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#29
Lieber Dirk,

herzlichen Dank für deine detaillierte Stellungnahme. Die Schwierigkeiten der DDR-Industrie, bei komplexem Konsumgut auf hinreichend hohe Fertigungsstückzahlen zu kommen, war ja eines ihrer wirtschaftlichen Probleme im Hochtechnolgiebereich, den sie daher in erster Linie als "Patentschmiede ersten Ranges" (so nannte ich das einmal) bediente. Die Preise mussten daher (B115) extrem hoch bleiben, ein -erfolgreiches!- Spekulieren auf einen Massenmarkt (wie bei der Studer-Revox-A700) war nicht umzusetzen. Die Last der Handelsbeschränkungen seitens der westlichen Halbleiterindustrie lassen wir dabei außen vor. Dabei können die von dir genannten Zahlen in der Vorstellung wahrscheinlich durchaus 1:1 gegen Westmark übernommen werden, obgleich die Löhne in der DDR nach den nackten Zahlen ja geringer waren als hier. Namentlich die auf den Massenabsatz konzipierten Amteurgeräte waren also erheblich teurer als hier. ---

Um es einmal dezidiert zu betonen: Deine Wünsche sprechen mir aus der Seele, die sich bei einer Verteidigung des allein auf Gewinnmaximierung bedachten Unternehmers sehr, sehr unwohl fühlt. Die allgemeinen Erfahrungen der letzten 25, vor allem der letzten 10 Jahre bestätigen mich in dieser Sicht.

Ähnlich wie du ("... hätte ich bei einer B77 zuallermindest erwartet...") sehe ich berufsmoralische Prinzipien als ebenso wichtig an wie ein ordentlich laufendes Geschäft, das ein Überleben 'des Ladens' sichert, da man vom Berufethos allein (ich bin das lebende Beispiel) nicht leben kann.
Mich selbst -immer Einzelkämpfer in einem klassischen Quersubventionsmarkt- kam das von dir prononciert behandelte 'Magnetbandgerätemechanikproblem' selbst recht sauer an, als ich vor knapp 30 Jahren gegen Ende meines Musik- und TM-Studiums an die Einrichtung einer eigenen Anlage höherer Qualitätskategorien denken musste, für deren Bandmaschinen mir damals bezüglich der A80 oder auch B67 einfach noch die notwendige 'Kohle' fehlte. Vom Bandlauf und den Kopfträgereigenschaften her dachte ich natürlich an die A700, die damals aber noch nicht nach 45513/2 (35µs) entzerrt erhältlich war und ebensowenig symmetrische Eingänge und Ausgänge aufwies, deren betriebliche Vorteile in größeren Anlagen aber -für mich unabdingbar- außer Frage standen. Es wurde dann die A77ORF, für die ich aber dasselbe bezahlen musste, wie für eine A700 im Einzelhandel zu löhnen war.

Das störte mich damals auch sehr, denn die Kopfträgereigenschaften und den schönen Bandlauf der A700 hätte ich für 2600,00 DM schon recht gerne 'mitgenommen'. Allein, es konnte nicht sein, die A77 taten ihre Arbeit gut, und die dreieinhalb mal so teuren B67 kamen ja auch bald. Außerdem verlor man den Boden der Amateurgeräte nicht gänzlich uner den Füßen.

Eine Anmerkung zur B77: Die B77 ist die A77 (für mich) bis ins Detail, lediglich periphere Bedienungsveränderungen (elektronisierte Schalter) und die längst überfällige Laufwerkslogik spendierte man der "bewährten Konstruktion", die ansonsten vor allem auch hinsichtlich der uns hier interessierenden Mechanik des Bandlaufes identisch blieb. Nachdem man auch an der für 1966 wieder beispielhaften Elektronik nur oberflächlich polierte, habe ich keinerlei Probleme, von einer Identität der Konstruktionen zu sprechen.

Warum auch? Mich fasziniert, ja korrumpiert der Gedanke, dass sich in unseren Tagen eine Konstruktion über rund dreißig behaupten kann und der Firma Studer finanziellen Rückhalt verschaffte, um anderweitig bespielhafte Entwicklungen voranzutreiben. So etwas ist in einer so ausgeprägten Form ja selten und wird in 'unserer Branche' vielleicht lediglich von der noch immer angebotenen M7-Kapsel Georg Neumanns übertroffen, die -wenn heute auch in Gefell- seit nun gut 70 Jahren im Lichte dieser Welt steht. Sennheiser hat zwar seine rund fünfzigjährigen MD21 und MD421, wobei deren prinzipielles, durch das technische Verfahren bestimmtes Leistungsniveau mit dem einer M7 und A77/B77/[PR99] füglich nicht in Bezug gesetzt werden sollte.

Nachdem die innere -und äußere- Anlage der A77 auch von einer beispielhaft aufgeräumt übersichtlichen Gestaltung ist, überkommt einen schon die Bewunderung für ein solches Ding, auch wenn sich hier bereits der neudeutsche 'Designer' -auf gut bayerisch- zu spielen beginnt. Infolgedessen durchlebte die Beurteilung der visuellen Erscheinung dieser Klassiker A50/76/77/78 ja auch wechselvolle Zeiten, ehe die Produktreihe heute fraglos als regelrechter Klassiker -auch im Design- uneingeschränkt akzeptiert wurde.

Dass der A50/76-Tuner von Studers Mann für die Hf (Ulrich Mathys) ein ähnlich langes Leben hatte wie die A77, technisch aber eher kompromissloser angelegt war, ist von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet geblieben. (UKW-)Technisch nämlich gibt es vom Konzept her praktisch keine Unterschiede zwischen dem A76 und dem späten 261, was einmal mehr für die Leistungsfähigkeit des unternehmenspolitischen Konzeptes der mittleren/späten 1960er Jahre bei Willi Studer spricht; so dies überhaupt vorlag, was ich nebenbei bezweifle. Es klappte halt und es kam dabei etwas heraus, was bei McKinsey (z.B. Reform der Bundesanstalt für Arbeit, Gutachten für die Ev. Landeskirche Bayerns) nun beim besten Willen nicht gesagt werden kann, obgleich allein das deren Unternehmensfokus ist.

Ich betreibe sowohl einen A76 (fast 30 Jahre) als auch einen B261, die beide am Breitbandkabel (A76 mit Dämpfungsglied, weil sonst der HF-Teil übersteuert würde) für das Ohr identische, bis heute nur durch das Verfahren UKW limitierte Ergebnisse erbringen, messtechnisch (Pilottondämpfung, Hf-Aussteuerbakeit, Drehko-Abstimmung vs. Synthesizer-Tuner) aber gewisse Unterschiede aufweisen. Der Drehko-Tuner arbeitet aber genauso trennscharf und stabil am heute voll gepackten UKW-Band wie sein in der Abstimmung modernisierter Bruder. Diese beiden Dinger überaus hoher Qualität erleben bei mir daher sicher in trauter Gemeinschaft das Ende der UKW-Zeit, sofern das mir selbst vergönnt bleibt.

Die Betrachtung solcher Sachverhalte (im Medienzeitalter) erreicht dann -wie ich meine- bereits kulturhistorische Dimensionen, die man gemeinhin mit elektrotechnischem Gerät nicht eben in Verbindung bringt. Angesichts dessen ist dann die Diskussion darüber, was nicht realisiert wurde, aber möglich gewesen wäre, akademisch, denn ein schöneres Denkmal hätte sich unser Willi aus Nassenwil nicht setzen können. Und es war ja nicht das einzige.

Ja, so sehe ich das (erstmal lang, wie gewöhnlich...).

Hans-Joachim
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