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Radio-Star 108 - Druckversion

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Radio-Star 108 - TSF - 11.03.2025

Von der Firma Radio-Star aus Nizza war hier ja schon die Rede, sowohl von deren Röhrenkoffern aus den Fünfzigern, den Modellen 104 und 106, als auch von deren Transistormodell 109 aus den frühen Sechzigern.

Bei der Vorstellung des 109 hatte ich erwähnt, daß es einen Vorgänger gab, das Modell 108, welches aber nur selten anzutreffen ist. Jetzt konnte ich doch eines ergattern.

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Das 108 ist ein kleines Köfferchen mit den Maßen 23 x 21,5 x 10,5 cm (B x T x H). Es ist damit etwas kleiner als der Nachfolger.

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Beim 108, das offenbar aus dem Jahr 1960 stammt, findet man einige technische Lösungen, die beim 109 von 1963 beibehalten wurden.

Dazu gehört zum Beispiel das Antriebskonzept mit zwei Motoren, einem Tonwellen- und einem Umspulmotor. Letzterer sitzt auch hier zwischen den beiden Spulen und wird bei Bedarf gegen den Rand der jeweiligen Bandspule gedrückt. Deshalb sollten auch hier am besten 10-cm-Spulen ohne Einfädelschlitz verwendet werden.

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Eine der drei Zacken an den Bandtellern ist als Feder ausgeführt, was einen problemlosen Senkrechtbetrieb ermöglicht.

Links unten im Eck findet sich der Umschalter zwischen den Bandgeschwindigkeiten 4,75 und 9,5 cm/s.

Auch beim 108 gibt es oberhalb der Bandteller unter einer Klappe ein Staufach, in das wahlweise Batteriehalter oder Netzgerät eingelegt werden können.

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Auch das 108 ist ein Vierspurgerät, bei dem die Spurwahl durch Versetzen der Köpfe in der Höhe geschieht.

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Der Spurwahlschalter findet sich an der Gerätefront. Dort ist auch der Lautsprecher angebracht, der hier sehr klein ausgefallen ist (Durchmesser ca. 6 cm) und wirklich nur als Behelfslösung angesehen werden kann. Schließt man einen externen Lautsprecher an (wodurch der kleine abgetrennt wird), zum Beispiel die Box, die es als Zubehör zum 109 gab, dann liefert das 108 einen ganz passablen Klang. Einen Klangregler gibt es allerdings nicht.

Beim Nachfolger sitzt ein großer Lautsprecher im Gehäuseboden, wodurch es an der Front Platz für eine schöne große Banduhr gab. Die mußte hier deutlich kleiner und unscheinbarer ausfallen.

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Ein Blick auf die Köpfe:

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Viertelspur mit jeweils nur einem Spalt. Allerdings sitzen hier die Köpfe nicht auf Taumelplatten, sondern sind einfach auf eine Grundplatte aufgesetzt  und werden von einem darüberliegenden Blech mit zentraler Schraube gehalten. So kennt man das von den Röhrenkoffern. Beim 109 hat man jedem Kopf eine Taumelplatte spendiert, beim 108 muß man sich bei Bedarf durch Unterlegen von zum Beispiel dünnen Papierstreifen helfen.

Blick von oben auf das Chassis:

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Der Tonwellenmotor sitzt links unten im Eck und nicht oben zwischen den beiden Bandtellern wie beim 109.

Das Chassis von unten:

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Der Verstärker arbeitet mit anno 1960 noch sehr jungen Germanen: OC 71, OC 71, OC 76 und als Endstufe zwei OC 74 in Gegentakt.

Die Drehzahl des Tonwellenmotors wird mittels Fliehkraftschalter über einen weiteren Transistor OC 74 elektronisch geregelt.

Diese Drehzahlregelung und besonders der Fliehkraftschalter haben mir einiges an Geduld und Nerven abverlangt. Der Motor wollte nämlich weder mit der richtigen noch mit einer konstanten Drehzahl laufen. Die Elektronik unterscheidet sich kaum von der des Nachfolgers und arbeitete nach Tausch einiger Kondensatoren wieder ordentlich. Der Schalter ist hier jedoch sehr ... na, sagen wir mal reichlich rustikal ausgeführt.

Hier ein Blick auf den ausgebauten Tonwellenmotor.

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Zur Schwingungsdämpfung hat man Halterungen aus Kork verwendet. Da inzwischen völlig verhärtet, wurden sie durch Moosgummi ersetzt. Das war noch die einfachste Übung.

Als nächstes wurden die Bürsten ausgebaut.

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Nicht Kohle, sondern offenbar kleine Blöckchen aus Kupfer. Die mußten wieder blankpoliert werden, ebenso die Schleifkontakte im Motor.

Der Fliehkraftschalter sitzt am unteren Ende der Motorwelle. Die Halterung der beiden (ebenfalls Kupfer-) Bürsten kann vom Motorgehäuse abgezogen werden.

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Der Schalter ist auf die Motorwelle aufgesteckt und kann ebenfalls abgezogen werden.

