Tonbandkennlinien - Bitte um fachkundigen, sachlichen Rat/Bestätigung/Korrektur o.ä.
#14
Oje... Wahrscheinlich wäre "treffen, diskutieren und an der Maschine ausprobieren" letztlich schneller gegangen... Wohlan:

(10.11.2022, 19:35)SevenTeaLights schrieb: Frage 3: Biasing auf Norm versus minimalem K3 versus Hersteller-Empfehlung ?

Generell: Der Band-Hersteller gibt eine Empfehlung für einen guten Arbeitspunkt ab. Dahinter steckt letztlich ein Kompromiss aus Klirrfaktor, Höhenaussteuerbarkeit und Modulationsrauschen. Den kann der erfahrene Anwender auch nach eigenem Belieben verändern. Oft ist das K3-Minimum auch schon die Hersteller-Empfehlung. Lies dazu auch mal den Vergleichstest Spulentonbänder aus HiFi exclusiv 7/1980, auf der Seite von Ulrich Theimann.

(Meine Intention wäre ja, dass Du so viel Land gewinnst, dass Du am Ende souverän einen eigenen Arbeitspunkt wählen kannst, der von der Herstellervorgabe abweicht, aber Deinem Wunsch nach "fetter Sättigung" entgegenkommt. Wir sind jetzt auf dem Weg dahin, glaube ich.)

(10.11.2022, 19:35)SevenTeaLights schrieb: Datenblätter/Diagramme beider Bänder stellen mehrere Biasing-Optionen nach der Delta-E/S-10kHz Methode dar.

Die ΔS-Methode ist wie gesagt eine Einstellanleitung, ein Kochrezept, um zum vom Hersteller ausgemessenen Arbeitspunkt zu gelangen. Der Zahlenwert, wie viele dB das sind, ist inhaltlich wieder (in erster Näherung) bedeutungslos.

(10.11.2022, 19:35)SevenTeaLights schrieb: (englisch "Sensitivity" versus deutsch "Empfindlichkeit", also Delta-S-10kHz bedeutungsgleich Delta-E-10kHz, richtig?)

Ja, richtig.

(10.11.2022, 19:35)SevenTeaLights schrieb: 1) Biasing auf eine Norm

Im Datenblatt für das rechte Band steht die Angabe "Delta-E-10kHz (Arbeitspunkt nach DIN) = 3 dB". An dem Punkt, an dem der 10kHz Wiedergabepegel um 3 dB zurückgegangen wäre:
  • schneidet die 10kHz Kennlinie auffälligerweise genau die 0 dB Vertikale der Bias x-Achse/Abszisse
  • bei 0 dB Bias würde der K3 Wert entsprechend der links von der y-Achse/Ordinate angegebenen K3 Skala nicht etwa 3%, sondern ca. 0,9% betragen
Was also ist dieser "Arbeitspunkt nach DIN" bzw. wie ist dieser definiert?

Jaha! Also, im Datenblatt (wenn ich richtig "geraten" habe) steht unter "Prüfverfahren und Definitionen zu den Daten 1 bis 24" eine Erklärung, die ich selbst leider nur schwer verstehe.

Ich reime mir aber zusammen, dass damit der ΔS-Wert angegeben wird, der zum DIN-Arbeitspunkt (also dem Arbeitspunkt des Bezugsband-Leerteils) führt. Das ist dann sehr nützlich, wenn man mit Hilfe des vorliegenden Bands ein Gerät nicht auf eben dieses Band einmessen will, sondern auf das Bezugsband - von dem man oft eben gerade keins zur Verfügung hat.

Oben hatte ich schonmal erwähnt, dass ab Werk die Geräte eigentlich auf den Leerteil des jeweiligen Bezugsbands eingemessen waren - so dass der einfache Anwender "einfach nur das richtige Band" kaufen musste, und gute Ergebnisse erhielt, und jeder Bandhersteller "einfach nur seine Bänder möglichst so wie das Bezugsband" herstellen sollte, dass sie zur genormten Universal-Einmessung passen.

Das Konzept ist bei der Cassettentechnik wesentlich wichtiger und auch tragfähiger - und bei der Tonbandtechnik eigentlich nur im Rundfunk, wo die passenden Bänder verschiedener Hersteller mit der gleichen Einmessung zu identischen Ergebnissen führen mussten (z.B. PER525 und LGR30, oder PER528 und LGR50 - wenn ich mich jetzt nicht irre).

