Tonbandforum

Normale Version: Geloso G268
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Von der Mailänder Firma Geloso war hier ja schon die Rede. Ich hatte vor einigen Jahren deren Modell G255 vorgestellt, welches bei seiner Einführung 1955 durch sein ungewöhnliches Erscheinungsbild auffiel. Sein nur aus wenigen Kunststoffteilen bestehendes Gehäuse, der Deckel aus transparentem Kunststoff und die Reihe verschiedenfarbiger Tasten für die Laufwerksfunktionen sollten charakteristisch für etliche nachfolgende Modelle des Hauses werden.

Um einen dieser Nachfolger geht es hier.

Das G255 verfügte über zwei Bandgeschwindigkeiten, 4,75 und 9,5 cm/s, konnte aber nur Spulen bis 8 cm aufnehmen. Mit der Vorstellung der ersten Nachfolger 1959 kam es zu einer Aufspaltung. Es gab einerseits kleine Geräte für 8er-Spulen, jetzt aber nur noch mit 4,75 cm/s laufend, in Gestalt von nacheinander G256, G257, G600. Und es gab für höhere Ansprüche größere Geräte für 13er-Spulen, die auch mit 9,5 cm/s liefen, nämlich G258 und G268.
Ersteres wurde 1959 vorgestellt, letzteres in der Ausgabe Nr. 81 der vierteljährlichen Hauszeitschrift Bollettino Tecnico Geloso vom Sommer 1961. Um dieses G268 geht es hier. Worin der Unterschied 258/268 besteht, ist mir unklar. Bei Erscheinungsbild und Schaltplan sind mir bisher keine Unterschiede aufgefallen.

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Das G268 ist ein kompaktes Gerät mit den Abmessungen 34 x 22 x 16 cm (B x T x H) und einem Gewicht von ca. 6 kg. Wie beim Urahn besteht das Gehäuse aus wenigen Kunststoffteilen, einer Boden- und einer Deckplatte sowie zwei Halbschalen, die Front und Rückseite bilden.

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An der rechten Seite gibt es die erwähnten verschiedenfarbigen Tasten für Aufnahme, Stop, Wiedergabe und Rücklauf, darunter den Netzschalter sowie Lautstärke- und Klangregler, letzterer als ein Plus, auf das die kleineren Modelle alle verzichten mußten.

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Oben zwischen den Spulen sitzt der Geschwindigkeitswähler für 9,5 – 4,75 – 2,38 cm/s. Für die höchste Geschwindigkeit gibt Geloso einen Frequenzumfang von 50 bis 12000 Hz an.

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Der Urahn G255 mußte noch ohne Bandlängenzähler auskommen, die Nachfolger bekamen ab 1959 einen spendiert, hier in Gestalt einer Ein-Zeiger-Banduhr.

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Auch beim Aussteuern bieten die großen Modelle mehr Komfort dank einer Anzeigeröhre EM 84 statt des winzigen Ausrufezeichens DM 70 der kleinen Geschwister.

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An der Rückseite findet man einige Anschlußmöglichkeiten.

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Rechts die Anschlüsse für Kontrollkopfhörer und externen Lautsprecher:

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Links die Anschlüsse für Fernbedienung und Mikrophon:

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An der Vorderseite wird auf die hohe Klangqualität hingewiesen.

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An der Unterseite des Koffers sitzt der Spannungswähler.

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Soweit das Äußere.

Nach Lösen einiger Schrauben an Deck- und Bodenplatte (eine versteckt sich unter der silbrigen Abdeckung rund um die Anzeigeröhre, weshalb deren drei Schrauben auch gelöst werden müssen), läßt sich das Chassis komplett vom Gehäuse trennen. Der Lautsprecher ist mit dem Chassis über einen Stecker verbunden.

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Auf dem Lautsprecher findet man ein Herstellungsdatum desselben, bei Geloso üblicherweise in der Form JJTTMM. Dieser hier stammt also vom August 1960. Das Gerät ist aber etwas jünger, denn die Röhren wurden erst zwischen September und November 1961 bei der belgischen M.B.L.E. und bei Philips in Heerlen gefertigt.

Ein Blick von oben auf das Chassis:

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Das Laufwerk kommt mit nur einem Motor und ganz ohne Riemen aus. Ein Reibrad treibt das Schwungrad an, ein zweites den Unterteil des rechten Bandtellers, auf dem der obere auf einem Filzring aufliegt. Ein kleines Gummirad drückt bei Bedarf für den schnellen Vorlauf gegen beide Teile und stellt so den Kraftschluß zwischen unten und oben her. Für den schnellen Rücklauf wird das Reibrad mittels Zugmagnet nach links gedrückt und treibt über ein Zwischenrad den linken Bandteller an.

