ein Gehör + "Auswerte" sollte man haben ...

F.E.

Nachtrag (15.07.): ich habe zwei Mal erlebt, dass eine M5 6,5 mm breite Bänder abspielen konnte, die im ersten Fall eine M 10 nach wenigen Metern "ausbremsten". Ich halte es für möglich, dass auch eine T 9 dazu fähig war, da die Kopfträger identisch waren (-?-) oder sich nicht wesentlich unterschieden.
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#44
Hallo Peter,

eine Zwischenfrage: Du hast in Post 29 einen Link gebracht zu drei Beispielen auf der Seite von rbb Kulturradio. Was meinst du, sind die klanglich authentisch oder zur Wiedergabe auf der Website fies komprimiert? Der rbb hat neulich eine Sendung mit solchen Aufnahmen gebracht (ich habe leider nur die zweite Hälfte gehört und aufgenommen, da zu spät entdeckt), ich hatte aber den Eindruck, dass (anderen) Aufnahmen in dieser Radiosendung besser klangen. Kann mich aber auch täuschen.

Gruß
Stefan
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#45
Vollspurlöschkopf,'index.php?page=Thread&postID=191925#post191925 schrieb:sind die klanglich authentisch oder zur Wiedergabe auf der Website fies komprimiert?
Meinst du "komprimiert" im Sinne von Dynamikeinschränkung oder im Sinne von Datenreduktion?

Die Audiobeispiele auf der rbb Webseite sind mp3 Dateien mit 128kbps CBR codiert. Das sollte für einkanalige Signale mit ca. 10 kHz oberer Grenzfrequenz allemal ausreichen.

Dynamikeinschränkungen wären bei solch historischem Programmmaterial weder notwendig noch sinnvoll.

Die drei genannten Beispiele habe ich auch als CD-Kopien.
Diese habe ich mit den Audiodateien auf der Webseite verglichen, zunächst im AB-Vergleich, dann durch den sog. "Nulltest".
Ergebnis: keine hörbaren Abweichungen.

Grüße, Peter
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#46
Friedrich Engel,'index.php?page=Thread&postID=191908#post191908 schrieb:Nachtrag (15.07.): ich habe zwei Mal erlebt, dass eine M5 6,5 mm breite Bänder abspielen konnte, die im ersten Fall eine M 10 nach wenigen Metern "ausbremsten". Ich halte es für möglich, dass auch eine T 9 dazu fähig war, da die Kopfträger identisch waren (-?-) oder sich nicht wesentlich unterschieden.
Genau diese drei Maschinen hatte ich jahrelang in Betrieb.

Wie bei dir mochte meine M10 überbreite Bänder überhaupt nicht.

Auf der M5 und T9u liefen die Bänder - je nach Konstruktion der Führungsstifte im Kopfträger (es gab da verschiedene, wie später auch bei der M15(A) - mehr oder weniger hart einseitig an Umlenkollen und Führungsstiften auf, mit entsprechend verräterischer Geräuschkulisse. Manche Bänder blieben auch mehr oder weniger hängen. Falls sie ohne Murren durchliefen, wollte die Phasenlage bei Wiedergabe auf der T9u mit Halbspur-Stereoköpfen trotz der hohen Bandgeschwindigkeit keine rechte Freude machen.

Ich konnte dem soweit abhelfen, indem ich die Bandführungen im T9u-Kopfträger entsprechend verbreiterte. Die Abstände bei der Zählwerksrolle (rechts) waren bereits groß genug, die linke Umlenkrolle mit dem zu schmalen Einstich ersetzte ich durch eine geeigetere.

Grüße, Peter
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#47
Hallo Peter,

Danke! Ich meinte Datenreduktion. Aber wenn du im Vergleich keinen Unterschied hörst, ist ja alles gut.

Beste Grüße
Stefan
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#48
Der Autor bittet um Entschuldigung, wenn er erstens mit Verspärtung, zweitens selbst auf die Veröffentlichung seiner Arbeit verweist:

https://www.fktg.org/historie-magnetband...gnetophons

Mit dem Abdruck in FUNKGESCHICHTE (GFGF) ist das die zweite Veröffentlichung dieses Textes.

F.E.
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#49
Friedrich Engel,'index.php?page=Thread&postID=192195#post192195 schrieb:Mit dem Abdruck in FUNKGESCHICHTE (GFGF) ist das die zweite Veröffentlichung dieses Textes.
Glückwunsch! :thumbup:

Grüße, Peter
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#50
Heute ist der 80. Jahrestag !

Gruss

Willy
Im Einsatz: Braun TG 1000, ASC 6002, Revox A77, Tascam 48
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