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Der billige Kassettenwecker "Modell 230" - Druckversion

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Der billige Kassettenwecker "Modell 230" - tk141 - 24.01.2025

Hallo,

meine musikalisch prägende Zeit begann Mitte der 1980er und ich habe bis heute daher eine Schwäche für billiges Audioequipment aus der Zeit. War mein erster Radiorecorder noch ein vergleichsweise teutonisch-solider Grundig RR250 (mit sehr lautem Antriebsgeräusch), so stieg ich in das Walkman-Zeitalter mit einem babyblauen Crown SZ-11 ein, den der Radio-Fernsehtechnikladen in unserer Kleinstadt für nur 29,95 DM anbot. Er war natürlich in jeder Hinsicht auch sehr 29,95 DM, nur Vorspulen, anstatt einem zweiten Spulenrad nur ein Plastiknippel in Gehäusefarbe, für so wenig Technik recht groß und der Gleichlauf war verbesserungswürdig. Aber ich fand ihn mit 11 Jahren sensationell.

Ich bekenne jedenfalls, ich mag billige Ghettoblaster, Schneideranlagen und sonstigen Krempel, an den heute niemand mehr erinnert werden will.

Und daher möchte ich meine neueste Erwerbung zeigen, sowas wollte ich schon immer haben: Ein Radiowecker mit Kassette, der auch mit Kassette wecken kann! Laut dem Post-FTZ-Zeichen von 1987 ist dieses Plastikding so herrlich zeittypisch und wirkt von der Gehäusequalität ungefähr so wie mein Crown SZ-11 damals. Ja, das Ding ist richtig billig und leicht, kann auch nur vorspulen und das zweite Spulenrad ist nur ein feststehender Nippel, aber immerhin im Durchmesser eines Rades und in schwarz, Autostop am Ende ist auch vorhanden.

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Ich hatte das Ding eigentlich nur als Objekt für einen einstelligen Betrag aus dem Secondhandladen mitgenommen, ohne die Erwartung, dass es noch funktioniert. Etwas so Billiges kann doch nach 38 Jahren nicht mehr funktionieren... doch! Alles funktioniert, das Kassettenlaufwerk leiert etwas, braucht offenbar einen neuen Riemen, aber es frisst keine Kassetten. Da es ein reines Wiedergabelaufwerk ist, lauert auch kein Permanentmagnet. Man öffnet die Klappe und legt die Kassette von Hand ein, wie bei ganz frühen Kassettenrekordern. Der Tonkopf ist mono, einen Kopfhöreranschluss gibt es nicht.

Das Radio empfängt, die LEDs der Uhr leuchten, Alarm geht, Radiowecken geht - und eben auch Kassettenwecken. Man stellt den Alarmwählschieber auf Auto, die Funktion auf Cass, drückt Play und das Gerät spielt zur Weckzeit los. Sogar eine Snooze-Sensortaste aus Metall gibt es, die für alle drei Weckarten funktioniert und neun Minuten Aufschub gewährt.

Ich hatte nichts erwartet, aber das Gerät hält durchaus, was es verspricht. Der Sound reicht zumindest zum Wecken. Cool

Ich hatte es jetzt noch nicht geöffnet, aber von außen findet man keinen einzigen Hinweis auf einen Hersteller oder eine Handelsmarke. Auf dem silbernen Aufkleber am boden, auf dem sich auch das FTZ-Zeichen befindet, steht lediglich "Modell 230". Da alle Beschriftungen auf Deutsch sind, offenbar eine eigene Ausführung für den deutschsprachigen Markt, in den 80ern gab es so etwas noch.

Wenn ich mich mal um den Riemen kümmere, finde ich innen vielleicht noch Hinweise auf die Herkunft.

Viele Grüße
Nils


RE: Der billige Kassettenwecker "Modell 230" - timo - 24.01.2025

Mich sprang der Name "Tchibo" an. Ich erinnere mich, dass die in den 1980ern teilweise solche komplett namenlosen Kleinelektronik-Geräte vertrieben haben. Auf der Verpackung tauchte das Tchibo-Logo auf, auf den Geräten selbst stand nichts.


RE: Der billige Kassettenwecker "Modell 230" - tk141 - 24.01.2025

Das könnte passen. Später haben sie ja "TCM" draufgeschrieben (was böse Zungen mit "Tchibos China-Mist" übersetzt haben). Aber, wie gesagt, so mistig ist es gar nicht, es brummt nicht einmal der Verstärker nach all der Zeit.