Der aufmerksame Leser hat vielleicht bemerkt, daß es keine Taste für den schnellen Vorlauf gibt.
Dafür muß man – wie schon beim Urahn G255 – im Wiedergabebetrieb den roten Hebel an der Vorderseite nach links bewegen, wo er einrastet. Damit werden die Andruckrolle von der Tonwelle und die Andruckfilze von den Köpfen abgehoben, gleichzeitig wird besagtes kleines Gummirad gegen den rechetn Bandteller gedrückt und das Band wird halbwegs flott durchgezogen. Mit dem roten Hebel geschieht dies alles rein mechanisch, die Fernbedienung erledigt das über Zugmagnete.

Die Banduhr wird per Getriebe und Welle vom linken Bandteller angetrieben.

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Am rechten Bandteller befindet sich dieser Schleppschalter:

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Er verhindert, daß beim direkten Umschalten von Rücklauf auf Wiedergabe die Andruckrolle und die Andruckfilze bereits angedrückt werden, während das Band noch in der Rückwärtsbewegung ist. Eine sinnvolle Einrichtung, wenn das G268 als Diktiergerät verwendet wird.

Die beiden Köpfe sitzen – wie schon beim G255 – unter einer gemeinsamen Abschirmung.

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Ein seitlicher Blick auf das Chassis:

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Nach Lösen weniger Schrauben und einiger Steckverbindungen können Ober- und Unterteil von einander getrennt werden.

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Das Oberteil trägt den Tastensatz, den Motor und drei Zugmagnete.

Beim Motor kam Zinkdruckguß zum Einsatz, was zu Problemen führen kann. Dieser hier läuft noch problemlos.

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Auf dem Unterteil des Chassis findet man die gesamte Elektronik samt Netztrafo und Übertrager.
Es handelt sich um einen vierstufigen Verstärker mit den Röhren ECC 83, ECC 83, EL 90. Eine der vier Trioden wird nicht zur Verstärkung verwendet. Sie ist als Diode geschaltet (Steuergitter mit Anode verbunden) und richtet das Nf-Signal zur Ansteuerung der Anzeigeröhre gleich, die hier auch im Wiedergabebetrieb Regung zeigt.

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Es ist in Tonbandgeräten üblich, die erste Verstärkerröhre federnd auf dem Chassis zu montieren. Hier hat man die Fassung der ersten ECC 83 mit einer Metallzunge federnd schräg befestigt.

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Geloso bot zum G268 umfangreiches Zubehör an. Da ist zunächst ein stabiler Tragekoffer mit Seitenfach zum Verstauen von Netzkabel, Mikro und allem, was man sonst so braucht.

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Auch den Koffer ziert das Firmenlogo.

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Zahlreiches Zubehör steht in Verbindung mit einer Nutzung als Diktiergerät, die angesichts der beiden langsamen Bandgeschwindigkeiten ausdrücklich beworben wird. Dazu gehören eine Fernbedienung, entweder als Fußpedal oder für Betätigung per Hand und befestigt an der Schreibmaschine, ein Mikrophon T27 mit Fernbedienungstasten, ein transistorisierter Akustomat zur Sprachsteuerung. Weiterhin gab es ein Tischmikro M1112 mit Standfuß und ein Handmikro M51.

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Und es gab natürlich auch Geloso-Bänder in Geloso-Verpackung.

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Der Verkaufspreis betrug im Sommer 1961 56.000 Lire, damals umgerechnet ca. 359 DM.
Zum Vergleich: Ein Uher Universal – ebefalls mit drei Bandgeschwindigkeiten, fernbedienbar und für Spulen bis 13 cm –  kostete laut RM.org 579 DM.

Konnte man mit einem G268 zufrieden sein? Ich denke schon.
Der Klang ist bei 9,5 cm/s recht ordentlich. Die Bässe sind etwas schwach, die Höhen kommen aber sehr klar, die Tonblende ist sehr wirkungsvoll. Die Endröhre EL 90 ist recht kräftig und macht hier ordentlich Dampf. Wie das Gerät an einem externen Lautsprecher klingt, habe ich noch nicht ausprobiert.

Womit muß man beim Kauf heute rechnen?

Wie bei einigen anderen Geloso-Modellen gehen hier die kleinen Beschriftungsplättchen hinten an den Anschlüssen, unten am Spannungswähler und oben an den Tasten leicht verloren, weil der Klebstoff nicht langzeitstabil ist. In dieser Hinsicht vollständige Exemplare sind eher die Ausnahme.

Wenn frühere Besitzer bei längerer Nichtbenutzung den roten Hebel stets nach links gedrückt ließen und den Geschwindigkeitswähler in eine Zwischenstellung brachten, haben weder die Andruckrolle noch das Reibrad, welches die Tonwelle antreibt, Dellen bekommen. Anderenfalls …
Das zweite Reibrad, welches die Bandteller antreibt, bleibt dagegen stets angedrückt und wird für Geräusche sorgen. Bei diesem Exemplar hier ließen sich die alten Dellen leicht herausschleifen. Es werden jedoch wieder neue entstehen.