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Die richtige Motordrehzahl erhält man durch passendes Zurechtbiegen dieser Feder, die ein kleines Zinngewicht auf einen Metallring drückt. Im Werk hatte man vielleicht einen Erfahrungswert für die richtige Federkraft, womit man dem Soll schnell näherkam. Mir blieb nur Probieren.
Dabei darf die Feder bei der Drehung weder das Gehäuse noch die beiden Bürsten berühren, die auf die beiden von einander isolierten Kupferröhrchen ober- und unterhalb des Schalters drücken.

Durch diese Feder hat der Motor auch eine arge Unwucht und läuft mit deutlich spürbaren Vibrationen. Das Material zur Schwingungsdämpfung ist also zwingend erforderlich.

Beim Nachfolger 109 geschieht die Einstellung der Drehzahl wesentlich eleganter und feinfühliger über eine kleine Schraube, die eine ähnliche Feder mehr oder weniger spreizt. Auch verfügt dessen Motor über ein passendes Gegengewicht, ist damit gut ausgewuchtet und läuft nahezu vibrationsfrei. Außerdem ist dort der Fliehkraftschalter gekapselt, wodurch der Motor sehr geräuscharm läuft. Im 108 ist der Schalteraufsatz offen, so wie auf den Bildern zu sehen, und sorgt für einen störenden Geräuschpegel.

Nach langem Probieren habe ich den Antrieb jetzt so weit, daß er mit etwa der korrekten Geschwindigkeit läuft und diese auch einigermaßen stabil hält. Auf den letzten Metern des Bandes fängt das Gerät an zu leiern. Das könnte aber auch an der Andruckrolle liegen.

Ansonsten gab es nicht viel zu tun. Im Verstärker waren ein Elko zu tauschen und das Lautstärkepoti, übrigens das einzige Bauteil im Gerät, das einen Hinweis auf das Baujahr gibt:

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Welche Alternativen hatte die Kundschaft damals in Frankreich? 1960 waren dort auch das MT4 bzw. MT5 von Butoba aus dem Schwarzwald erhältlich. Die Butobas arbeiten ebenfalls mit zwei Motoren für Bandtransport und Umspulen, haben aber einen deutlich größeren Lautsprecher und damit einen besseren Klang, sie haben wesentlich bessere Motoren und sie können bei gleichen Bandgeschwindigkeiten Spulen bis 13 cm aufnehmen, arbeiten aber nur mit Halbspur. Als Importgeräte dürften sie in Frankreich deutlich teurer gewesen sein als dieses heimische Produkt. Und sonst? Von Philips (bzw. in Frankreich auch unter der Marke Radiola) gab es einen Henkelmann für 8-cm-Spulen, von dem ich aber nicht weiß, ob der 1960 schon auf dem Markt war.
Sonst fällt mir da gerade nichts ein. Bei Transistorgeräten war die Luft 1960 noch recht dünn, da war man in Nizza ziemlich weit vorne mit dabei.

Gruß
TSF


RE: Radio-Star 108 - kesselsweier - 12.03.2025

Bonjour TSF,

danke für Deinen (wieder mal) gut gemachten Bericht über die (weitere) Kleine von der Côte d'Azur.

Cordialement,
Franck


RE: Radio-Star 108 - bitbrain2101 - 13.03.2025

Hallo TSF,

ich bedanke mich, auch im Namen eines Kollegen, für die tolle Beschreibung dieses exotischen Gerätes.

MfG, Tobias


RE: Radio-Star 108 - TSF - 13.03.2025

Bonjour Frank, bonjour Tobias,

es freut mich, daß dieser Winzling aus dem sonnigen Süden bei Euch auf Interesse gestoßen ist.

Cordialement
TSF


RE: Radio-Star 108 - moxx - 13.03.2025

Wunderschön und fast geeignet für die zeitgenössische Puppenstube, diese südfranzösischen bunten Winzlinge.
Besonders das Modell 109 finde ich hübsch.  Heart 

Wer oder was verbirgt sich hinter der von dir erwähnten Marke "Butoba" aus dem Schwarzwald, Manfred ?
Von der habe ich noch nie gehört.

Herzlichen Dank für die Vorstellung der Maschinchen !

Bonne nuit,
Frankie


RE: Radio-Star 108 - TSF - 14.03.2025

(13.03.2025, 23:10)moxx schrieb: Wer oder was verbirgt sich hinter der von dir erwähnten Marke "Butoba" aus dem Schwarzwald?
Von der habe ich noch nie gehört.

Das ist eine Lücke, die wir doch sofort schließen können.  Wink

Voilà : https://tonbandforum.de/showthread.php?tid=16428

Bonne nuit
TSF


RE: Radio-Star 108 - moxx - 14.03.2025

Merci beaucoup,  Manfred !
Eine kurze Recherche ergab, dass der Firmenname BUTOBA sich von BUrgerTOnBAndgerät ableiten soll.
Denn das wäre meine nächste Frage gewesen.

Interessant,  dass diese kleine Firma einem Industrie-Imperium entstammt.

Schade, dass die meisten dieser lokalen Hersteller die Zeiten (in D und F) nicht überdauert haben. 

Frankie