20.06.2025, 01:07
Wie nähert man sich etwas, von dem man eigentlich keine Ahnung hat? Man geht darauf zu, fixiert es dabei mit festem Blick, täuscht Selbstvertrauen vor, und prüft, ob es sich zum Angriff anspannt oder zur Flucht abwendet.
Beim Elektro-Gerät braucht man nicht aufzupassen, ob es beißt, zumindest solange der Stecker nicht in der Steckdose steckt. Bei meinem war der abgeschnitten. Insofern drohte keine Gefahr … und keine Funktion.
Also zunächst mal Service Manual besorgen, recherchieren, „Einlesen“, theoretisch nähern, und hoffen, dass die Anderen Ahnung haben. Dabei die typischen Internet-Orte meiden und nach Primär-Quellen suchen, bei den Sekundärquellen vorsichtig sein.
Und bevor man dann seine nicht selbst gemachten Erfahrungen als eigene weiter geben will. beginnt man mit einer „Einleitung“ und vielleicht mit etwas Kontext.
Eine Einleitung ...
Das Eine oder Andere, von dem ich mir einbilde, ich würde bald beginnen daran herum zu basteln, lagere ich erst mal in meiner Wohnbereichsanhangshöhle. Dort wird es dann gerne mal ... vergessen.
Seit einiger Zeit stoße ich in der Wohn-Höhle immer mal wieder auf zwei aufeinander gestapelte Geräte, die den Eindruck erwecken, Aufmerksamkeit zu erwarten: Sie stehen mal hier, mal da, ohne dass ich mich erinnern könnte, sie "hier" oder "da" hin gestellt zu haben. Da sie definitiv keine Beine haben und bei mir zuhause eher keine starken Winde herrschen, die sie von der Wohnbereichsanhangshöhle in den Wohnbereich getrieben haben könnten, kann das eigentlich nur mit dem unterschiedlichen Einfluss der Erd-Rotation auf Dinge unterschiedlichen spezifischen Gewichts zu tun haben, was eigentlich nie eine Konsequenz hat, aber eben einmal doch: ein „Glitch“. Oder es gibt den Pumuckl, Schlümpfe‚ Gremlins oder die Wombles doch.
Dabei sehen die Geräte selber eher zurückhaltend aus: Flache Metall-Front, gebürstet, zwei Schalter, ein Regler, drei LEDs, kein Tonarm-Lift. Und das Wort-Logo „Garrard“.
… und etwas Geschichte
Garrard? Genau, „theoretisch nähern“: Eintippen, und die Suchmaschine bietet zur Antwort die typischen Internet-Orte. Primärquellen sind ja langweilig.
Zur Erklärung: Das letzte Betriebssystem-Update scheint die Suchmaschine meiner Wahl rausgeschmissen zu haben und durch die ersetzt, die mir sagt, was ich finden soll: Garrard. Ein Synonym für edlen Schmuck.
„… 1721 … Garrard and Company appointed Crown Jewellers of London. …“ schrieb „Steve M“ in einem Blog auf MULLARD.ORG [1]. REEL-REEL.COM veröffentlicht, „… 1735 – George Wickes founded Garrard and Company in London and appointed as Crown Jewellers of London. …“ [2]
Zwei Suchergebnisse, zu Beginn gleich sieben Fakten, aber ...
Anno 1722 trug George Wickes, so unter anderem die deutsche Wikipedia [3], seine „Marke“, gemeint ist wohl eine Repunze, in das Zunft-Buch der Londoner Goldschmiedezunft ein. Bandmaschinen baute Wickes damals freilich nicht. Vermutlich. Ein guter Grund, in diesem Forum einmal über Goldschmiede zu schreiben.
Warum ich ausgerechnet Wickes hier erwähne?
Vielleicht, weil ich im GUIDE TO SWINDON [4] finde, „… The story begins right back in 1735 - long before the invention of the gramophone - when Garrard's began to make a name as producers of some of the world's finest jewellery. …“
Vielleicht weil Wickes schon kurz nach der Gründung seiner Firma, 1735, Hoflieferant von Friedrich Ludwig von Hannover wurde, dem Fürsten von Wales. [3]
Bandmaschinen lieferte Wickes jedoch auch ab 1735 weder nach Wales, noch nach Hannover. Vermutlich.
