23.01.2006, 02:59
Die Sache lässt sich gegebenenfalls noch etwas weiter in die Vergangenheit zurückschieben, denn nach den Aussagen des amerikanischen Magnetbandhistorikers Steve Schoenherr (Geschichtsporfessor an der Universität von San Diego)
http://home.sandiego.edu/~ses/
kam das zweikanalige Magnecord PT-6 schon 1949 auf den Markt.
Dies Gerät weist einige Besonderheiten auf, denn es entstand sichtlich ohne Kenntnis des bereits seit 1938 existenten Zweikanaltonkopfes von Eduard Schüller und der RRG-Stereoaufnahmen. Aufgrund des schüllerschen Kopfprinzipes, das zwei Ringkerne übereinander anordnet, wurden die beiden Kanäle ohne Laufzeitverluste aufgezeichnet, was nicht zuletzt für das Funktionier des bei den RRG-Stereos angewendeten stereofonen Mikrofonierungsverfahrens von prinzipieller Bedeutung ist.
Magnecord setzte dagegen einfach einen zweiten, geometrisch und damit in der Zeitachse versetzten Monokopf zusätzlich auf den Kopfträger, was aber erhebliche Ansprüche an eine fremde Wiedergabeapparatur stellt, weil die Spaltabstände der beiden Kanalaufzeichnungen aufgrund der hohen Empfindlichkeit unseres Gehöres für interaurale Zeitdifferenzen auf weniger als 1/10 Millimeter gleich sein müssen. Die Sichtweise der Magnecord-Leute erinnert daher ein wenig an diejenige der neuzeitlichen Softwareindustrie bei der Verdopplung der Abtastraten: Man verdoppelt etwas, was schon vorhanden ist, und erhält ein neues Produkt, dessen Sinn aber nicht unbedingt einsehbar ist, sondern -im Gegenteil- zusätzliche Probleme schafft. Doch was interessiert das den Kaufmann.
Bei Magnecord befinden wir uns übrigens in unmittelbarer Nähe von Semi J. Begun, einem deutschen Magnetdrahtpionier jüdischer Glaubenszugehörigkeit, dem es gelang, als Mitarbeiter der Berliner Firmen Schuchardt und Lorenz (Magnetdrahtsektor) in seinem Heimatland bis 1935 zu überleben, dann aber doch auswandern musste, was ihm als altem Preußen nicht eben leicht geworden zu sein scheint. Seine Rolle bei Magnecord wird auf Schoenherrs Seiten angesprochen:
http://history.sandiego.edu/gen/recording/notes.html
http://history.sandiego.edu/gen/recordin...ecord.html
Anzumerken ist dabei, dass bei Schoenherr manche Daten schief sind (so kam Begun nach Schoenherr erst 1938 in die USA, was aber mit Beguns schriftlich greifbaren Lebenserinnerungen nicht zusammengeht. Es empfiehlt sich also gewisse Vorsicht bei der Übernahme der Sichten Schoenherrs.
Unser Forenkollege Friedrich traf Begun mehrfach zu ausgiebigen Gespächen, ehe Begun, auf den übrigens auch der Soundmirror (als Warenname und Gerät!) zurückgeht, 1995 in Cleveland, Ohio hochbetagt starb.
Nichtsdestoweniger war mit dem Zweikanal-PT-6 der Magnecord Inc. ein Stereo-, vielleicht besser Zweikanalgerät da, bei dem ich allerdings gewisse Zweifel zur größeren Verbreitung unter Amateuren zu Stereoaufnahmezwecken hege, da die stereofone Technik zu dieser Zeit ja noch nicht einmal in Akustikerkreisen annähernd durchschaut war. Was sollte dann ein Amateur mit jenem 'Stereo-Feature', zumal er er für die Wiedergabe ja auch noch eine komplette Wandlerausstattung in doppelter und damit doppelt teurer Ausführung benötigte. Einschlägige Schallplatten, die nachzuahmen gewesen wären, gab es ja auch noch nicht.
Ich will damit nicht die Rolle der Amateure in der Stereofoniegeschichte kleinreden, sie ist nach WK II bedeutend genug (Studio Fink, München!), nur müsste man zur Klärung der US-Szene von 1948 hinsichtlich der Käuferklientel schon sehr genau hinsehen, ob unsere 'nachgeborenen' Vorstellungen nicht doch etwas in die Situation hineingeheimnissen, was schlicht nicht drin war.
