Warum klammerte sich der Rundfunk an den Rundfunkbändern fest?
#2
Die Antwort hatte ich drüben (und auch hier -glaube ich- schon einmal) gegeben:

Man vermied alle Abweichungen vom regulären Betrieb, weil diese im 24-Stunden-Betrieb (mehr oder minder) -das hatte man nach 25 Jahren Rundfunktradition inzwischen gelernt- nur im Chaos enden konnten.

Also wurden z. B. eiserne Regeln für Aussteuerung aufgestellt (UKW ist kein 16-Bit-Code), denn die Begrenzerei heutigen Zuschnittes gab es noch nicht. Außerdem wusste man nur zu genau, was es bedeutet, wenn der Übertragungskanal auf 40 Hz und 16 kHz bei 55 dB Dynamik limitiert ist und warum das nicht schlecht sein muss.

Weiter forderte man Bandmaterial in Archiv und täglichem Sendebetrieb, das sich über Jahrzehnte idealerweise gleich, zumindest aber ähnlich verhielt, ohne gravierende Veränderungen im Betriebsalltag zu erzwingen. Man hätte ja sonst ständig ummessen müssen, was während einer Sendung einer Tontechnikerin/einem Tontechniker nicht zuzumuten ist und auch nur in Schlamperei und Unübersichtlichkeit geendet hätte.
(Ich habe in den 1970ern ein Jahr bei einem amerikanischen Public Radio volontiert und erlebt, was dorten Normalität war; und das hörte man auch, akustische Leistungen der 3-M-Bänder hin oder her.)

Schließlich forderte man normierte Betriebsanlagen, die in praxisnaher Prüfung deutschlandweit ihre Eignung für den Rundfunkbetrieb nachgewiesen hatten. Die Vorteile nicht zuletzt für Schulung und Einsatz des Personales liegen auf der Hand. Jeder kannte das eingesetzte Zeug in seinem bis heute faszinierenden Baukastensystem ja.

Beim Band führte das eben angesichts des letzten wirklich großen Schrittes der Magnetbandtechnik (Bandseite) "HiFi-low-noise" zum Kompromiss des 528, der unter Verzicht auf die letzten Feinheiten (Datenblatt anschauen) auch den Rundfunk an den Segnungen dieser Technologie teilhaben ließ, ohne dass der auf seine Arbeitspunkte verzichten musste.
Nachdem man über die UKW-Strecke auch nicht mehr als 55 dB kriegt, man -zumindest bei den öffentlich-rechtlichen Instituten nur mit 38,1 cm/s aufnahm, tat das ja auch nicht allzu weh, zumal ja schon erste 'Auflösungserscheinungen' mit dem 525 stereo in den 1960ern aufkamen, als man zur Wahrung einschlägiger Kompatiblilitäten die Aussteuerung (um den Korrelationsfaktor -zumindest damals- + den Rasenverlust = 4,1 dB) anheben musste, dabei aber mit dem Klirrfaktor der früheren Bandtypen (VA bei 320 pWb/mm) etwas ins Gehege kam.

Lehre:
Die damals noch aggressiv hochgehaltene Qualitätsforderung des Rundfunks rührt nicht aus klanglichen Ansprüchen, sondern solchen kompromissloser Betriebssicherheit bei hoher (!) Qualität. Dass das bei der Kopierhäufigkeit im Rundfunkbetrieb (die Plattenindustrie hantiert lieber mit Originalen) nur mit einem Entlangschrappen an der physikalischen Grenze zu verwirklichen war, leuchtet sicher ein. Als Kind und Jugendlicher habe ich mir mitunter Gedanken dazu gemacht, welche Kopie-Generation ich gerade hörte. Denn man wusste ja, wie schnell das, was man selbst verbrochen hatte, nicht mehr anzuhören war.

Hans-Joachim
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