Was lerne ich also aus der Wahrheit des Internets? In Gedenken an die bald zweihundert Jahre später erstmals in Swindon gebauten Plattenspieler einer britischen Marke „Garrard“, hat George Wickes, 1721 … oder 1735, seine Londoner Firma „Garrard“ benannt und wurde schon achtzig Jahre nach seinem Tod, persönlich, Hofjuwelier der Krone. Nicht jedoch Hof-Plattenspieler-Lieferant.
Anno 1792 wurde Robert Garrard Partner in Wickes ehemaliger Firma und übernahm 1802 die Kontrolle. Auch er hat jedoch immer noch keine Bandmaschinen gebaut. Vermutlich.
Die eben erwähnte Wahrheit des Internet scheint, im Kontext des Eintrags „Garrard & Co.“ in der deutschen Wikipedia [3], die Schlussfolgerung zu erlauben, Wickes hätte, 29 Jahre nach seinem Tod, entweder einen bis dato Nachnamen-losen „Robert“ zum „Garrard“ und dann zum Partner gemacht, oder ihn lediglich passend zur Marke ausgewählt gehabt. Wahrscheinlich mit Hilfe einer Suchmaschine.
Andere Quellen sehen das freilich anders. So ist das heute mit der Wahrheit.
Ja, im Internet steht viel Unsinn und mancher davon stammt von mir, jedoch bisher noch nichts zum Thema „Garrard“. Tatsächlich habe ich überhaupt keine Ahnung von Schmuck.
Um die zumindest vordergründig Sinnlosigkeit meiner Einleitung etwas abzumildern, darf ich zumindest bestätigen, dass die Firma R&S Garrard (Robert & Sebastian Garrard), 1843, also nur knapp nach 1721, und noch knapper nach 1735, von Königin Victoria zum Hofjuwelier ernannt worden ist und für mehrere Regenten die Kronjuwelen kreiert und gepflegt hat [5]. Allerdings keine königlichen Bandmaschinen! Auch später nicht. Da bin ich mir ziemlich sicher.
Und nun ist die „Einleitung“ endgültig zu Ende, die „Geschichte“ jedoch noch nicht ganz.
Der Juwelier Garrard & Co. Ltd., so die Bezeichnung des Juwelier-Geschäftes ab 1898 [26], nicht 1721 und auch nicht 1735!, gehörte wohl zu den Firmen, die sich zu Zeiten des ersten Weltkrieges, aus aktuellem Anlass, zumindest neben dem Schmuck, mit neuen Produkten beschäftigt hatte: Entwicklungen und Erfahrungen um Waffenmechanik, so zu Sucher-Systemen für Artillerie, aber auch allgemein verwendbare Hilfsmittel sollen entstanden sein.
Am 2.12.1915, nach dem Krieg, hat die Garrard & Co. die Produkte außerhalb des Schmuck-Geschäftes in eine dafür neu gegründete zweite Firma, The Garrard Engineering and Manufacturing Company Ltd., out-ge-sourced. Darunter, so wird, zumindest an manchen Stellen im Internet, der britische Helden-Epos fort geführt, auch ein in Kriegs-Zeiten entstandener Federwerk-Motor, der dann zur Entwicklung eines eigenen Phonographen geführt haben soll.
Tatsächlich berichtet MULLARD.ORG [1] unter Verweis auf eine Aussteller-Liste [6], habe Garrard bereits 1922 auf der British Industries Fair (Stand Nr. B25) Federwerk-Motoren, „Pressed Steel Turntables“, Brems- und Wickel-Vorrichtungen gezeigt. Bisher kamen Motoren britischer Phonographen aus der Schweiz oder aus Deutschland, nun auch aus Swindon. Garrard-Phonographen habe es allerdings noch nicht gegeben.
