Hören für andere Ohren: Wie funktioniert Monitoring?
#9
Die sogenannten "Referenzplatten" wurden anfänglich von den Zeitschriften gekürt. Das waren in der Regel Platten, die "besonders gut gelungen" waren, egal aus welchen Ursachen heraus. Weil sie zu Vergleichszwecken taugten, z. B. weil sie Unterschiede der Hardware hörbar machten, wurden sie oft verwendete Referenz.

Weil das für das Image gut war, begann man, gezielt Referenzplatten zu produzieren.

Besonders sorgfältige Anwendung des Handwerkes, auch in der Pressung, sorgt dafür, daß wenigstens im Neuzustand keine Knackser drauf sind. Das war ja leider keine Selbstverständlichkeit bei der Plattenproduktion. Für Referenzplatten sollte das selbstverständlich sein.

Für die gezielte Produktion von Referenzplatten braucht man noch irgendein spektakuläres Ereignis, mit dem man die sehr oft vorhandene künstlerische Dürftigkeit kaschieren kann. Ein Kanonenschuß ist hier sehr gut geeignet, oder dessen Reproduktionsversuch via Schlagzeug.

Andreas erinnert sich sicher noch an das Konzert von Inga Rumpf. Wenn ich bei so einer Gelegenheit eher beiläufig höre, wie ein "normaler" Schlagzeuger, also einer der sein Geld mit harter Musikerarbeit auf Provinzbühnen verdienen muss ohne dabei berühmt zu werden, sein Drumkit testet und sich einspielt, dann brauche ich keinen "Knock out" von Charly Antolini mehr. Wenn ich dagegen den excellenten Drummer Charly Antolini hören will, kann ich beruhigt zu den MPS-Recordings greifen, wo er z. B. zusammen mit Eugen Cicero MUSIZIERT statt Geräusche für sog. Referenzuplatten abzusondern. Auch wenn die MPS-Platten nicht als Referenz-Recordings durchgehen würden, so hat mit die Arbeit von Hans-Georg Brunner-Schwer doch weitaus besser gefallen als manche Referenzplatte.

Will sagen: Nix gegen Referenzplatten, also nix gegen Platten, die das werden, weil sie gut sind. Aber wenn angefangen wird, ganz bewusst eine Referenzplatte herzustellen, dann wird's eng... zumndest in künstlerischer Hinsicht. Will ich Schallplatten hören oder Musik?

Die Zauberlehrlinge sind dabei aussen vor. Das waren die Tonmeister selber mal in jungen Jahren, haben jetzt vielleicht welche dabei, die ihnen über die Ohren hören dürfen. Nun müssen sie als Tonmeister entscheiden, wie das "sounden" soll. Da spielt natürlich die von trolltest erwähnte Hörkultur eine Rolle. Wenn ich Kultur (alle Kulturschaffenden mögen bitte entschuldigen) mal salopp als Quintessenz der aus dem Zeitgeist entstandenen Gewohnheiten definiere, vielleicht noch mit einem Blick zurück garniert, dann geht es also darum, ein ausgewogenes Verhältnis zu finden zwischen

a) dem Stand der Gewohnheiten, der sogenannten Hörkultur, zu entsprechen
b) neue Wege aufzuzeichnen, in denen es weiter gehen könnte.

Der Einsatz technischer Mittel ermöglicht es, Ergebnisse zu produzieren, wie man es "Live" nie zu hören bekommen könnte, selbst dann nicht, wenn man das Konzert ganz für sich alleine spielen lassen könnte. Die Konserve ist nicht mehr Reproduktion des Originals, sondern ein eigenständiges Medium mit eigenen Regeln und Gesetzen. In der Unterhaltungsmusik, speziell Rock & Pop, ist das von Anfang an so gewesen. Der spezielle Sound der amateurhaft agierenden Autodidakten, mehr durch technische Mängel bestimmt denn durch künstlerische Absicht, konnte zum Erkennungszeichen werden. Fans lehnen restaurierte Aufnahmen, die richtiger klingen, oft ab. Richtig ist hier das, was zu allererst unter der Nadel des Mister-Hits eierte.

So agiert der Tonmeister ähnlich wie ein Koch, der sein handwerkliches Geschick einmal für Eisbein mit Sauerkraut verwendet und ein anderes Mal für fritiertes Erbsenpüree an Salbeiextrakt, aber stets weiss, wie heiss er die Kochplatte einstellen muss. Es gibt creative Künstler, die experimentieren, Erfolg haben, dadurch Standards setzen und solche, die diese Standards dann erfüllen, verfeinern.

Aber, um zum Thema des threads zurückzukommen, ist das alles Überlieferung von Generation zu Generation? Und was geht uns da alles verloren, weil wir das hören, was wir gewohnt sind und nicht einmal wissen, unabhängig davon ob es gefällt, wie richtig es ist? Nix gegen eine spektakuläre Platte, die Freude bereiten kann, aber mir fehlt oft der Bezug zur "Wahrheit". Gibt es die im Musikbusiness überhaupt?

Zumindest scheint es keinen einheitlichen Maßstab zu geben, vielmehr eine Vielzahl von eigene Maßstäbe setzenden Leuten, denen wiederum andere nachfolgen.
Michael(F)
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[Kein Betreff] - von Michael Franz - 17.03.2005, 22:41
[Kein Betreff] - von 2252B - 17.03.2005, 23:40
[Kein Betreff] - von Michael Franz - 17.03.2005, 23:47
[Kein Betreff] - von 2252B - 18.03.2005, 14:55
[Kein Betreff] - von Michael Franz - 18.03.2005, 17:21
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[Kein Betreff] - von highlander - 19.03.2005, 18:16
[Kein Betreff] - von Michael Franz - 19.03.2005, 19:14

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