Der "Arbeitspunkt nach DIN" ist also ein Arbeitspunkt für ein ganz bestimmtes Band einer ganz bestimmten Charge, das man in der Norm als Bezugsband ausgewählt hat. In der Praxis hat das aber keiner - es dienst aber als Messnormal, eben als Nullpunkt.

(10.11.2022, 19:35)SevenTeaLights schrieb: Ist das vielleicht eine Norm, die in den damaligen Rundfunktagen verbindlich war, aber für Anwendungen außerhalb solcher genormten Umfelder zwar gut zu kennen, aber nicht unbedingt bedeutungsvoll ist?

"Muss ich mich dran halten"? Nein, Du musst verstehen, was es damit auf sich hat. Wenn Du jetzt als Gerätehersteller eine Serie von Heimtonbandgeräten produzieren würdest, solltest Du diesen Arbeitspunkt wählen, weil er zu den meisten herumvagabundierenden Bandsorten "einigermaßen" passt. Das war die Idee der Normung.

Wenn man aber auf ein konkret vorliegendes Band optimal einmessen will, dann nimmt man lieber den dafür empfohlenen (oder selbst gewählten / erarbeiteten) Arbeitspunkt.

(10.11.2022, 19:35)SevenTeaLights schrieb: Und wie hat man die links angegebene K3 Skala zu verstehen, wenn K3 von mehreren Veränderlichen abhängt (Bias-Pegel, Nutzsignal-Pegel und beides zusätzlich frequenzabhängig)?

Es geht immer um K3 bei Bezugspegel, also wenn 320 nWb/m auf dem Band gelandet sind, bei Bezugsfrequenz, also 315 Hz oder 1 kHz. Dann kann man ihn in Abhängigkeit vom Bias als Kurve darstellen.

(10.11.2022, 19:35)SevenTeaLights schrieb: 2) Biasing auf minimalen K3

In dem Diagramm des rechten Bandes steht an der x-Achse/Abszisse beim +2 dB Bias-Pegel die Angabe "i_vA". Diese bezeichnet laut Datenblatt den "empfohlenen Arbeitspunkt relativ zu Arbeitspunkt des DIN-Bezugsband-Leerteils". Auffällig (zumindest für mich) ist, dass genau bei +2 dB Bias-Pegel das Minimum der K3 Kurve liegt.

Ja - die "+2 dB Bias" beziehen sich darauf, dass dort das Minimum der K3-Kurve zu finden ist.

(10.11.2022, 19:35)SevenTeaLights schrieb: Kann man also diese "i_vA" Angabe so verstehen, dass der Hersteller empfiehlt, dieses Band so zu biasen, dass minimal möglicher K3 gewährleistet ist. Und dass dieses einen um 2 dB höheren Bias-Pegel erfordern würde, als man für das genormte Biasing eines DIN-Bezugsbandes nutzen würde?

Ja. Der Hersteller empfiehlt den Arbeitspunkt, der auch das Klirrminimum ist - und hat also offensichtlich keinen Anlass, davon abzuweichen, etwa wegen zu geringer Höhenaussteuerbarkeit oder sowas.

Und Ja - dafür braucht es 2 dB mehr Bias, als man für das Auffinden des Klirrminimums beim Bezugsband-Leerteil bräuchte. Wie gesagt, man misst diese 2 dB beim Einmessen eigentlich nie direkt.

(10.11.2022, 19:35)SevenTeaLights schrieb: Ist es außerhalb eines an Normen gebundenen Umfeldes korrekt, dass es ausreicht zu erkennen, dass dieser Bias-Pegel für minimal möglichen K3 nach der Delta-E-10kHz Methode bei ca. 5 dB erreicht wäre, also an dem Punkt, an dem der 10kHz Wiedergabepegel um ca. 5 dB zurückgegangen wäre?

Ganz genau. Wenn Du dieses Band im Klirrminimum betrieben willst, was mit der Vorstellung des Herstellers über einen sinnvollen Arbeitspunkt zusammenfällt, dann suchst Du den Punkt, wo die 10 kHz-Empfindlichkeit (wohlgemerkt immer 20 dB unter Bezugspegel!) um den ΔS-Wert abgefallen ist, wenn man von kleinerem zu größerem Bias-Strom geht. (Dafür muss man manchmal im Uhrzeigersinn und manchmal entgegengesetzt drehen - da muss man wieder seine Maschine kennen).