GRACES’s GUIDE TO BRITISH INDUSTRIAL HISTORY veröffentlicht, „… 1930 The motor development programme led to the first Garrard gramophone. Previously the company had only produced motors for its own customers. …“ [7]
Patent-Eintragungen zu Garrard berichten von Werkzeug-Haltern und von Mikrometrischen Meßwerkzeugen, die zunächst in Nachkriegszeiten patentiert worden sind. Erst am 13.04.1924 beantragte Garrard eine Verbesserung von und bezogen auf Grammophon Plattenspieler und dergleichen (GB000000216823A). Im gleichen Jahr wurde ein Patent für eine Verbesserung an und in Bezug auf Haltevorrichtungen für die Griffe von Wickelgriffen (GB000000223474A) beantragt, deren Ziel vor allem die Vergünstigung der Produktion von Wickel-Vorrichtungen gewesen war. Erst am 17.03.1925 wurde ein Patent um einen Federwerks-Motor beantragt (GB000000246689A) und am 19.02.1927 eines zur Verbesserungen an und in Bezug auf Regler für Motoren von Sprechmaschinen (GB000000284096A). Von nun an folgten Patente zu Entwicklungen zur Plattenspieler-Technik und dergleichen, natürlich für einen Kühlschrank – jeder hat sich anscheinend mal an Kühlschränken versucht, auch Saba - und, 1959, für einen „magnetic tape recorder apparatus“ (GB000000897761A).
Jenen, die jetzt in freudiger Erwartung auf eine detailliertere Beschreibung eines Garrard Tonbandgerätes von mir hoffen, darf ich in der mir eigenen, ausufernden Weise antworten: nein.
Die Erwähnung von „Saba“ an dieser Stelle dient übrigens ausschließlich dem „wichtig Tun“ und hat absolut keine inhaltliche Bedeutung für Garrard und steht in keinem Zusammenhang mit dem Gerät, über das ich bisher immer noch nicht berichte.
Garrard-Plattenspieler, mit der Marke der Krone des Hofjuweliers über einem „G“, wurden schnell international zu einem Begriff und fanden ihren Weg selbst in die besten Radio-Sets.
„During the past ten years I have repeatedly challenged the whole world of radio to any kind of competitive test, but during this period not a single manufacturer has been willing to accept this challenge.“ [8],
Ein Vergleich [17] zwischen Garrard- und RCA-Chassis aus dem Jahre 1940 legt nahe, warum die Briten unter den amerikanischen Nobel-Herstellern so beliebt gewesen waren: Vor allem in der Verarbeitung und der Betriebssicherheit soll Garrard überlegen gewesen sein.
Zeitgenössische Test der Verbraucherschutz-Organisation Consumers Union von Plattenspielern, Radio-Receivern, selbst von HiFi-Sets machen deutlich, warum. Im August 1941 hatte sich deren REPORT sogar gezwungen gesehen, ausdrücklich vor einem UKW-Set eines prominenten Herstellers zu warnen! Das war nicht defekt, sondern einfach nur richtig schlecht, aber natürlich als „High Fidelity“ deklariert gewesen. Der Herausgeber Milton Blake Sleeper zitierte im Jahre 1942 den ehemaligen technischen Direktor des Radio-Senders WPB, R.C. Berner, mit dessen Einschätzung zu der bisherigen Fertigungs-Qualität von nun auf die Kriegsproduktion umgestellten amerikanischen Radio-Set-Hersteller: „… Whereas home sets had beed reduced in recent years (...) to the cheapest kind of designs, materials, and production and test methods ... in the sketchy laboratories of most radio factories. … Much new production machinery is now being added, required for mechanical designs never built into the junk sets sold by the million to American listeners. ...“ [18]
Also kauften die Nobel-Hersteller, anders als die „Junk Set“-Lieferanten, in England zu. Auch Avery Fisher. Bis deutsche U-Boote, ab 1941, weitere Plattenspieler-Lieferungen aus Europa unterbanden und die amerikanischen Set-Hersteller auf die amerikanischen Plattendreher zurück warfen. Daher steht im Museum ein The Philharmonic Futura K-1 ohne Garrard-Dreher. Und The Garrard Engineering and Manufacturing Company Ltd. wurde wieder auf Kriegsproduktion umgestellt.
1945 wurden das Schmuck-Geschäft der Garrard & Co. und der Bereich Mechanik, The Garrard Engineering and Manufacturing Company Ltd., rechtlich getrennt. Wahrscheinlich war die Zeit von vergoldeten Plattenspielern noch nicht gekommen, und die von Diamanten-besetzter Wehrtechnik auch noch nicht.
