Alten Aufnahmen HighCom entfernen
#15
Lieber Matthias,

dein Hinweis stimmt und stimmt nicht, denn er lässt außer Acht, dass das digitale System extrem empfindlich gegen Übersteuerungen ist. Es bereitet das Ende des Aussteuerungsbereiches ja nicht etwa durch 'Sättigungserscheinungen' vor, sondern fährt abrupt die fürchterlichst vorstellbare Übersteuerung (pures Krachen, 'Signal' wird korreliert und damit mono!). Die 10-ms-Regel der Analogen Aufnahme gilt daher nicht mehr.

Siehst du dir aber frühe Digitalsysteme (diesseits der Versuchsanlagen) an, stößt du sofort auf die Spuren unser beider Überlegungen: Man war anfänglich mit 10 Bit zufrieden -denn es entsprach ja rechnerisch den geläufigen 60 dB- und gab für obigen Sachverhalt 12 dB, also zwei Bit zu. Sonys PCM1 hatte, --- na, 12 Bit.

Schon bald stieß man aber auf die unter diesen Umständen (12 Bit) schlechte Auflösung bei niedrigen Pegeln und zusätzlich das unangenehme 'Funkelrauschen' der zwischen 0 und 1 hin- und herbrutzelnden Wandler, weshalb man zum PCM10 auf 14 Bit umstieg, verhält sich das menschliche Ohr doch diesen Geräuschen wie ein Spitzenwertempfänger....
Jetzt hatte man noch einmal 12 dB mehr Luft, oben sechs und unten sechs. So konzipierte die EIAJ dann auch den ersten Digitalstandard für Amateure ('F1 mit Emphasis'), der aber gerade für deren an Band und MC 'geschulte' Aussteuerungsgepflogenheiten doch mehr Probleme als Freuden bereitete, vom heftigen Preis einmal zu schweigen. Die Qualität indes war untadelig, wenn man mit dem Ding richtig umging, und halbwegs transportabel war es ja auch! Nachdem die Betamax-Bänder mittlerweile qualitativ deutlich angezogen hatten, erweiterte SONY den Standard kurzerhand dergestalt, dass man auf ein Korrekturwort pro Datenzeile verzichtete, womit die Datenworte der Zeile auf 16 Bit verlängert waren.

1978 und 1981 hatte Martin Fouquet bereits in viel beachteten Vorträgen auf den Tonmeistertagungen darauf hingewiesen, dass der Wunsch nach Erweiterung des Headrooms (der Aussteuerungsreserve) mit 14 Bit nicht zu befriedigen sei, denn man hatte sich damals natürlich auch schon an der hohen Schule des "Normalisierens" versucht und dabei, namentlich mit 14 Bit-Systemen (und oft mehrfacher AD-DA-Wandlung!), ordentlich Schiffbruch erlitten und damit festgestellt, dass derlei Praktiken nicht zum ordnungsgemäßen Umgang mit den an sich sehr hochwertigen Digitalsystemen gehörten.
Horst Jakubowski vom IRT stellte das dann 1984 nochmals auf statistisch gesicherte Beine, so dass man eigentlich von dieser Zeit an wusste, wo die Probleme lagen.
Wie wichtig das war, legt eine kleine Begegnung mit einem Kollegen beim Besuch der Münchener Oper (TMT 1981, glaube ich) dar, wo der mir sagte, das, was wir brauchten, seien die "Headrooms", und die gäbe es ja nun. Es gelang mir nicht, ihn davon zu überzeugen, dass diese infolge des Funkelrauschens unten und der bei digitalen Speichern kritischen Aussteuerung oben eigentlich noch nicht vorhanden wären. Er blieb bei seinen (theoretischen) 96 dB Dynamikumfang.
Ich bin jedoch bis heute der Ansicht, dass für übliche Anwendungen 16 Bit völlig genügen und nur der Produktionsprozess (Live-Übertragungen) 24 Bit ganz gut gebrauchen kann, eben wegen der Normalisiererei und des 'Fangens' z. B. kritischer Impulssignale wie dem eines Paukenschlages. Den kriegte man 'vorher' allerdings auch.
96 kHz hat bis heute niemand verbindlich gehört, wobei es auch bleiben wird.