(10.11.2022, 19:35)SevenTeaLights schrieb: 3) Biasing auf Hersteller-Empfehlung

Auch in dem Diagramm des linken Bandes ist ein als "Rec. Bias" (Recommended Bias) bezeichneter Bias-Pegel empfohlen, und zwar nach der Delta-S(bzw. E)-10kHz Methode bei 6,5 dB. An dem Punkt, an dem der 10kHz Wiedergabepegel um 6,5 dB zurückgegangen wäre:
  • schneidet die 10kHz Kennlinie auch im Diagramm des linken Bandes auffälligerweise genau die 0 dB Vertikale der Bias x-Achse/Abszisse
  • bei diesem 0 dB Bias würde der K3 Wert entsprechend der rechts vom Diagramm angegebenen K3 Skala ebenfalls nicht etwa 3%, sondern ca. 0,18% betragen

Das ist nochmal das gleiche in Grün wie gerade eben diskutiert - nur eben für ein anderes Band, und mit einer anderen Wahl für den Nullpunkt der Bias-Achse.

Dass im Minimum nicht 3% sondern 0.18% Klirr zu finden sind liegt daran, dass MOL (also die 3%-Klirrgrenze) nicht beim Bezugspegel (0 dB, oder 320 nWb/m) liegt, sondern gut 11 dB darüber (also bei etwa 1135 nWb/m). Dort erreicht der Klirr 3% - so ist nämlich der MOL (Maximum Output Level bei maximal akzeptiertem Klirr) definiert.

(10.11.2022, 19:35)SevenTeaLights schrieb: Warum wird gerade dieser Bias-Pegel empfohlen? Schließlich läge laut der rechts des Diagrammes angegebenen K3 Skala das K3 Minimum bei ca. 0,12% respektive einem nochmals ca. 3,5 dB höheren Bias-Pegel, also bei Delta-S(bzw. E)-10kHz ca. 12,5dB.

Guter Punkt - hier liegt der empfohlene Arbeitspunkt nicht im Klirrminimum, sondern "links daneben". Der Grund ist üblicherweise, dass die Höhenaussteuerbarkeit (SOL10 und höher) zu stark leidet, wenn man zu höherem Bias geht. Das Klirrminimum bezieht sich ja auf 1 kHz. Anders ausgedrückt - der Unterschied zwischen Tiefen- und Höhenaussterbarkeit sollte nicht zu groß werden, weil man sonst praktisch auch wieder keinen Vorteil davon hat, wenn man "normales Programm" (also mit der für Musik üblichen spektralen Verteilung) aufnimmt.

Jetzt würde mich aber schon endlich interessieren, um welches Band bei welcher Geschwindigkeit es sich beim linken Diagramm handelt. Dass man die Vormagnetisierung "aus dem Klirrminimum zurücknimmt" passiert sonst eher mal bei niedrigen Geschwindigkeiten...

... hier tippe ich aber (bestätigt durch Vergleichsmaterial) auf ein SM900 bei 19 cm/s. Das ist natürlich ein Sonderfall nicht repräsentativ für die klassischen Bänder.

(Falls Du damit einen Sättigungs-Sound suchst, wird es natürlich schwieriger als mit einem älteren Band. Ob es Deine Maschine an die Grenze führt - könnte sein, aber dann weniger beim Bias, als viel mehr bei den Verstärkerstufen, die clippen, bevor das Band in der Sättigung ist.)

Vorsicht: Datenblätter von RecordingTheMasters verwenden oft willkürlich die falschen Kurven für das falsche Band, da passen Grafiken und Tabellen oft nicht zusammen.

(10.11.2022, 19:35)SevenTeaLights schrieb: Meine Vermutung: der zusätzliche Rückgang um 6 dB und mehr bei hohen Frequenzen würde durch die weitere Verringerung des K3 nicht aufgewogen.

Meinst Du die zusätzlichen 6 dB ΔS₁₀? Wie gesagt, das ist erstmal nur ein Lesezeichen - also man wählt keinen Arbeitspunkt weil ein bestimmtes ΔS rauskommt. Trotzdem hat es natürlich eine Bedeutung: Die Empfindlichkeit geht zurück, und Du brauchst mehr Höhenanhebung im Aufnahmeverstärker. Aber das ist nicht das Problem, sondern die früher einsetzende Sättigung, also der Abfall in SOL₁₀.