Garrards Plattenspieler könnten eine andere Geschichte werden. Die endete jedoch zunächst einmal 1958, mit einem Brand.
Mit Hilfe der 1917 gegründeten Plessey Company Ltd., einem Konzern mit den Schwerpunkten Elektronik, Verteidigung und Telekommunikation, seit den 20er Jahren erfolgreicher Radio-Geräte-Hersteller, der sogar das erste transportable Radiogerät Großbritanniens entwickelt haben soll, konnte zunächst einmal die Produktion für Garrard aufrecht erhalten werden, denn der Mitbewerber Plessey hatte der in Not geratenen Garrard Produktionsflächen zur Verfügung gestellt.
Über das erste britische Kofferradio schreibe ich hier übrigens nicht.
1960 wurde The Garrard Engineering and Manufacturing Company Ltd., jetzt als Garrard Engineering Ltd., Teil des Plessey-Konzerns.
Und unter der Führung einer neuen Geschäftsführung stellte Garrard 1961 ein erstes Kassetten-Tonbandgerät vor, das sich jedoch nicht gegen die Philips Compact Cassette durchsetzen konnte. Ein guter Grund, darüber zu schreiben! Hier jedoch definitiv nicht!
Beim Elektro-Gerät braucht man nicht aufzupassen, ob es beißt, zumindest solange der Stecker nicht in der Steckdose steckt. Bei meinem war der abgeschnitten. Insofern drohte keine Gefahr … und keine Funktion.
Also zunächst mal Service Manual besorgen, recherchieren, „Einlesen“, theoretisch nähern, und hoffen, dass die Anderen Ahnung haben. Dabei die typischen Internet-Orte meiden und nach Primär-Quellen suchen, bei den Sekundärquellen vorsichtig sein.
Und bevor man dann seine nicht selbst gemachten Erfahrungen als eigene weiter geben will. beginnt man mit einer „Einleitung“ und vielleicht mit etwas Kontext.
Eine Einleitung ...
Das Eine oder Andere, von dem ich mir einbilde, ich würde bald beginnen daran herum zu basteln, lagere ich erst mal in meiner Wohnbereichsanhangshöhle. Dort wird es dann gerne mal ... vergessen.
Seit einiger Zeit stoße ich in der Wohn-Höhle immer mal wieder auf zwei aufeinander gestapelte Geräte, die den Eindruck erwecken, Aufmerksamkeit zu erwarten: Sie stehen mal hier, mal da, ohne dass ich mich erinnern könnte, sie "hier" oder "da" hin gestellt zu haben. Da sie definitiv keine Beine haben und bei mir zuhause eher keine starken Winde herrschen, die sie von der Wohnbereichsanhangshöhle in den Wohnbereich getrieben haben könnten, kann das eigentlich nur mit dem unterschiedlichen Einfluss der Erd-Rotation auf Dinge unterschiedlichen spezifischen Gewichts zu tun haben, was eigentlich nie eine Konsequenz hat, aber eben einmal doch: ein „Glitch“. Oder es gibt den Pumuckl, Schlümpfe‚ Gremlins oder die Wombles doch.
Dabei sehen die Geräte selber eher zurückhaltend aus: Flache Metall-Front, gebürstet, zwei Schalter, ein Regler, drei LEDs, kein Tonarm-Lift. Und das Wort-Logo „Garrard“.
… und etwas Geschichte
Garrard? Genau, „theoretisch nähern“: Eintippen, und die Suchmaschine bietet zur Antwort die typischen Internet-Orte. Primärquellen sind ja langweilig.
Zur Erklärung: Das letzte Betriebssystem-Update scheint die Suchmaschine meiner Wahl rausgeschmissen zu haben und durch die ersetzt, die mir sagt, was ich finden soll: Garrard. Ein Synonym für edlen Schmuck.
„… 1721 … Garrard and Company appointed Crown Jewellers of London. …“ schrieb „Steve M“ in einem Blog auf MULLARD.ORG [1]. REEL-REEL.COM veröffentlicht, „… 1735 – George Wickes founded Garrard and Company in London and appointed as Crown Jewellers of London. …“ [2]
Zwei Suchergebnisse, zu Beginn gleich sieben Fakten, aber ...
