die oberste Grenzfrequenz bei einer Platte kann man mit dem Nadeldurchmesser zur Seite und der Rillengeschwindigkeit relativ leicht ausrechnen. Das war auch 1958 schon so. Wenn die Nadelfläche breiter ist, als die Information in der Rille, "rutscht" die Nadel darüber weg, egal, was in die Platte geschnitten wurde.
Ein praktischer Anwendungsfall, der die Grenzen mit den angeblich unendlichen Oberwellen der Schallplatte aufzeigt waren die CD4 Quadro-Platten der 1970iger Jahre. Für CD4 war es zwingend nötig, Frequenzen bis über 40kHz abtasten zu können. Um dies beim Schnitt überhaupt realisieren zu können, wurde das Half Speed Dubbing erfunden, und für die Wiedergabe waren besondere Nadelschliffe erforderlich, Shibata ist der bekannteste, der für CD4 Quadro entwickelt wurde.
Frequenzgänge bis über 100kHz, mit denen manche High End Tonanbnehmer prahlen, sind absoluter Mumpitz, weil es die Technologie Schallplatte überhaupt nicht hergibt. Ich hatte das mal vor langer Zeit ausgerechnet - mit elliptischen oder sonstwie biradialen Standard Nadeln geht so bis 23 kHz, sphärische Nadeln schaffen je nach Durchmesser keine 20kHz, und Shibata Nadeln kommen mit viel Glück auf etwas über 50kHz.
Dieser Zusammenhang zwischen Nadeldurchmesser und Abtastfähigkeit erklärt auch, warum rustikale Magnetsysteme wie das M75 mit dicker Standardnadel so gnädig mit schlechten Platten umgehen, und es klanglich immer analytischer wird, je kleiner die Nadelfläche ist, die an den Rillenflanken langläuft.
Was die Fähigkeiten der Geräte aus der Zeit angeht, da gab es schon eine ganze Menge edles Zeug. Ich habe hier mal einen Artikel aus der Funk-Technik von 1952 verlinkt, der neu entwickelte Plattenspieler von PE beschreibt, die 1951 ( !! ) erstmals auf den Messen aufgetaucht sind:
https://www.nerstheimer.de/bilder_02/pe_...52_web.pdf
Achtung, Download beginnt sofort beim Anklicken des Links. Ich besitze eine Grundig Musiktruhe 9010 von 1953, wo der erste PE Wechsler Rex in der Sonderklasse Ausführung verbaut ist, der mit dieser Technik ausgestattet ist. In der zweiten Hälfte der fünfziger, noch vor Beginn der Stereo Ära, hat Grundig in alle Spitzenmusikschränke das Mono Magnetsystem PE7000 eingebaut, das nach dem selben Prinzip funktioniert:
https://www.nerstheimer.de/9010/index.php
1958 gab es die ersten Stereo Magnetsysteme, allen voran das ELAC STS200, das auch als PE8000 verkauft wurde. Ich kenne die Daten nicht genau, aber sowohl das STS200 als auch das Bang und Olufsen SP1 schafften schon Frequenzgänge in Richtung 20kHz. Der Hauptgrund, wieso das heute kaum jemand als HiFi wahrnimmt, ist, dass es nicht nach HiFi ausgesehen hat. Auch die dicken Brocken haben sich in ganz normalem Dampfradiodesign versteckt, außerdem war das Zeug so teuer, dass es sich selbst wohlhabende Leute nur selten gekauft haben. Die Ingenieure wussten auch in den 1950igern schon genau, wie HiFi geht, und der "offizielle" Beginn von HiFi um 1962 wäre ohne diese Entwicklungen niemals möglich gewesen.
Gruß Frank