Hans-Joachim
http://home.sandiego.edu/~ses/
kam das zweikanalige Magnecord PT-6 schon 1949 auf den Markt.
Dies Gerät weist einige Besonderheiten auf, denn es entstand sichtlich ohne Kenntnis des bereits seit 1938 existenten Zweikanaltonkopfes von Eduard Schüller und der RRG-Stereoaufnahmen. Aufgrund des schüllerschen Kopfprinzipes, das zwei Ringkerne übereinander anordnet, wurden die beiden Kanäle ohne Laufzeitverluste aufgezeichnet, was nicht zuletzt für das Funktionier des bei den RRG-Stereos angewendeten stereofonen Mikrofonierungsverfahrens von prinzipieller Bedeutung ist.
Magnecord setzte dagegen einfach einen zweiten, geometrisch und damit in der Zeitachse versetzten Monokopf zusätzlich auf den Kopfträger, was aber erhebliche Ansprüche an eine fremde Wiedergabeapparatur stellt, weil die Spaltabstände der beiden Kanalaufzeichnungen aufgrund der hohen Empfindlichkeit unseres Gehöres für interaurale Zeitdifferenzen auf weniger als 1/10 Millimeter gleich sein müssen. Die Sichtweise der Magnecord-Leute erinnert daher ein wenig an diejenige der neuzeitlichen Softwareindustrie bei der Verdopplung der Abtastraten: Man verdoppelt etwas, was schon vorhanden ist, und erhält ein neues Produkt, dessen Sinn aber nicht unbedingt einsehbar ist, sondern -im Gegenteil- zusätzliche Probleme schafft. Doch was interessiert das den Kaufmann.
Bei Magnecord befinden wir uns übrigens in unmittelbarer Nähe von Semi J. Begun, einem deutschen Magnetdrahtpionier jüdischer Glaubenszugehörigkeit, dem es gelang, als Mitarbeiter der Berliner Firmen Schuchardt und Lorenz (Magnetdrahtsektor) in seinem Heimatland bis 1935 zu überleben, dann aber doch auswandern musste, was ihm als altem Preußen nicht eben leicht geworden zu sein scheint. Seine Rolle bei Magnecord wird auf Schoenherrs Seiten angesprochen:
http://history.sandiego.edu/gen/recording/notes.html
http://history.sandiego.edu/gen/recordin...ecord.html
Anzumerken ist dabei, dass bei Schoenherr manche Daten schief sind (so kam Begun nach Schoenherr erst 1938 in die USA, was aber mit Beguns schriftlich greifbaren Lebenserinnerungen nicht zusammengeht. Es empfiehlt sich also gewisse Vorsicht bei der Übernahme der Sichten Schoenherrs.
Unser Forenkollege Friedrich traf Begun mehrfach zu ausgiebigen Gespächen, ehe Begun, auf den übrigens auch der Soundmirror (als Warenname und Gerät!) zurückgeht, 1995 in Cleveland, Ohio hochbetagt starb.
Nichtsdestoweniger war mit dem Zweikanal-PT-6 der Magnecord Inc. ein Stereo-, vielleicht besser Zweikanalgerät da, bei dem ich allerdings gewisse Zweifel zur größeren Verbreitung unter Amateuren zu Stereoaufnahmezwecken hege, da die stereofone Technik zu dieser Zeit ja noch nicht einmal in Akustikerkreisen annähernd durchschaut war. Was sollte dann ein Amateur mit jenem 'Stereo-Feature', zumal er er für die Wiedergabe ja auch noch eine komplette Wandlerausstattung in doppelter und damit doppelt teurer Ausführung benötigte. Einschlägige Schallplatten, die nachzuahmen gewesen wären, gab es ja auch noch nicht.
Ich will damit nicht die Rolle der Amateure in der Stereofoniegeschichte kleinreden, sie ist nach WK II bedeutend genug (Studio Fink, München!), nur müsste man zur Klärung der US-Szene von 1948 hinsichtlich der Käuferklientel schon sehr genau hinsehen, ob unsere 'nachgeborenen' Vorstellungen nicht doch etwas in die Situation hineingeheimnissen, was schlicht nicht drin war.
Hans-Joachim