Anno 1722 trug George Wickes, so unter anderem die deutsche Wikipedia [3], seine „Marke“, gemeint ist wohl eine Repunze, in das Zunft-Buch der Londoner Goldschmiedezunft ein. Bandmaschinen baute Wickes damals freilich nicht. Vermutlich. Ein guter Grund, in diesem Forum einmal über Goldschmiede zu schreiben.
Warum ich ausgerechnet Wickes hier erwähne?
Vielleicht, weil ich im GUIDE TO SWINDON [4] finde, „… The story begins right back in 1735 - long before the invention of the gramophone - when Garrard's began to make a name as producers of some of the world's finest jewellery. …“
(... Die Geschichte beginnt im Jahr 1735 - lange vor der Erfindung des Grammophons – als die Garrard's begannen, sich einen Namen als Hersteller einiger der edelsten Schmuckstücke der Welt zu machen. ...)
Vielleicht weil Wickes schon kurz nach der Gründung seiner Firma, 1735, Hoflieferant von Friedrich Ludwig von Hannover wurde, dem Fürsten von Wales. [3]
Bandmaschinen lieferte Wickes jedoch auch ab 1735 weder nach Wales, noch nach Hannover. Vermutlich.
Was lerne ich also aus der Wahrheit des Internets? In Gedenken an die bald zweihundert Jahre später erstmals in Swindon gebauten Plattenspieler einer britischen Marke „Garrard“, hat George Wickes, 1721 … oder 1735, seine Londoner Firma „Garrard“ benannt und wurde schon achtzig Jahre nach seinem Tod, persönlich, Hofjuwelier der Krone. Nicht jedoch Hof-Plattenspieler-Lieferant.
Anno 1792 wurde Robert Garrard Partner in Wickes ehemaliger Firma und übernahm 1802 die Kontrolle. Auch er hat jedoch immer noch keine Bandmaschinen gebaut. Vermutlich.
Die eben erwähnte Wahrheit des Internet scheint, im Kontext des Eintrags „Garrard & Co.“ in der deutschen Wikipedia [3], die Schlussfolgerung zu erlauben, Wickes hätte, 29 Jahre nach seinem Tod, entweder einen bis dato Nachnamen-losen „Robert“ zum „Garrard“ und dann zum Partner gemacht, oder ihn lediglich passend zur Marke ausgewählt gehabt. Wahrscheinlich mit Hilfe einer Suchmaschine.
Andere Quellen sehen das freilich anders. So ist das heute mit der Wahrheit.
Ja, im Internet steht viel Unsinn und mancher davon stammt von mir, jedoch bisher noch nichts zum Thema „Garrard“. Tatsächlich habe ich überhaupt keine Ahnung von Schmuck.
Um die zumindest vordergründig Sinnlosigkeit meiner Einleitung etwas abzumildern, darf ich zumindest bestätigen, dass die Firma R&S Garrard (Robert & Sebastian Garrard), 1843, also nur knapp nach 1721, und noch knapper nach 1735, von Königin Victoria zum Hofjuwelier ernannt worden ist und für mehrere Regenten die Kronjuwelen kreiert und gepflegt hat [5]. Allerdings keine königlichen Bandmaschinen! Auch später nicht. Da bin ich mir ziemlich sicher.
Und nun ist die „Einleitung“ endgültig zu Ende, die „Geschichte“ jedoch noch nicht ganz.
Der Juwelier Garrard & Co. Ltd., so die Bezeichnung des Juwelier-Geschäftes ab 1898 [26], nicht 1721 und auch nicht 1735!, gehörte wohl zu den Firmen, die sich zu Zeiten des ersten Weltkrieges, aus aktuellem Anlass, zumindest neben dem Schmuck, mit neuen Produkten beschäftigt hatte: Entwicklungen und Erfahrungen um Waffenmechanik, so zu Sucher-Systemen für Artillerie, aber auch allgemein verwendbare Hilfsmittel sollen entstanden sein.
Am 2.12.1915, nach dem Krieg, hat die Garrard & Co. die Produkte außerhalb des Schmuck-Geschäftes in eine dafür neu gegründete zweite Firma, The Garrard Engineering and Manufacturing Company Ltd., out-ge-sourced. Darunter, so wird, zumindest an manchen Stellen im Internet, der britische Helden-Epos fort geführt, auch ein in Kriegs-Zeiten entstandener Federwerk-Motor, der dann zur Entwicklung eines eigenen Phonographen geführt haben soll.
