Magnetkopfverschmutzung Fachbegriffe
#1
Die verschiedenen Effekte der Tonkopfverschmutzung durch Bandabrieb werden in letzer Zeit hier häufiger diskutiert, ihre speziellen Ausprägungen jedoch nicht einwandfrei diagnostiziert bzw. differenziert.

Ich erlaube mir daher folgenden Hinweis:

Es gibt physikalisch exakt zwei magnetisch aktive Kontaktzonen am Magnetkopf, die von Bandabrieb betroffen sein können. Diese sind:

1. Der unmittelbar von vorne sichtbare Kopfspiegel, also der Bereich der Kontaktzone am Spalt unmittelbar zwischen  Kopf und Band sowie
2. die um 90 Grad nach hinten versetzte Zone seitlich im Bereich der Bandkanteneinfräsungen; diese von vorne kaum oder wegen der Kopfabschirmung garnicht einsehbar

Beide Zonen sind von der Ablagerung von Bandbrieb gleichermaßen betroffen und können das Polschuhsystem des Kopfes magnetisch teilwiese oder vollständig kurzschließen.

Es gab in der Videotechnik (1" und 2" MAZ) dafür sogar dezidierte Fachbegriffe:

In (1.) handelt es sich um sog. "clogging", d.h. das Zusetzen des Spaltes im Bereich des unmittelbaren Band-Kopf-Kontaktes
In (2.) handelt es sich um sog. "cinching", d.h. das Zusetzen des Spaltes längs zum Bandlauf im rechten Winkel außerhalb der Zone des unmittelbaren Band-Kopf-Kontaktes, nachfolgen als lateral benannt.

Im amerik. Sprachgebrauch meint "to cinch" soviel wie "einen Gurt um etwas legen". In dieser teilweise bildhaften amerikanischen Sprache kann man sich aber nun gut vorstellen, wie sich ein Gurt aus magnetisch wirksamem Abriebmaterial seitlich über das offene Polschuhsystem und dessen Spalt anlegt und diesen magnetisch kurzschließt.

Selbst in der prof. MAZ-Technik der 70er/80er Jahre wurde der Effekt des cinching im laufenden Betrieb der Maschinen nicht immer sofort erkannt, weshalb ein gerade gereinigter Kopf, der danach immer noch nicht funktionierte, oft fälschlich als defekt klassifiziert wurde. In Wirklichkeit waren die lateralen magnetischen Nebenschlüsse (lateral: also außerhalb der eigentlichen Kontaktzone, d.h. innerhalb des "Gurtes") verantwortlich.

Die o.g. Begriffe verriet mir ein mittlerweile 85-jähriger Videotechniker, der in den 70er/80er Jahren die 2"-RCA und Ampex-Videomaschinen im prof. Sendebetrieb wartete. Ebenso wies er darauf hin, dass Isopropanol zur Reinigung nicht ausreichte, um die lateralen Ablagerungen vom Kopf zu entfernen.

Für die Audio-Tonbandler also hier nochmals der Hinweis, neben dem Kopfspiegel auch die Bandkanteneinfräsungen peinlichst sauber zu halten. Für einen teilweisen oder vollständigen magnetischen Kurzschluss der Spaltsysteme genügen im Lateralbereich der Einfräsungen Ablagerungen im µ-Bereich; diese sind mit bloßem Auge und wegen des ungünstigen Betrachtungswinkels von vorne überhaupt nicht sichtbar! Man glaubt, der Kopf sei einwandfrei sauber. In realiter ist er es keineswegs (!!!)

Ich persönlich wende an meinen Revox-2-Spur-Köpfen seit 2004 eine präventive Schutzmaßnahme an:

Die herstellerseitig offenliegenden Kernbleche im Bereich der Bandkanteneinfräsungen habe ich (nach vorhergehender intensivster Auswaschung mit Aceton) nachträglich dünn mit Sekundenkleber versiegelt. Seither gab es diesbezüglich keine Probleme mehr mit "cinching" -d.h. lateral zugesetzten Köpfen; auch nicht nach dem Abspielen von Schmierbändern.

Im Übrigen ist die Reinigung mit Aceton bei Ganzmetallköpfen problemlos. Spalteinlagen lösen sich nicht- dafür ist die Einwirkungsdauer bei Weitem zu kurz. Bei den grünen Billig-Plastiktonköpfen a la Philips N4420 u.a. Herstellern ist jedoch größere Vorsicht geboten.