Die Elektronik ist sehr reparaturfreundlich. Die Geloso-Elkos waren alle noch brauchbar und blieben drin. Die Koppelkondensatoren waren dagegen inkontinent und kapazitätsmäßig weit ab vom Soll.

Wenn man ein gut erhaltenes Exemplar erwischt, ohne Kratzer und Sprünge im Gehäuse und vor allem im Deckel, dann hat man ein Gerät in ungewöhnlichem Design. Die metallisierte Plastikabdeckung rund um Banduhr, Anzeigeröhre und Lautstärkeregler erinnert mich immer an die Anfänge des Raumfahrtzeitalters.


Gruß
TSF
Dankeschön für die Vorstellung dieses (in meinen Augen) skurillen Gerätchens. 
LG 
Mike
Eine sehr schöne, informative und gelungene Vorstellung dieses Gerätes.
Das macht natürlich auch einige Arbeit aber das Ergebnis rechtfertigt die Mühe.
Solche Vorstellungen und bebilderte Berichte vermisse ich mittlerweile sehr im Forum...

Viele Grüße, Jan
Dem kann ich nur beipflichten!

Wo und wann bekommt man denn solche Exoten zu Gesicht. als bkennender Farben-Junkie erfreut mich der Anblick dieser Schöpfung von südlich der Alpen ganz besonders.
Danke dafür.

V.G.

Jo
Sehr schöne Vorstellung, danke dafür! Mir gefällt das bunte Designn sehr und auch das Zubehör sieht richtig gut aus. Schade, dass die späteren Modelle nur 4,7 als Geschwindigkeit boten.

Bei mir ist auch etwas von Geloso im Einsatz. Diese zwei sehr sehr gut klingenden Geloso G1 1020A Röhrenverstärker bilden ein Stereopaar. Mit jeweils zwei EL84 im Gegentakt sind 15 Watt drin. Wie man sieht, passen sie auch wirklich wie angegossen zu Ikea Kallax-Regalen!

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Schöne Grüße
Alexander
Ganz große Klasse, sowohl Manfreds detaillierter und, wie immer, perfekt gemachter Bericht über die kleinen, liebenswerten Maschinchen aus Milano  Heart als auch Alexanders Mono-Gelosi, die durchaus "HiFi-Glamour" ausstrahlen.

Das macht Appetit auf mehr.

Herzlichen Dank für die Infos und Fotos vom G268, Manfred !

Frank
Hallo zusammen,

danke für Euer reges Interesse an diesem Exoten.

@Ferrograph:
Ist mir auch aufgefallen, daß Gerätevorstellungen in letzter Zeit selten wurden.
Aber nach über 20 Jahren BMF haben wir die wichtigsten Modelle wohl langsam durch. Bleiben noch einige Exoten, die man aber erst mal irgendwo auftun muß.
Ich werde mal in meinem Keller nachsehen. Falls sich da noch was findet, könnte es in nächster Zeit wieder ...  Wink

@eudatux23:
Das ist ja toll! Zwei Mono-Verstärker von Geloso als Stereo-Paar. So häufig findet man die ja auch nicht.
Aber wie ist das, wenn Du die Lautstärke verändern willst? Man muß dazu ja an beiden drehen. Ist es nicht schwierig, da die Balance links/rechts zu behalten?
Aber vermutlich hast Du darin schon Übung?

Cordiali saluti
TSF
Ich habe die beide immer auf 4 als Lautstärke stehen (da ist volle Aussteuerung recht laut) und regle dann mit meinem davor geschalteten Mischpult die Lautstärke beider Kanäle auf einmal. Ohne Mischpult würde ich wahrscheinlich recht schnell Übung darin haben, die beiden Regler synchron zu drehen, aber praktischer ist natürlich, wenn man gar nicht mehr dran drehenn muss.

Schöne Grüße
Alexander
Bravo!

Wieder einmal eine exzellente Vorstellung eines stilistisch unnachahmlichen Gerät(chen)s.
Auch das Selbstbewusstsein, Anno 1961 alles noch in Italienisch zu beschriften, ist bemerkenswert.
Außerdem haben die NF-Anschlüsse stets 6,3mm-Klinke, nix DIN.
Grazie TSF!

Saluti di
Franco
Was ich mich frage, schon damals als der Thread loslief...wie kommt ihr an solche Exoten?

Ich meine, klar, gerade sind welche in den KA, aber das kann ja nicht immer so sein bei solchen Marken
Also ich habe meine Gelosos (Gelosi?) alle in Frankreich gekauft.

Die wurden dorthin in größeren Stückzahlen exportiert. Mit etwas Geduld konnte man zumindest in früheren Jahren immer mal ein gutes Exemplar für wenig Geld ergattern. Dieses hier hat inkl. Koffer, aber ohne Mikro, genau 5,50 Euro gekostet.

Gruß
TSF