Tatsächlich berichtet MULLARD.ORG [1] unter Verweis auf eine Aussteller-Liste [6], habe Garrard bereits 1922 auf der British Industries Fair (Stand Nr. B25) Federwerk-Motoren, „Pressed Steel Turntables“, Brems- und Wickel-Vorrichtungen gezeigt. Bisher kamen Motoren britischer Phonographen aus der Schweiz oder aus Deutschland, nun auch aus Swindon. Garrard-Phonographen habe es allerdings noch nicht gegeben.
GRACES’s GUIDE TO BRITISH INDUSTRIAL HISTORY veröffentlicht, „… 1930 The motor development programme led to the first Garrard gramophone. Previously the company had only produced motors for its own customers. …“ [7]
(... 1930 Das Motorenentwicklungsprogramm führte zum ersten Garrard Grammophon. Bis dahin hatte das Unternehmen Motoren nur für seine eigenen Kunden hergestellt. ...)
Als OEM-Hersteller für andere.Patent-Eintragungen zu Garrard berichten von Werkzeug-Haltern und von Mikrometrischen Meßwerkzeugen, die zunächst in Nachkriegszeiten patentiert worden sind. Erst am 13.04.1924 beantragte Garrard eine Verbesserung von und bezogen auf Grammophon Plattenspieler und dergleichen (GB000000216823A). Im gleichen Jahr wurde ein Patent für eine Verbesserung an und in Bezug auf Haltevorrichtungen für die Griffe von Wickelgriffen (GB000000223474A) beantragt, deren Ziel vor allem die Vergünstigung der Produktion von Wickel-Vorrichtungen gewesen war. Erst am 17.03.1925 wurde ein Patent um einen Federwerks-Motor beantragt (GB000000246689A) und am 19.02.1927 eines zur Verbesserungen an und in Bezug auf Regler für Motoren von Sprechmaschinen (GB000000284096A). Von nun an folgten Patente zu Entwicklungen zur Plattenspieler-Technik und dergleichen, natürlich für einen Kühlschrank – jeder hat sich anscheinend mal an Kühlschränken versucht, auch Saba - und, 1959, für einen „magnetic tape recorder apparatus“ (GB000000897761A).
Jenen, die jetzt in freudiger Erwartung auf eine detailliertere Beschreibung eines Garrard Tonbandgerätes von mir hoffen, darf ich in der mir eigenen, ausufernden Weise antworten: nein.
Die Erwähnung von „Saba“ an dieser Stelle dient übrigens ausschließlich dem „wichtig Tun“ und hat absolut keine inhaltliche Bedeutung für Garrard und steht in keinem Zusammenhang mit dem Gerät, über das ich bisher immer noch nicht berichte.
Garrard-Plattenspieler, mit der Marke der Krone des Hofjuweliers über einem „G“, wurden schnell international zu einem Begriff und fanden ihren Weg selbst in die besten Radio-Sets.
„During the past ten years I have repeatedly challenged the whole world of radio to any kind of competitive test, but during this period not a single manufacturer has been willing to accept this challenge.“ [8],
(In den letzten zehn Jahren habe ich die gesamte Radiowelt wiederholt zu einem Wettbewerbstest herausgefordert, aber in dieser Zeit war kein einziger Hersteller bereit, diese Herausforderung anzunehmen.)
ist von dem Neuseeländer Ernest H. Scott aus Chicago aus dem Jahre 1935 überliefert. Er hatte den Anspruch gehabt, die empfindlichsten AM-Radios der Welt zu bauen und hatte, passend dazu, bis in die Kriegszeiten hinein, Garrard-Plattenspieler in seine Radio-Sets eingesetzt, so zum Beispiel den „… Deluxe Scott changer (which is made to our specifications by the Garrard Company and has a very high quality magnetic head). ...“ [20](... Deluxe Scott-Wechsler (der nach unseren Spezifikationen von der Firma Garrard hergestellt wird und einen sehr hochwertigen magnetischen Kopf hat). ...)