Martin
"Früher war mehr Lametta!"
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#2
Hallo Martin,
eine Frage, hast du die Erfolge auch gehör- / messtechnisch nachverfolgen können?

Dietmar
Fostex R8; REVOX B77; Uher 4200 Report IC, Uher 4000 L, Tesla B115; Tesla B90; Technics RS AZ7; Mirano Echo Chamber T-4;
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#3
Hallo Dietmar,

das Ganze ist positiv belegbar und so wie beschrieben! Beispielsweise war bei einer Maschine ein Abfall um -3dB nach erneuter intensiver Reinigung der Bandkanteneinfräsungen verschwunden. Der Kopfspiegel war optisch immer einwandfrei sauber. DerFehler lag zu 98% "in den Ritzen". Beobachtungszeitraum über 20 Jahre bei verschiedensten Geräten. Erfolglose Fehlersuchen in AV und WV bestätigen dies. Nach meinem bisherigen Kenntnisstand gibt es an den Beobachtungen nichts mehr zu relativieren. Vor allen Messungen wurden die Köpfe ferner sachgemäß entmagnetisiert.

Martin
"Früher war mehr Lametta!"
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#4
Interessante Aspekte!
Erst dachte ich: Ist das vielleicht der Grund, warum bei Vierspurköpfen der linke Kanal zuerst 'schwächelt'?
Habe dann Fotos von Köpfen mit Einfräsungen gesucht.
Auf den Seiten von Andreas fand ich dieses Foto eines Revox Zweispurkopfes.
Sind das solche Ablagerungen, die Du meinst?
VG Jürgen


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#5
Hallo Martin,

(10.11.2024, 00:45)mincom schrieb: das Ganze ist positiv belegbar und so wie beschrieben!

Hast auch Daten darüber, ob diese Verluste wellenlängenabhängig (Wiedergabe vom Band) oder frequenzabhängig (Wiedergabe mit Einspeisespule) sind, oder beides?
Grüße
Peter


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#6
@ Jürgen / JUM:
Ja, das Foto zeigt die besagten Stellen. Genau dort können die Ablagerungen sitzen!

@ Peter:
Leider habe ich keine Meßreihen im wissenschaftlichen Sinne vorgenommen. Auffällig war bei Wiedergabe über Band der Pegelverlust, ohne daß ein progressiver Abfall bei kürzeren Wellenlängen sofort zu bemerken war. Die Wiedergabe war zwar nicht brilliant, aber es klang auch nicht so extrem "dumpf" wie bei einem durch clogging zugesetzten Spalt. Das ist aber ein subjektiver Eindruck meinerseits. Eine wellenlängenabhängige Dämpfung besteht mit großer Sicherheit, was aber noch zu beweisen ist.
Das Verhalten eines durch cinching zugesetzten Aufnahmekopfes erhärtet diese Vermutung. Bei diesem kam überhaupt keine Aufnahme mehr im betreffenden Kanal zustande. Die Wirkung der HF-Vormagnetisierung war durch den magnetischen Nebenschluß völlig aufgehoben.

Du hast sicherlich Recht; das Ganze wäre mal eine Meßreihe hinsichtlich der Auswirkungen am AK und WK unter reproduzierbaren Versuchsbedingungen wert. Man müßte nur die magnetischen Eigenschaften der Verschmutzung irgendwie normieren bzw. simulieren (z.B. Carbonyleisenpulver in Uhu o.ä.). Vielleich kratze ich mal die Beschichtung eines Scotch- oder Shamrock-Bandes ab und löse die in einem geeigneten Lösemittel auf. Der damit herzustellende, "magnetische Kurzschlusslack" könnte dann in verschiedenen Schichtstärken auf die Polschuhflanken aufgetragen werden, um das Pegelverhalten über verschiedene Testfrequenzen meßtechnisch zu ermitteln.