Viele Grüße
Nils


RE: Der billige Kassettenwecker "Modell 230" - Spitzenwitz - 25.01.2025

(24.01.2025, 21:34)tk141 schrieb: Ich bekenne jedenfalls, ich mag billige Ghettoblaster, Schneideranlagen und sonstigen Krempel, an den heute niemand mehr erinnert werden will.

Eine sehr mutige und ehrlich Aussage in einem Forum, finde ich gut.

Wenn man das in einem Forum ohne Gegenwind machen kann, dann hier thumbup


RE: Der billige Kassettenwecker "Modell 230" - timo - 25.01.2025

Ich würde mir heute sowas nicht mehr in die Bude stellen wollen, aber ich finde es gut, dass sich jemand solcher Geräte annimmt. Letztendlich sind für viele von uns die Magnum- und Elite-Kompakt-Türmchen ja ein Teil ihrer Kindheit (Schneider war schon Luxus, die hatten ja teilweise sogar Dolby im Kassettenteil). Smile


RE: Der billige Kassettenwecker "Modell 230" - RalfR - 25.01.2025

Ich hatte 50 Jahre lang einen Radiowecker, den ich mal als Prämie für eine Tageszeitung bekommen hatte. Der hat durchgehend gut funktioniert und war kein Markenprodukt.

Ich zweifle stark, dass die Geräte heute auch noch so lange halten würden.


RE: Der billige Kassettenwecker "Modell 230" - tk141 - 25.01.2025

@Michael und Timo: Richtig, das ist der Nostalgiefaktor daran, ich bin damit aufgewachsen und diese Geräte ermöglichten es mir damals, meine eigene Musik zu entdecken und zu hören. Sowas habe ich mir mit 11 Jahren im Otto-Katalog angeschaut. Die ganzen "guten" Geräte hatte damals de facto so gut wie niemand, nicht einmal die Eltern, solche günstigen Apparate spiegeln somit die reale Alltagskultur meiner Kindheit und Jugend der 80er und 90er wieder. Hatte jemand ein Doppelkassettendeck in seinem Ghettoblaster oder seiner All-in-One-Plastikanlage, war er ein Held in der Klasse, denn er konnte anderen was überspielen. Sowas erzählt der heutigen Spotify-Jugend auch davon, wie wir damals hinter raren Songs hinterhergejagt sind. Ob die aus dem Radio kamen oder von einem überspielten Band in dritter Generation war egal, das Taschengeld reichte nur für Kassetten.

In diesem Forum hier sind ja keine Snobs unterwegs, man kann sich auch über Grundig-Mono-Tonbandgeräte der 60er Jahre, verschiedene Varianten obskurer Hong Kong-Kassetten etc. austauschen, daher habe ich mir gedacht, ich zeig das Teil mal, denn bestimmt kommt es sonst nirgendwo im Netz vor. Es hat ja noch nicht einmal einen Namen.

@Ralf: Ich habe mich schon bei einigen auf den ersten Blick zweifelhaften Geräten gewundert, wie lange die gehalten haben. Offenbar haben damals auch OEM-Hersteller oft brauchbare Komponenten verbaut. Und klar, je weniger komplex, desto weniger anfällig.

Viele Grüße
Nils


RE: Der billige Kassettenwecker "Modell 230" - RalfR - 25.01.2025

@Nils: Ja, dieser Radiowecker hatte eine rote 7-Segment Anzeige für die Uhrzeit und ein analoges Empfangsteil. Der wird heute noch benutzt.

Dagegen hatte der MBO Radiowecker meiner Mutter mit dimmbarer blau-grüner Fluoreszenz Anzeige schon nach einem Jahr leichte Ausfallerscheinungen im Display.


RE: Der billige Kassettenwecker "Modell 230" - bitbrain2101 - 25.01.2025

Hallo,

die Markengeräte sind nicht besser. Ich habe mal einen Sony Radiowecker eines Kollegen repariert, da hatte ein Elko mit vollem Kurzschluss noch die Temperatursicherung des Netztrafos hochgehen lassen, weil es keine weitere Sicherung in dem Gerät gab.

MfG, Tobias


RE: Der billige Kassettenwecker "Modell 230" - timo - 25.01.2025

(25.01.2025, 10:24)bitbrain2101 schrieb: die Markengeräte sind nicht besser.

Das mit den vermeintlichen Markengeräten ist doch inzwischen sowieso oft eine fragliche Angelegenheit, gerade bei solchem Kleinkram wie Radioweckern. Ich vermute, dass der Markenhersteller das oft nicht mehr selbst produziert. sondern lediglich seinen Namen an einen OEM in China lizenziert. Wenn man Glück hat, achtet er dann noch drauf, dass unter seinem Namen kein kompletter Ramsch in den Handel gelangt, aber garantiert ist das wohl nicht.