Ebenso verwendete Avery Fisher’s und Victor Brociner’s The Philharmonic Garrard-Plattenspieler, deren Futura K-1-Set vom Smithsonian Museum of American History zu „American's first High Fidelity Receiver“ [16] erkoren und in die dauernde Ausstellung aufgenommen worden ist.Ein Vergleich [17] zwischen Garrard- und RCA-Chassis aus dem Jahre 1940 legt nahe, warum die Briten unter den amerikanischen Nobel-Herstellern so beliebt gewesen waren: Vor allem in der Verarbeitung und der Betriebssicherheit soll Garrard überlegen gewesen sein.
Zeitgenössische Test der Verbraucherschutz-Organisation Consumers Union von Plattenspielern, Radio-Receivern, selbst von HiFi-Sets machen deutlich, warum. Im August 1941 hatte sich deren REPORT sogar gezwungen gesehen, ausdrücklich vor einem UKW-Set eines prominenten Herstellers zu warnen! Das war nicht defekt, sondern einfach nur richtig schlecht, aber natürlich als „High Fidelity“ deklariert gewesen. Der Herausgeber Milton Blake Sleeper zitierte im Jahre 1942 den ehemaligen technischen Direktor des Radio-Senders WPB, R.C. Berner, mit dessen Einschätzung zu der bisherigen Fertigungs-Qualität von nun auf die Kriegsproduktion umgestellten amerikanischen Radio-Set-Hersteller: „… Whereas home sets had beed reduced in recent years (...) to the cheapest kind of designs, materials, and production and test methods ... in the sketchy laboratories of most radio factories. … Much new production machinery is now being added, required for mechanical designs never built into the junk sets sold by the million to American listeners. ...“ [18]
(... Während die Heimgeräte in den letzten Jahren (...) auf die billigste Art von Entwürfen, Materialien und Produktions- und Testmethoden in den dürftigen Labors der meisten Radiofabriken reduziert worden waren ... werden jetzt viele neue Produktionsmaschinen hinzugefügt, die für mechanische Konstruktionen erforderlich sind, wie sie niemals in die Schrottgeräte eingebaut worden sind, die millionenfach an amerikanische Hörer verkauft wurden. ...)
Also kauften die Nobel-Hersteller, anders als die „Junk Set“-Lieferanten, in England zu. Auch Avery Fisher. Bis deutsche U-Boote, ab 1941, weitere Plattenspieler-Lieferungen aus Europa unterbanden und die amerikanischen Set-Hersteller auf die amerikanischen Plattendreher zurück warfen. Daher steht im Museum ein The Philharmonic Futura K-1 ohne Garrard-Dreher. Und The Garrard Engineering and Manufacturing Company Ltd. wurde wieder auf Kriegsproduktion umgestellt.
1945 wurden das Schmuck-Geschäft der Garrard & Co. und der Bereich Mechanik, The Garrard Engineering and Manufacturing Company Ltd., rechtlich getrennt. Wahrscheinlich war die Zeit von vergoldeten Plattenspielern noch nicht gekommen, und die von Diamanten-besetzter Wehrtechnik auch noch nicht.
Garrards Plattenspieler könnten eine andere Geschichte werden. Die endete jedoch zunächst einmal 1958, mit einem Brand.
Mit Hilfe der 1917 gegründeten Plessey Company Ltd., einem Konzern mit den Schwerpunkten Elektronik, Verteidigung und Telekommunikation, seit den 20er Jahren erfolgreicher Radio-Geräte-Hersteller, der sogar das erste transportable Radiogerät Großbritanniens entwickelt haben soll, konnte zunächst einmal die Produktion für Garrard aufrecht erhalten werden, denn der Mitbewerber Plessey hatte der in Not geratenen Garrard Produktionsflächen zur Verfügung gestellt.
Über das erste britische Kofferradio schreibe ich hier übrigens nicht.
1960 wurde The Garrard Engineering and Manufacturing Company Ltd., jetzt als Garrard Engineering Ltd., Teil des Plessey-Konzerns.
Und unter der Führung einer neuen Geschäftsführung stellte Garrard 1961 ein erstes Kassetten-Tonbandgerät vor, das sich jedoch nicht gegen die Philips Compact Cassette durchsetzen konnte. Ein guter Grund, darüber zu schreiben! Hier jedoch definitiv nicht!