Martin
"Früher war mehr Lametta!"
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#7
Hallo Martin,

wenn ich meine theoretischen Kenntnisse zusammenkratze, scheint es mir so zu sein, dass wegen der Lamellierung der Polschuhe nur ein relativ kleiner Teil des magnetischen Kreises kurzgeschlossen wird. Das würde zumindest die Vergrößerung des EMK-Verlustes bei kleineren Wellenlängen erklären.
Grüße
Peter


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#8
Ich denke, dass am Aufnahmekopf ein magnetischer Kurzschluss wohl durch das Band selbst geschieht, oder?
VG Jürgen
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#9
(10.11.2024, 17:34)JUM schrieb: Ich denke, dass am Aufnahmekopf ein magnetischer Kurzschluss wohl durch das Band selbst geschieht, oder?

Ein kompletter Kurzschluss wird es nicht, da der Volumenfüllfaktor ("Packungsdichte" heißt es manchmal in der Fachliteratur) des Fe3O4 Pigments bei max. 0,4 beträgt.
Grüße
Peter


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#10
Dann gehe ich mal davon aus dass Tonköpfe ohne Bandkanteneinfräßungen davon nicht betroffen sind.

Dietmar
Fostex R8; REVOX B77; Uher 4200 Report IC, Uher 4000 L, Tesla B115; Tesla B90; Technics RS AZ7; Mirano Echo Chamber T-4;
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#11
(10.11.2024, 22:26)luedre schrieb: Dann gehe ich mal davon aus, dass Tonköpfe ohne Bandkanteneinfräsungen davon nicht betroffen sind.

Prinzipbedingt ja  (also nein  Cool )
Grüße
Peter


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#12
Hallo,

ich hatte ein sehr ähnliches Phänomen mit einem Video 2000 Kopfrad von Grundig. Das Problem war ein Pegelunterschied von 3:1 zwischen den beiden Köpfen. Die beiden Kopfhälften aus Ferrit werden mit einem Lotglas im Vakuumschmelzofen zusammen geklebt. Das Lotglas kommt auch mit dem Magnetband in Berührung. Unter dem Mikroskop konnte man eine vom Band aufgeschliffene Luftblase im Lotglas erkennen, die am Spaltende des Ferrits lag. Das Loch der Blase hatte sich mit Bandabrieb gefüllt, den ich mit Videospray unter dem Mikroskop herausspülen konnte. Jetzt das Kopfrad wieder eingebaut und eine Testaufnahme gestartet. Nach 10 Sekunden gestoppt, zurückgespult und Wiedergabe, astrein, kein Pegelunterschied. Dann eine neue Aufnahme für 5 Minuten und Wiedergabe. Nach 1 Min 30 Sek konnte ich zusehen, wie der Pegel des einen Kopfs immer kleiner wurde. Kopfrad wieder ausgebaut und unters Mikroskop, das Loch der Blase war wieder mit Bandabrieb gefüllt. Ich habe das damals einen magnetischen Nebenschluss genannt. Fragt mich aber bitte nicht, wie in einem Vakuumschmelzofen eine Luftblase entsteht.

Ein Nachtrag zum einfacheren Verständnis. Stellt euch vor, die Bandkanteneinfräsungen wären mit Lotglas gefüllt und darin hätte sich die Blase bzw. spärer das Loch befunden. Das ganze ist bei Video nur extrem kleiner, bei Video 2000 betrug die Spurbreite 22,5µm.

MfG, Tobias
Strom kann erst fließen, wenn Spannung anliegt
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#13
(10.11.2024, 23:19)bitbrain2101 schrieb: ich hatte ein sehr ähnliches Phänomen mit einem Video 2000 Kopfrad von Grundig. Das Problem war ein Pegelunterschied von 3:1 zwischen den beiden Köpfen.

Zum Glück haben wir es bei der analogen Audioaufzeichnung mit etwas größeren Spurbreiten zu tun thumbsup
Grüße
Peter


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#14
(10.11.2024, 23:28)Peter Ruhrberg schrieb: Zum Glück haben wir es bei der analogen Audioaufzeichnung mit etwas größeren Spurbreiten zu tun  thumbsup

Das ist richtig, siehe mein Nachtrag. Aber die Problematik, dass der Bandabrieb den Spalt magnetisch kurzschließt, ist doch die gleiche.

MfG, Tobias
Strom kann erst fließen, wenn Spannung anliegt
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#15
(10.11.2024, 23:40)bitbrain2101 schrieb: die Problematik, dass der Bandabrieb den Spalt magnetisch kurzschließt, ist doch die gleiche.

Sicher, nur bei Spurbreiten im mm-Bereich nicht so dramatisch und leichter zu beheben.
Grüße
Peter


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