(10.11.2022, 19:35)SevenTeaLights schrieb: Und auch bei dem Diagramm des linken Bandes stellt sich die Frage, wie man die dort rechts angegebene K3 Skala zu verstehen hat, wenn K3 von mehreren Veränderlichen abhängt (Bias-Pegel, Nutzsignal-Pegel und beides zusätzlich frequenzabhängig)?

Wie oben: Bei Bezugspegel (also 320 nWb/m) und Bezugsfrequenz (also 1 kHz).

(10.11.2022, 19:35)SevenTeaLights schrieb: Und schließlich wirft auch der in diesem Post unter Punkt 1) und Punkt 3) genannte Umstand, dass die entsprechenden Delta-E/S-10kHz Bias-Pegel genau den Schnittpunkt der 10kHz Kennlinie und der Vertikalen des als 0 dB bezeichneten Bias-Pegels ergeben, die Frage auf:

Skalieren die Hersteller die Bias-Pegel Angaben auf der x-Achse/Abszisse nach eigenem Gutdünken, so dass es keine Möglichkeit gibt, dort stehende dB Werte im Sinne eines absoluten Bias-Referenzpegels miteinander zu vergleichen?

Vieles des oben geschriebenen lässt sich so zusammenfassen: Vergiss irgendwelche absoluten Werte auf der x-Achse. Du misst sie nicht direkt.

(10.11.2022, 19:35)SevenTeaLights schrieb: (Weitere Fragen folgen in den nächsten Posts.)

Ja... Du hast Dein Fragenkonto für dieses Jahr damit ausgeschöpft Wink Oder zumindest meine Schreibgeduld für heute Abend - auf Kosten der Messungen, die ich für Kai (und mein eigenes Interesse) machen wollte. Ich mache das trotzdem, sogar sehr gerne, weil ich hoffe, dass es Dir das Verständnis der Grundlagen erleichtert. Als Gegenleistung wäre ich Dir sehr dankbar, wenn Du die angebotene Grundlagen-Literatur mit diesen Erklärungen im Hinterkopf dann auch lesen würdest Smile

(10.11.2022, 21:10)SevenTeaLights schrieb: Frage 4: Halbwegs verlässliche Abschätzung des notwendigen Bias-Pegels

1) Warum keine (bzw. nur geringe) direkte Relation zur Koerzitivkraft des magnetischen Materials?

Da bin ich leider auch nicht richtig sattelfest - beim Zusammenhang zwischen den makroskopischen magnetischen Eigenschaften und den elektroakustischen Daten unter HF-Vormagnetisierung verwirre ich mich auch immer.

Jedenfalls kommt das simple Remanenzkurven-Bild für die Vormagnetisierung hier auch an seine Grenzen, und man muss aufwendigere Beschreibungen wählen. Auch mechanische Parameter wie Partikelgröße und Packgungsdichte der Magnetschicht spielen hier rein.

(10.11.2022, 21:10)SevenTeaLights schrieb: 2) Zusammenhang zwischen maximalem Wiedergabepegel und Bias-Pegel?

In dem Diagramm des linken Bandes, das meine Maschine nicht korrekt biasen kann, geht die MOL-Kennlinie auf Werte bis über +14dB hinaus. Entsprechend der rechts des Diagrammes gezeigten nWb/m-Skala müsste das einem Wert von ca. 1600 nWb/m entsprechen (0 dB hier = 320nWb/m & 14 dB ca. = Faktor 5).

In dem Diagramm des rechten Bandes, das meine Maschine noch biasen kann, ist eine als "Av3 Vollaussteuerung (K3 = 3%)" bezeichnete Kennlinie angegeben. Der Bedeutung und dem Verlauf nach vermute ich, dass dieses bedeutungsgleich zu MOL ist. Diese Kennlinie geht nicht auf Werte über +8dB hinaus. Falls auch bei diesem Diagramm 0 dB = 320 nWb/m gelten sollte (ist das so?), dann müsste das einem Wert von ca. 800 nWb/m entsprechen (8 dB ca. = Faktor 2,5).

Ja, MOL (Maximum Output Level) ist als "höchster Pegel, der einen bestimmten Klirr nicht überschreitet" definiert. Das ist keine Sättigung, oder ein hartes Maximum. Manchmal wird ein MOL 1% getrennt von einem MOL 3% angegeben. Im Agfa-Datenblatt heißt das "Vollaussterung (K₃ = 3%)", inhaltliche das gleiche wie MOL.