Die analoge Technik breitet über vieles einen -bis hin zu den Fehlern der Tonmeister- freundlichen Mantel aus, den die digitale Technik mit ihrer Abbildungsschärfe radikal wegzieht, was vielleicht die Tonmeister weniger störte als die Laien, denen es eben nicht gefiel, am Mischpultausgang der Tonmeister zu hören, denn deren eigentümliches Verwirken von Musik und Technik ist dem Laien in der Regel fremd, sehr fremd, das heißt,die Hörgewohnheiten entwickeln sich in beiden Gruppen keineswegs parallel..

Nichtsdestoweniger hat die Digitaltechnik viele Diskssionen neu angestoßen, die zwar fast ausschließlich alter Schnee, jedoch durch entstandene Traditionen regelrecht verschüttet waren. Das Revival jedoch brachte dann auch die Wissenschaft auf den Plan, die ihrerseits Zusammnhänge klärte und erklärte, wobei wir viel lernten.

Dazu gehört auch die Gewissheit, dass 16 Bit immer besser sein werden, als die beste Analogmaschine je sein können wird/war, auch wenn das vielen nicht schmeckt. Es ist so, zumindest nach dem Kriterium, das ich gleich einführe.
Denn selbst wenn wir die Digitaltechnik auf nutzbare 10.000 Pegelstufen reduzieren, werden die gebildeten Enveloppen auf analogen Bandgeräten schon nach der zweiten Kopie so ungenau, dass das Ohr letztlich zwei neue Wellenzüge und nicht mehr die orignalen, einander kreuzenden Wellenzüge hören kann.
Ob die qualitative Forderung nach 10.000 oder mehr Pegelstufen nötig ist, also unser Ohr danach verlangt, das ist die Frage, denn gute Analogaufnahmen bweisen, dass eine Aufnahme nicht durch digitale Technik schön wird.

"Wie hältst du's mit der Religion", fragt Gretchen den Faust, als es zur Sache geht. Da sollten auch wir innehalten und fragen, ob aus dem ganzen Zirkus analog vs. digital ein "unnötig' Gesetz" (das sagte nun Luther) zu machen ist. Denn Vorzüge und Nachteile halten sich reizvoll die Waage, gerade auch, wenn man an die Dauerhaftigkeit gespeicherten Materiales denkt..

Geht es um Probleme (und deren Lösung!), dürfte die Digitaltechnik allemal die Nase vorn haben, geht es um verabsolutierte Klangqualität (Kriterium: gleicht ein Signal dem anderen?) genauso, geht es um Möglichkeiten (namentlich des Prouktionsprozesses) für die Zukunft auch. Damit ist letztlich klar, wohin der Zug fährt.
Fragen wir aber nach der Begreifbarkeit von Vorgängen als einem für unser Menschsein zentrales Phänomen, sollten wir uns besser um analoge Vorgänge kümmern, die übrigens in digitaler Verstärker- und Filtertechnik schlicht nachgestellt werden, und damit unter anderen Vorzeichen ansonsten fortleben. Ein paar Ausnahmen gibt es: So ist z. B. das 'Einfach-Rekursiv-Filter' für analoge Konstrukteure immer ein Wunschtraum geblieben, denn es war nicht stabil. Bei den Digitalisken aber funktioniert es...

Die Freude am analogen Gerät hat mich ja nun auch wieder vollkommen im Griff, nicht zuletzt deshalb, weil die Erwartungen, die ich mit der digitalen Revolution in musikalischer Hinsicht verband (ich bin Klassikmann, wenn man das mit der Vorstellung von 'unplugged' identifizieren kann) ebenso enttäuscht wurden, wie das durch die etwa 10 Jahre ältere "Originalklangbewegung", der ich selbst zugehöre, letztlich auch geschehen ist. Die Folgen beider 'Bewegungen' sind unübersehbar, haben aber in den letzten 30 Jahren nicht das erbracht, was möglich gewesen wäre.

Viele Dinge werden zu Sackgassen (gemacht?), auch wenn sie keine sind. Ich bin 'Menschs', vor allem 'Idealists' genug, um das hinzunehmen.

Hans-Joachim
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[Kein Betreff] - von Michael Franz - 12.11.2004, 13:58
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