(10.11.2022, 21:10)SevenTeaLights schrieb: Gibt es einen eindeutigen Zusammenhang oder zwar nicht exakte, aber doch einigermaßen verlässliche Erfahrungswerte? Umgangssprachlich in etwa "Wenn eine Maschine ein Band mit x nWb/m maximalem Wiedergabepegel noch biasen kann, dann sind bei anderen Bändern ab ca. 1,5*x nWb/m maximalem Wiedergabepegel Probleme nicht ausgeschlossen und bei 2*x nWb/m maximalem Wiedergabepegel wird ein ausreichendes Biasing mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht mehr möglich sein"?

Nein - das passt so nicht. Es gilt ja nicht einfach "je mehr Bias, desto mehr MOL". Die empfohlenen Arbeitspunkte der Bänder liegen alle einigermaßen dicht beisammen, so dass sie auf damals aktuellen Maschinen eigentlich gut zu benutzen waren. Ja, die LH-Generation hat etwas höhere Bias-Ströme als die Generation davor, und da gab es bestimmt alte Geräte, die mit den neuen Bändern nicht mehr gut zu Recht kamen.

Aber bei einem SM900 ist der Arbeitspunkt jetzt nicht so weit weg, dass man ihn nicht mehr erreicht. Eher ist es so, dass das Band so hohe Pegel verträgt, dass Aufnahme- und Wiedergabeverstärker vieler Geräte (der Erzählung nach auch die Messmaschinen, auf denen es zuerst ausprobiert wurde) überfordert, wenn man denn seine Grenzen austesten will.

Wenn man das nicht macht, sondern es "ganz normal" benutzt, freut man sich einfach darüber, dass Klirr und Sättigung weit weg sind. Oder eben nicht, wenn man gerade auf Klirr und Sättigung aus ist - weswegen sich wie gesagt für Deine Versuche wohl eher "normalere" Bänder gut eignen.

(10.11.2022, 22:21)SevenTeaLights schrieb: (... und weiter ...)

Halleluja. Wink

(10.11.2022, 22:21)SevenTeaLights schrieb: Frage 5: Abschätzung des Verhältnisses von tiefen zu hohen Frequenzen?

Für den von mir angestrebten Zweck (u.a. die klangliche Beeinflussung einzelner Spuren zum Vorteil des Gesamtmixes) ist nicht nur die Höhenwiedergabe wichtig, sondern auch der Gehalt an tieferen Mitten und tiefen Frequenzen.

Daher wäre es für mich hilfreich, anhand der Kennlinien einschätzen zu können, ob dieser untere Frequenzbereich überdeutlich oder vielleicht sogar relativ schwach vom Band kommen wird.

Also - der Amplitudenfrequenzgang des Bandes in einem Arbeitspunkt wird vor allem durch die Unterschiede in der Empfindlichkeit bestimmt. Du siehst, dass der Abstand zwischen S₁ und S₁₀ mit steigendem Bias wächst.

Vorsicht: Die Kurven sind ohne Höhenanhebung in der Aufnahme aufgenommen. In der Praxis ist diese aber immer aktiv - so dass der Unterschied von villeicht 3-5 dB im empfohlenen Arbeitspunkt schon ausgegelichen wird. Im Detail ist der Verlauf natürlich unterschiedlich - deswegen kann man ja idealerweise die Höhenanhebung im Aufsprechverstärker auch einstellen, dass der Frequenzgang wieder glatt wird.

Wenn dafür der Trimmer fehlt, dann spricht nichts dagegen, den Frequenzgangfehler einmal auszumessen, dann einen passenden EQ abzuspeichern und auf die Spur, die durchs Band soll, anzuwenden.

Damit bekommst Du keine relative Verfärbung, also Anhebung oder Absenkung von Tiefen oder Höhen. Das Sättigungsverhalten wird aber weiter unterschiedlich bleiben - die Höhen sind zuerst betroffen, bevor die Tiefen verzerren.

Wenn Du also die Sättigung als Effekt suchst, könnte es nütlich sein, absichtlich weniger Bias zu verweden, als für den optimalen Arbeitspunkt nötig wäre. Der Klirr (bei 1 kHz) ist dann noch nicht am Minimum, sondern noch vergleichweise hoch (Effekt!), aber die Höhen sind noch nicht in der Sättigung (Abfallen der SOL-Kurve). Das meinte ich oben und im ersten Thread - Du kannst bewusst aus dem besten Arbeitspunkt raus, um Deinen Sound zu suchen, wenn Du weißt, was abgeht.


(10.11.2022, 22:21)SevenTeaLights schrieb: Die Grafik rechts stammt aus einem online verfügbaren Artikel aus der Electronics World vom August 1967. Wer sich den schon allein wegen des Datums einmal anschauen möchte:

https://www.thehistoryofrecording.com/Pa...ording.pdf

Die eigentliche Aussage der Grafik brauche ich hier nicht zu wiederholen. Bemerkenswert finde ich aber, dass sich mit Verschiebung des Bias-Pegels der Frequenzgang komplexer verändert, als dass es nur um mehr oder weniger Anlöschung der Höhen ginge:
  • die Maxima liegen bei verschiedenen Frequenzen bei verschiedenen Bias-Pegeln
  • die Steigung, also das Delta-Wiedergabe-Pegel je Delta-Bias-Pegel ist stark frequenzabhängig
Das heißt: je nachdem bei welchem Bias-Pegel man gerade liegt kann eine Veränderung des Bias-Pegels kaum Veränderung bei hohen Frequenzen, aber deutliche Zunahme tiefer Frequenzen bewirken - oder - es kann auch kaum bzw. geringe Abnahme bei tiefen Frequenzen, aber ein deutlicher Rückgang hoher Frequenzen resultieren.

Lies mal mit dem neu gewonnenen Verständnis den MOL-SOL-Thread (oben irgendwo verlinkt), den Kai durch Deine Fragen inspiriert angestoßen hat nochmal. Da mache ich im Prinzip so eine Messung, wie krumm die Kennlinien in Abhängigkeit von der Frequenz sind - allerdings erstmal nur für konstanten Bias.

Wichtig fürs Verständnis ist aber: Diese Betrachtungen sind in der Nähe der Sättigung, also bei Bezugspegel und darüber! Alle klassischen Frequenzgangs-Messungen sind immer 20 dB unter Bezugspegel - weil nur dort überhaupt ein glatter Frequenzgang über den gesamten relevanten Hörbereich erreicht werden kann. Macht aber nix - Stichwort Amplitudenstatistik. Hier aber bitte wirklich nachlesen - das kann ich nicht besser beschreiben, als es bei Freidrich Engel, oder auch im Entzerrungs-Büchlein von van Bommel steht.

(10.11.2022, 22:21)SevenTeaLights schrieb: Zurück zu den Kennlinien-Diagrammen: Grundsätzlich wird für einen einigermaßen "natürlichen" Klang ein Biasing in der Nähe des K3 Minimums angestrebt. Nun könnte es interessant sein, wie die verschiedenen Frequenzbereiche bei dem entsprechenden Bias-Pegel sozusagen aufgestellt sind.

Nun sind in den Kennlinien-Diagrammen aber meistens keine Empfindlichkeitskurven für den unteren Frequenzbereich enthalten.

Das war die Idee hinter Kais Anstoß für den anderen Thread: Wo liegt die Sättigung (oder die 3 dB-Kompressionsgrenze) in Abhängigkeit von der Frequenz? Dort sind auch die "vollfetten" Sounds zu finden.

(10.11.2022, 22:21)SevenTeaLights schrieb: 1) Reicht es aus, die Empfindlichkeitskurven von 1 kHz und 10 kHz zu betrachten?

Ja. Siehe auch besagter Thread. Der beobachtete Ansteig in der Tiefe ist durch die Entzerrung bedingt (van Bommel studieren). Ob 1 kHz oder 100 Hz spielt fürs Band dann weniger eine Rolle.

(10.11.2022, 22:21)SevenTeaLights schrieb: Zum Beispiel zeigt das Diagramm für das rechte Band in dem Bereich des Bias-Pegels für das K3-Minimum (+1 bis +3 dB Bias-Pegel) eine Differenz zwischen der E_1kHz und der E_10kHz Kurve zwischen ca. 2 dB bis ca. 3,5 dB. Bei diesem Band scheint mir der untere Frequenzbereich definiert, aber nicht vordergründig.

Dahingegen zeigt das Diagramm für das linke Band in dem Bereich des empfohlenen Bias-Pegels (-1 bis +1 dB Bias-Pegel) eine Differenz zwischen der E_1kHz und der E_10kHz Kurve zwischen knapp 3 dB bis 5 dB. Bei diesem Band scheint mir der untere Frequenzbereich tendenziell vordergründig oder umgangssprachlich: der Klang war immer etwas "dunkel".

Nein - siehe meine Erklärung zwei oder drei Absätze weiter oben. Die Empfindlichkeits-Kurven sind 20 dB unter Bezugspegel und weit weg von der Sättigung. Der Unterscheid zwischen ihnen wird (grob und fest vorgegeben, oder per Trimmer einmessbar) vom Aufnahmeverstärker ausgeglichen. Es ergibt sich ein flacher Frequenzgang, plus minus ein oder zwei drei dB.

Die Sättigungs- oder Kompressions-Kurven wie rechts in Deinem Diagramm sind dagegen bei "so viel Dampf wie möglich". Dort gibt es keinen flachen Frequenzgang. Da kannst Du nur sehen, wie viel früher die Höhen flöten gehen als die Tiefen. Das ist der Bereich, den man klassisch gemieden hat wie der Teufel das Weihwasser - und in dem Du Dein klangliches Seelenheil für den "fetten, fotorealistischen Sound" zu finden hoffst Wink

"Klingt Dumpf" ist also bei weitem nicht das gleiche wie "Höhen verzerren früher".

(10.11.2022, 22:21)SevenTeaLights schrieb: 2) Oder kann man es schon anhand des Betrages des Delta-E/S-10kHz Wertes erkennen?

Der ΔS-Wert ist erstmal für sich genommen bedeutungslos. Er ist nur eine Orientierungshilfe, ein Lesezeichen, weil man keine Bias-Ströme misst.

(10.11.2022, 22:21)SevenTeaLights schrieb: Wenn man die obere Grafik rechts betrachtet, dann könnte man vermuten, dass grundsätzlich der untere Frequenzbereich umso höheren Wiedergabepegel zeigen wird, je weiter der Bias-Pegel über dem Bias-Pegel liegt, bei dem ein Maximum bei hoher Frequenz vorliegen würde. Oder umgangssprachlich: je weiter "rechts" vom 10kHz-Maximum der optimale Bias-Pegel liegt, desto näher kommt man dadurch den Maxima des unteren Frequenzbereiches.

Nein - Du verwechselt glaube ich noch Empfindlichkeit und Sättigung.

(10.11.2022, 22:21)SevenTeaLights schrieb: Bei Profi-Maschinen würde man das durch den integrierten EQ ausgleichen. Aber bei einfachen Maschinen ist das halt nicht (zumindest nicht direkt mit der Maschine) möglich.

Auch Deine Maschine hat einen integrierten EQ im Aufnahmeverstärker - er ist nur nicht fein einstellbar. Der größte Teil der Empfindlichkeitsdifferenz ist damit schon ausgegleichen - nur die Feinabstimmung nicht mehr. Den Rest, der Fehlt, kannst Du vorher digital machen. Hab ich aber oben schonmal geschrieben... Wiederholung ist die Mutter der Pädagogik Wink

(10.11.2022, 22:21)SevenTeaLights schrieb: Gibt es da Erfahrungswerte, dass je höher der Delta-E/S-10kHz Wert umso stärker ausgeprägt der untere Frequenzbereich ist? Oder ist das zu einfach gedacht?

Das passt so nicht - aber "zu einfach gedacht" würde ich auch nicht sagen. Du siehst aber noch Zusammenhänge, die so nicht sind.


Ich hoffe, Du liest und verdaust das alles. Zur Lektüre der erwähnten Literatur kann ich nur nochmal ermutigen - hoffentlich wird die durch diese Vordiskussion besser verdaulich. Gleichzeitig auch das Ausprobieren nicht vergessen - in der Theorie bekommt man kein Gefühl dafür, welcher Unterschied noch relevant ist, und was man eigentlich garnicht mehr hört. (Ich hätte auch nach der Messung im MOL-SOL-Thread das Klangbeispiel viel schlimmer erwartet!).

Viele Grüße und gute Nacht
Andreas
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RE: Tonbandkennlinien - Bitte um fachkundigen, sachlichen Rat/Bestätigung/Korrektur o.ä. - von andreas42 - 12.11.2022, 00:30

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